Liebesfilm "(500) Days of Summer": Der Irrsinn von Verknallten

Von Birgit Glombitza

Er liebt sie, sie liebt ihn nicht: Der Independent-Kinoerfolg "(500) Days of Summer" traut sich, vom großangelegten Scheitern einer Beziehung zu erzählen - und schafft das Kunststück, gleichzeitig romantisch, witzig und morbide zu sein.

"(500) Days of Summer": Vom Scheitern einer Liebe Fotos
20th Century Fox

Sie kriegen sich. Sie kriegen sich nicht. So oder so, es ist in jedem Fall zum Heulen. Zum Heulen schön, tragisch oder auch nur hysterisch. Das Schema einer Boy-meets-Girl-Geschichte hält im groben Ablauf wenig Überraschungen parat. Wer sie trotzdem erzählt und etwas auf sich hält, verausgabt sich also lieber bei der Entwicklung skurriler Details, origineller Nebenstränge oder bei einer abgründigen Figurenzeichnung.

Eine besonders hübsche und wundervoll morbide Variante hat sich jetzt Marc Webb einfallen lassen. Ein junger Regisseur, der bislang eher durch Musikvideos für Musiker wie "Green Day" und "Anastacia" aufgefallen ist. Schon dort mochte Webb es Clip-gemäß sprunghaft, verwirrend und gerne auch mal böse. Und so verwundert es nicht, dass sich seine Junge-trifft-Mädchen-Version auch nicht zum überlebensgroßen Lungenkuss vor glühendem Sonnenuntergang und zu ohrenbetäubendem Vogelgezwitscher steigert.

Die Liebesgeschichte von "(500) Days of Summer" ist keine. Es ist die Geschichte einer umständlichen Verweigerung (Sie) und einer am Wirklichen zerbrechenden Übertreibung (Er). Im Quirl einer liebeskrank delirierenden Erinnerung zerfällt die Geschichte zu einem Vor und Zurück der Annäherungen und Verzögerungen, des großen "Unbedingt" und des kleinmütigen "Lieber nicht".

Legt man ihre Einzelteile chronologisch hintereinander, kommt etwa dies heraus: Tom (Joseph Gordon-Levitt) ist Mitte zwanzig, mittelgroß, mittelhübsch und mittelschlau. Er hat sich längst in einem Leben ohne Superlative eingerichtet. Statt als Architekt arbeitet er als Glückwunschkarten-Designer. Wenn ihn sein Chef für die Gestaltung der neuen Karten lobt, ist er schon zufrieden. Bis Summer (Zooey Deschanel) in seinem Büro auftaucht. Ein Mädchen mit sehr runden Augen, sehr klaren Meinungen zu den Irrtümern der Liebe und einem sehr geraden Pony, der dessen aufgeregten Worten immer noch eine Weile hinterherwippt.

Endlich ist das Leben ein Wunschkonzert

Bei einer Textzeile von "The Smiths" - "...to die by your side" - erkennen die gegensätzlichen Gemüter ihre Anziehung. Zusammen wird sie bei der ersten engeren Begegnung im Aufzug gesungen. Mit dieser Suizid-Empfehlung verliebt sich Tom unsterblich. Und weil alle jungen Erwachsenen schwarze Romantiker sind, die die Welt verleugnen, um den eigenen Untergang nur umso klarer zu erkennen, sehnt er sich nach dem, was er nicht haben kann. Jedenfalls nicht länger als für die Dauer einer Sommerlaune.

"(500) Days of Summer", der die Perspektive des erst katatonischen, dann euphorischen, schließlich verzweifelten Tom nie verlässt, beginnt erzählerisch, als bereits alles vorbei ist. Das Glück einer gemeinsam durchschluchzten Karaoke-Nacht, das Hüh-und-Hott bei der Frage, wer nun beim wem wie schläft, das wüste Geknutsche am Kopierer und schließlich der ganze lustvolle Sid-Vicious-and Nancy-Wahnsinn, wie die beiden ihre ersten und letzten Streit nennen.

Summer will nicht mehr. Nicht so, nicht so ernst, verbindlich, ausschließlich. Danach springt der Film mit den Gedankenkreiseln des gekränkten Toms haltlos vor und zurück. Er klappert alles noch einmal ab nach gemachten Versprechen, nach gemeinsamen Ausblicken und gegenseitigen Offenbarungen. Nach irgendetwas, das Summer noch einmal zurückzwingen könnten. Wir sehen die frisch Verliebten in Ikea-Wohnlandschaften Szenen eines bürgerlichen Lebens spielen. Wir besuchen mit Tom eine Party, die Summer gleich zweimal gibt. Einmal in Toms Wunschfassung mit Kuss und Happy End. Einmal in einer wahrhaftigeren und deutlich tristeren Ausgabe voller Ignoranz, Eifersucht und zuknallender Türen.

Immer wieder fügen sich Wahn und Wunsch zur Perspektive des Erzählers Tom. Ob als animierte Traumarchitektur, die sich über das Panorama von Los Angeles legt. Oder als Musical-Einlage, die nichts anderes braucht als den Irrsinn eines Verknallten, um vor Überhöhungen durchzudrehen. In seinen schönsten Momenten ergibt sich der Film ganz subjektiven Zuspitzungen wie dieser: Nach der ersten gemeinsamen Nacht tritt Tom nach draußen. Er atmet tief den neuen Tag ein, lockert die Krawatte, setzt ein Siegerlächeln auf. Jeder Stein auf der Straße gehört jetzt ihm. Die Springbrunnen werfen zu seinen elastischen Schritten ihre Wassersäulen in die Luft. Passanten nehmen den Mann der Männer in die Mitte ihrer chorus line.

Und endlich ist das Leben ein utopischer Clip, ein schallendes Wunschkonzert und der kleine, durchschnittliche Tom sein überaus stolzer Zeremonienmeister.

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