Liebesfilm "Angèle und Tony" Fischer trifft auf Femme fatale

Wie die Landschaft, so die Liebe: Der französische Debütfilm "Angèle und Tony" erzählt ganz einfach eine Liebesgeschichte. Die fasziniert aber trotzdem - denn so schmucklos und gleichzeitig ergreifend wie der Drehort an der Küste kommt der gesamte Film daher.

Von Jörg Schöning


Mit Sex fängt es an, dann ist das schon mal erledigt. Die Vorspanntitel sind eben vorüber, da geht der Film schon zur Sache. An einer Hauswand steht Angèle und bumst mit einem jungen Asiaten ("Bumsen" wird es in den Untertiteln heißen; Angèle ist Französin, sie sagt "baiser", was nur bedingt netter klingt). Der junge Asiate verschwindet dann sehr rasch aus dem Film und damit auch aus Angèles Leben. Doch zuvor hat sie schnell noch den vereinbarten Lohn einkassiert. Es ist ein Kinderspielzeug, ein "Actionman", made in Shanghai. So wie Angèle aussieht, hätte sie aber auch ganz klar Bares verlangen können.

Sex ist also nicht das Problem. Und auch das Geld wäre wohl nicht wirklich eins. Sondern: Angèle will mit ihrem kleinen Sohn zusammen sein. Aber dazu braucht sie einen Ehemann. Und genau das ist ihr Dilemma: Welcher Mann will schon eine vorbestrafte Mutter zur Frau? Am Ende des Films wird es der Fischer Tony wollen, obwohl gerade das am Anfang ihrer Bekanntschaft am allerunwahrscheinlichsten schien.

Die Schöne und der Pykniker: Angèle ist groß, schlank, schnell und beweglich. Tony ist unscheinbar, rund und einen halben Kopf kleiner als sie. Gegensätze ziehen sich an? Ach was. Gegensätze nehmen Reißaus. Eine Kontaktanzeige hat die beiden zusammengeführt. Die Begegnung dauert keine Viertelstunde. Dann empfiehlt Tony ihr, sich einen anderen Typen zu suchen, einen, der ihr entspricht, "einen aus der Stadt". Doch Angèle bleibt hartnäckig dran an dem Mann.

Arbeitskampf und Liebesmüh

Wie aus Kalkül Liebe wird, das erzählt die französische Regisseurin Alix Delaporte in ihrem Spielfilmdebüt ebenso sensibel wie wohlkalkuliert. Zwar sind wir hier Zeugen einer gegenseitigen "Erziehung des Gefühls" für den jeweils anderen, doch wird der Film darüber niemals sentimental. Das liegt an den Charakteren, aber auch am Milieu, das die Regisseurin so genau zeichnen kann, weil sie es seit ihrer Kindheit kennt. Sie hat in der Normandie, bei Port-en-Bessin, wo der Film spielt, regelmäßig ihre Ferien verbracht und dort Fischer wie Tony kennengelernt.

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"Angèle und Tony": Zwischen Gischt und Leidenschaft
Alix Delaporte kommt von der Reportage. Sie hat für die Agentur Capa gearbeitet und dabei selbst die Kamera geschultert, was nicht leicht gewesen sein kann, "mit 16 Kilo schweren Betacams", wie sie selber sagt. Doch diese journalistische Herkunft sieht man ihrem Film an: Wiederholt flicht sie Szenen aus dem Kampf der Fischer um bessere Fangquoten ein - zunächst eine handgreifliche Auseinandersetzung mit der Polizei, später Tonys Verhaftung. Ihn und seine Kollegen zeichnet der Film als "Arbeiter des Meeres", selbstbewusste, sachliche Vertreter ihres Stands, die gleichwohl - wie in Victor Hugos Roman - zu starken Gefühlen durchaus fähig sind.

Nur weil seine Mutter eine Hilfe auf dem Marktstand braucht, stellt Tony also Angèle ein. Und nur weil sie auf diese Weise bei Tony, der im Haus seiner Mutter wohnt, einziehen kann, nimmt Angèle, die von Fischen keinen Schimmer hat, die Stelle an - und Tonys Lektionen zu den Unterschieden zwischen Seezunge und falscher Seezunge willig in Kauf. Angèles Sohn lebt bei ihren Schwiegereltern, das hat sie überhaupt erst hierher gebracht. Der Vater des Jungen ist tot, und sein Tod steht mit Angèles Vorstrafe in Verbindung. Ihren Bewährungshelfer lässt sie wissen, dass Tony sie heiraten werde - dabei ist der gerade auf seinen Kutter gezogen, wo ihn Angèle mit ihrem schönen schlanken, nackten Körper nicht länger bedrängen kann.

Möglicherweise der Anfang einer großen Karriere

Das französische Kino steht in dem schlechten Ruf der Redseligkeit. Dabei gab es unter seinen Regisseuren notorische Schweiger (Bresson!) und auch legendäre Schweigeminuten ("Rififi"!). "Angèle und Tony" zelebriert keineswegs die radikale Sprachlosigkeit, verzichtet aber auf überflüssige Worte. Delaporte setzt in ihrem Film auf Blicke und Gesten, physische Präsenz und schließlich Szenen einverständigen Schweigens, in denen die Körper in einer mésalliance cordiale zueinander finden.

Geduldig beobachtet die Regisseurin ihre Schauspieler dabei. Natürlich ist Clotilde Hesme ein bisschen zu groß und vor allem zu schön für die Rolle der Zukurzgekommenen - andererseits wirkt sie als eine Fremde in diesem Milieu gerade dadurch authentisch. Es ist eine Außenseiterrolle, die im französischen Kino eine große Karriere vorzeichnen kann - so wie es Sandrine Bonnaire gelang, 1985 in Agnès Vardas Obdachlosendrama "Vogelfrei", oder zehn Jahre später Sandrine Kiberlain als junge Arbeitslose in Laetitia Massons Liebesgeschichte "Haben (oder nicht)".

Dass die Vereinigung der scheinbar Unzuvereinbarenden am Ende unbedingt glaubhaft ist, dazu trägt auch Grégory Gadebois ganz entscheidend bei. Den Fischer Tony verkörpert er so seriös und meerverbunden, dass man dem Mann unbesehen eine falsche Seezunge als echte abkaufen würde. Wortkarg und ein bisschen rau im Umgang repräsentiert er die raue, karge Landschaft - umso überraschender ist dann die Mitteilung im Abspann, dass er der Comédie française angehört.

So "unterspielt" wie diese Figur ist der Film insgesamt: Zwar zeigt er detailliert, wie die Fischkutter für eine "Auslaufparade" geschmückt werden, doch das folkloristische Spektakel selbst lässt er außen vor. Es wäre wohl auch zu dekorativ gewesen für diese schmucklose Liebesgeschichte, die sich keine Arabesken erlaubt, sondern ebenso entschlossen wie ihre Heldin auf ihr Ziel zusteuert.

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joschitura 06.08.2011
1. Überflüssige Musik
" "Angèle und Tony" zelebriert keineswegs die radikale Sprachlosigkeit, verzichtet aber auf überflüssige Worte." Leider aber hat die Regisseurin nicht auf das absolut überflüssige Musikgedudel verzichtet - was einem (so man über ein Gehör für Musik verfügt) den ganzen Film verleiden kann: ständig das übliche Geklimper und Gezupfe wie in jedem blöden kleinen Fernsehspiel. Was die Qualität des Films angeht sind wir d´accord: schöner Film, noch schöner wär er mit sensiblem Einsatz von Musik gewesen.
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