Liebesfilm "Herzensbrecher" Hip, aber herzlich

Xavier Dolans großartiger Film "Herzensbrecher" beobachtet schöne und oberflächliche Menschen auf der unmöglichen Suche nach echter Liebe. Eine unwiderstehliche Zeitlupenorgie über den Triumph des Stils über die Substanz.

Kool Filmdistribution

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Marie (Monia Chokri) trägt gern eng geschnittene Pünktchenkleider, Perlenkette, tiefroten Lippenstift und kunstvoll getürmte braune Haare. Sie ist schön und sie weiß das, und weil sie auch noch einzigartig sein will, wandelt sie als ironisiertes Fünfziger-Jahre-Zitat durch ihre Heimat Montreal. Eine Hipster-Königin, die immer eine Ahnung von Spott und Arroganz in den Augen hat, was einstudiert sein könnte, es aber nicht sein muss.

Menschen wie sie haben Freunde wie sie, und Maries engster Vertrauter und Bruder im Geiste ist Francis, dessen Stil die gleiche Epoche eher würdigt als parodiert - ein bisschen Beat-Generation, ein Schuss James Dean, schwarze Brille und hoch gegelte Haare. Zusammen sind die beiden das Maß aller Dinge in Sachen Coolness, eins dieser Künstlertypen-Duos, die bei Partys mit Cocktailgläsern im Türrahmen stehen und mit vernichtenden Blicken den modischen Verstand der anderen Gäste richten, keine zwingend netten Leute, aber faszinierende.

Selbstironie und Zuneigung

Und deswegen lohnt es sich auch, Filme über sie zu machen. Besonders, wenn man selbst einer von ihnen ist. Der 22-jährige Regisseur Xavier Dolan, der auch den Francis in "Herzensbrecher" spielt (und nebenbei noch Drehbuch, Kostüme, Schnitt und Ausstattung des Films verantwortet hat), ist selbst Teil der Hipsterszene von Montreal, und er beobachtet sie mit einer seltsam herzerwärmenden Mischung aus Selbstironie und Zuneigung.

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Liebesfilm "Herzensbrecher": Trio Infernale
Denn einerseits lädt er ein, sich über Marie und Francis lustig zu machen - über ihre überkandidelte Art, ihre Selbstverliebtheit, ihre Egomanie. Aber er zeigt sie auch als zerbrechliche Wesen, die ständig hart daran arbeiten, mit cooler Fassade ihre Unsicherheit zu kaschieren, ihre Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit. Die zutiefst oberflächlich sind, das auch ahnen und es an sich hassen. Die sich nach Tiefgründigkeit sehnen, aber nur den Anschein davon erwecken können. Die mit wachsender Verzweiflung echte Gefühle und Liebe suchen und daran scheitern müssen, weil echte Gefühle ihnen zu kitschig scheinen, und weil sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um andere Menschen wirklich verstehen oder gar lieben zu können.

So handelt "Herzensbrecher" weniger von der Liebe als von dem Wunsch danach. Denn Marie und Francis verlieben sich gleichzeitig (auf einer obercoolen Party natürlich) in den blond gelockten und engelsgesichtigen Nicolas (Niels Schneider), der sich gut anzuziehen versteht, charmant und klug wirkt, und einen Schlafzimmerblick perfektioniert hat, von dem er genau weiß, wie andere Menschen ihm verfallen werden.

Mehr braucht es nicht, um Marie und Francis zu überzeugen, dass das die Liebe ihres Lebens sein muss. Dass Nicolas eigentlich nicht viel zu erzählen hat und mit ihnen auch nicht anders umgeht als mit anderen Freunden, fällt ihnen nicht auf. Oder sie ignorieren es lieber, um unangenehme Rückschlüsse auf sich selbst zu vermeiden. Stattdessen steigern sie sich hinein in ein Duell um seine Zuneigung, setzen die eigene Freundschaft aufs Spiel, die vielleicht das einzig wirklich Echte und Tiefe in ihrem Leben ist.

Versessen auf makellosen Stil

Wie Marie und Francis sich Todesblicke zuwerfen; wie sie versuchen, sich mit Geschenken an den Angebeteten zu übertreffen; wie sie sich mit kleinen Spitzen gegenseitig zu diskreditieren versuchen - Dolan lässt daraus einige unglaublich witzige Momente entstehen, was "Herzensbrecher" zu einer deutlich leichteren und zugänglicheren Angelegenheit werden lässt als seinen beeindruckenden aber manchmal anstrengenden Erstling "I Killed my Mother".

Doch immer wieder kippt der Spaß ins Melancholische, ins Tieftraurige sogar. Wenn Francis seine Strichliste im Badezimmer ergänzt: jeder Eintrag eine Zurückweisung. Oder wenn die Arroganz aus Maries Augen schwindet und Panik aufflackert. Oder unendliche Einsamkeit. Die zwei suchen ernsthaft nach Liebe, aber vielleicht sind sie gar nicht fähig, sie zu finden. Sie sind so sehr auf ihren makellosen Stil versessen, dass ihnen die Substanz im Leben wegzubröckeln scheint.

Dass seine Filme mehr Stil als Substanz hätten, wird auch Dolan immer wieder vorgeworfen. Aber im Falle von "Herzensbrecher" kann das eigentlich kein Vorwurf sein - denn um den Triumph der Oberflächlichkeit über die essentiellen Dinge geht es in diesem Film schließlich. Und dass Dolan seine Bilder perfekt komponiert, dass er einen Sinn für Ästhetik hat, sollte eigentlich auch nicht gegen ihn sprechen. Er liebt es, sich und seine phantastische Hauptdarstellerin in exzessiver Zeitlupe durch den Film bewegen zu lassen, unterlegt von der berühmten Herzschmerz-Hymne "Bang Bang", hier in der italienischen Fassung von Dalida. Er lässt es Marshmallows regnen, wenn es gerade passt. Er schneidet kleine Interviewsequenzen dazwischen, in denen Unbekannte von ihren unglücklichen und aberwitzigen Liebschaften berichten, warum auch nicht?

Das mag manchmal nicht ganz zusammen passen, manchmal übertrieben sein, auch selbstgefällig. Aber das ist egal. Denn aufregenderes Kino gibt es gerade nicht.

Herzensbrecher. Start: 7. Juli. Regie: Xavier Dolan. Mit Monia Chokri, Xavier Dolan, Niels Schneider.



insgesamt 10 Beiträge
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j.g.violin 07.07.2011
1. Gratulation
Ich wollte nur Herrn Sander meinen Respekt für seine selten schön geschriebene Rezension zollen. Muss ja auch mal gesagt werden.
koba2 07.07.2011
2. aha, Stil siegt über Substanz - welch Triumpf...
Ein banaler Film über die Banalitäten eines Lang- bis Spätpubertierenden, putzig ambitioniert fotografiert. Jede Sonntagabend-Degeto-Schmonzette hat mehr Substanz, Ärgerliche Zeitverschwendung.
Mardor 07.07.2011
3. ...
Sicher eine gute Rezension, denn nach der Lektüre weiß ich, dass ich mir den Film sparen kann. Wieder Zeit, Geld und Nerven gespart.
Pottriotin 07.07.2011
4. Aha
"Denn aufregenderes Kino gibt es gerade nicht." Aha. Wie wäre es mit Transformers 3, der ist allemal aufregender, wage ich zu behaupten ;-)
einblick1984 07.07.2011
5. tolle Rezension
Mir hat die Rezension sehr gefallen und nun habe ich Lust den Film zu sehen. "Denn aufregenderes Kino gibt es gerade nicht." (man beachte die Anführungszeichen, man muss sie schützen, wenn es schon unsere Politiker nicht machen) Den Satz möchte ich mir am liebsten auf die Wand malen.
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