Liebesdrama mit Michelle Williams Wenn die Sehnsucht ein Loch ins Leben reißt

Interessanter Job, coole Stadt, liebender Ehemann - so sieht doch das Glück aus. Oder doch nicht? Sarah Polleys wunderbarer Liebesfilm "Take This Waltz" zeigt, wie sich eine junge Frau von ihrem Leben entfremdet, als sie sich neu verliebt. Das tolle Ensemble verleiht dem Drama viele Zwischentöne.

Von

Kool

Sarah Polley ist das, was man im Englischen "old soul" nennt - jemand, der für sein junges Alter eigentlich schon viel zu weise ist. Als Schauspielerin erstaunte die Kanadierin das Publikum einst in Atom Egoyans "Das süße Jenseits" (1997) mit einer Darstellung voller wissender Melancholie, die niemand von einem Teenager erwartete. Einige Jahre später gelang ihr dann in "Mein Leben ohne mich" das Portrait einer sterbenden jungen Mutter, ohne für diese Rolle ein einziges melodramatisches Klischee zu bemühen. Da passte es, dass sie 2006 ihr Spielfilmdebüt als Regisseurin und Drehbuchautorin mit "An ihrer Seite" gab, einem Drama über ein alterndes Ehepaar, dessen innige Beziehung durch eine Demenzerkrankung erschüttert wird.

Auf den ersten, flüchtigen Blick scheint Polleys zweite Regiearbeit "Take This Waltz" verspielter. Doch das erweist sich als raffinierte Täuschung, denn auch dieser federleicht inszenierte Beziehungsreigen unter Endzwanzigern ist durchzogen von einer Ernsthaftigkeit, die sich erst nach und nach, dafür aber umso eindringlicher offenbart. So gibt es hier zwar durchaus humorvolle, sowie fraglos romantische Momente, aber mit der gängigen RomCom hat Polleys mehrdeutige Aufforderung zum Tanz wenig gemein.

Dabei ist der Auftakt durchaus bilderbuchmäßig, denn alles beginnt mit einer beiläufigen Begegnung: Während sie in Cape Breton an einem Touristenführer schreibt, trifft die 28-jährige Margot ( Michelle Williams) auf Daniel (Luke Kirby), einen jungen Künstler. Zuerst ist da nur ein flüchtiger Wortwechsel auf der Straße, doch kurz darauf sehen sie sich erneut im Flugzeug nach Toronto. Während sie nebeneinander sitzen, entspinnt sich eines dieser Zufallsgespräche, in denen sich eigentlich noch fremde Menschen plötzlich kleine Details ihres Lebens verraten.

Man ist sich sympathisch, und in Toronto angekommen, stellen Margot und Daniel überraschend fest, dass sie sogar in derselben Straße wohnen. Allerdings endet damit ihr dezenter Flirt. Margot kehrt zurück zu ihrem Ehemann Lou (Seth Rogen), mit dem sie seit fünf Jahren verheiratet ist.

Nichts lässt sich auf ewig in der Schwebe halten

Mit Margot taucht der Film nun in ihren heimeligen Alltag im Innenstadtviertel Little Portugal ein. Lou arbeitet im liebevoll dekorierten Heim an einem Kochbuch über Hühnergerichte, und das Paar lebt in einem beneidenswerten Umfeld aus Freunden und Verwandten, darunter Margots Schwägerin Geraldine (Sarah Silverman), eine trockene Alkoholikerin mit entwaffnender Offenheit.

Fotostrecke

7  Bilder
Liebesfilm "Take This Waltz": Regenbogen der Gefühle
So wohlig ist diese Ehe-Enklave mit ihren zärtlichen Ritualen und Gesten, dass sich der Zuschauer unweigerlich fragt, woran es hier jemandem überhaupt mangeln könnte. Auch Margot scheint sich ihres Glücks gewiss, und dennoch wird sie Daniel wiedersehen. Erst zufällig beim gemeinsamen Fußweg in der Nachbarschaft, später für einen vermeintlich unverfänglichen Ausflug an den Lake Ontario. Doch nichts lässt sich auf ewig in der Schwebe halten.

In verführerisch fotografierten Vignetten zeigt der Film, wie Margot fast unmerklich, aber unaufhaltsam aus ihrem bisherigen Leben driftet. Sarah Polley lässt sich und ihren Figuren viel Zeit, diese subtilen Verschiebungen im Beziehungsgefüge zu illustrieren und verzichtet auf dramatische Paukenschläge. Unaufgeregt wird verdeutlicht, wie willkürlich Sehnsucht sein kann. Und dass ein Kennenlernen zumeist einen parallelen, schmerzlichen Prozess der Entfremdung von Vertrautem mit sich bringt. Das ist zwar eine traurige Erkenntnis, doch ist "Take This Waltz" beileibe kein deprimierender Film.

Geschenk an eine unterschätzte Metropole

Davor bewahren ihn seine lebensbejahende Sinnlichkeit und ein kluger Humor, der Verletzungen nicht ungeschehen, aber erträglich macht. Für solche Nuancen braucht es ein hervorragendes Ensemble, und Polley hat für jede ihrer Figuren die Idealbesetzung gefunden.

Von den türkislackierten Zehennägeln über die signalfarbenen Kleider bis hin zu den Armhärchen, die silbern im Sonnenlicht schimmern, verkörpert Michelle Williams perfekt Margot, deren Welt nicht bunt genug sein kann. Losgelöst aus seinem gewohnten Komödienkosmos ist Seth Rogen ihr wunderbar geerdeter Partner, der in einem zutiefst rührenden Moment zeigt, warum ein Guss eiskalten Wassers der größte Liebesbeweis sein kann. Luke Kirby lässt derweil Daniels Verlangen, aber auch seine aufrichtigen Skrupel nachvollziehen, während Sarah Silverman in ihrer prägnanten Nebenrolle als hellsichtige Suchtkranke die treffendste Kritik an der unbedingten Jagd nach dem Glück formuliert. Jedes Leben hat gefühlte Lücken, die nicht um jeden Preis gefüllt werden sollten.

Unstrittig erfüllt hat sich dagegen Sarah Polleys Wunsch, ihrer Heimatstadt Toronto eine visuelle Liebeserklärung zu machen. Wie eine prallgefüllte Obstschale sollte ihr Film aussehen, so Polley, und das hat Kameramann Luc Montpellier vollends umgesetzt. Ob die bunten Ladenzeilen auf der Queen Street, die Uferpromenade oder das Großstadtidyll im McCormick Park, alles erstrahlt in sattesten Sommerfarben. Ein persönliches Geschenk der Filmemacherin an die unterschätze Metropole, die in Hollywood-Filmen so oft als anonyme Kulisse herhalten muss.

"Take This Waltz" macht Toronto zum unverwechselbaren Schauplatz eines lange nachhallenden Films über die Liebe. Das ist etwas gänzlich anderes als ein Liebesfilm, und sei gerade deshalb alten wie jungen Seelen dringend ans Herz gelegt.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
speculum7 10.03.2013
1. Empfehlenswert
Man schmunzelt, lacht, weint, freut sich und leidet zugleich mit den Figuren mit...Ein wunderbarer Film!
nocommentno 10.03.2013
2. Ehrlich jetzt??
Nach guten Filmen mit Michelle Williams wie Blue Valentines war ich mit großen Erwartungen in dem Film, die sich überhaupt nicht erfüllt haben. War enttäuscht und schon fast froh, als er zu Ende war. Das "liebevoll dekorierte" des gesamten Films habe ich irgendwie als störend empfunden. Die Wohnungen von Koch und Rikscha-Fahrer als stylisches Haus und Loft? Der Style war schon cool, aber irgendwie schien er für die Regisseurin wichtiger als die Geschichte zu sein und hat für mich nicht gepasst. Und die Story selbst fand ich auch nicht immer nachvollziehbar.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.