Liebeskomödie "Der Name der Leute" Sex gegen Gesinnung

In der wundervollen französischen Komödie "Der Name der Leute" bekehrt eine linke Aktivistin ihre politischen Feinde, indem sie mit ihnen schläft. Und verliebt sich in einen reaktionären Langweiler, der ganz anders ist als sie - und doch viel mit ihr gemeinsam hat.

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Sieben Krebse oder drei Hummer? Bahia (Sara Forestier) kann den Gedanken nicht ertragen, lebende Geschöpfe in einen Topf mit kochendem Wasser zu werfen, deshalb entschließt sie sich auf dem Wochenmarkt zur spontanen Rettung. Ihre finanziellen Mittel erlauben ihr, immerhin drei Hummer vor dem sicheren Tod zu bewahren.

Möglich wären aber auch sieben Krebse.

Bahia, linke Aktivistin aus Überzeugung und firm in allen Fragen des Klassenkampfes, muss nicht lange überlegen - dass Hummer mehr wert wären als Krebse, das hätten sich nur die Kapitalisten ausgedacht! Besser sieben Lebewesen retten als drei. Erst als sie schon im Meer steht und die Tiere in die Freiheit entlässt, fällt ihr ein: Was ist eigentlich mit den Garnelen?

Diese Bahia Benmahmoud, gerechtigkeitsfanatische Tochter einer linksmilitanten Französin und eines liebenswerten Algeriers, ist wohl einer der bemerkenswertesten Charaktere, die das Kino in letzter Zeit hervorgebracht hat. In Michel Leclercs zweitem Spielfilm "Der Name der Leute" handelt sie immer erst, bevor sie zu lange nachdenkt. Sie kann aufbrausend sein und hysterisch, naiv, nervtötend und egoman, doch man muss sie einfach lieben. Denn sie ist auch gutmütig, immer optimistisch und voller Energie, und sie sucht immer nur das, was sie für sich irgendwann als das Gute entdeckt hat, und tut eben alles, um den Rest der Welt auch davon zu überzeugen.

Beischlaf mit Botschaft

Gewalt ist ihr zuwider. So geht sie mit ihren politischen Gegnern lieber ins Bett und flüstert ihnen während des Höhepunkts subversive Botschaften zu. Mehrere Faschos - als solche schätzt sie einen Großteil der Weltbevölkerung ein, darunter palästinenserfeindliche Juden genau wie antisemitische Araber - konnte sie so bekehren. Sie führt ein kleines Album über ihre Erfolge, das sie gerne jeder neuen Eroberung präsentiert. Vorsicht, Zurückhaltung - das kennt sie nicht. Sie ist kein einfacher Wirbelwind, sie ist ein Tornado, der alles mitreißt, was im Weg steht.

So auch Arthur Martin (Jacques Gamblin), mindestens zwanzig Jahre älter als sie und als Vogelgrippenexperte des französischen Tierseuchenamtes ein Fan von jeder Form der Risikominimierung. Bahia macht ihn nach einem seiner Sicherheitsappelle im Radio sofort als reaktionären Langweiler und damit idealen Patienten ihrer Sex-Therapie aus. Doch Arthur bekennt, ein glühender Fan von Lionel Jospin zu sein, dem einstigen sozialistischen Premierminister und zweifach gescheiterten Präsidentschaftskandidaten. Ein Linker also. Und noch besser: Arthur hat eine jüdische Mutter! Bahia stellt sofort fest: Wenn sie sich zusammentun, die Halb-Araberin und der Jude, dann ist die Welt quasi schon gerettet.

So einfach finden die beiden aber nicht zum wunschlosen gemeinsamen Glück, was auch schade wäre, denn dann wäre "Der Name der Leute" viel zu schnell vorbei. Regisseur Leclerc und seine Co-Drehbuchautorin Baya Kasmi (für das Drehbuch gab es wie für Hauptdarstellerin Forestier je einen César) haben mit diesem Film etwas ganz Außergewöhnliches hinbekommen: eine scharfe Satire, die auch als lockere Liebeskomödie funktioniert, die ein großes Herz hat und lieber Frohsinn verbreitet als schlechte Laune.

Irgendwo tief drin in diesem Film versteckt sich eine Weltverbesserungsbotschaft, aber so elegant in absurden Witz, Charme und Anarchie gewickelt, dass sie einem nicht auf die Nerven geht. Dazu leisten auch die beiden phantastischen Hauptdarsteller ihren Beitrag und nicht zuletzt ein spektakulär irrwitziger Gastauftritt von Lionel Jospin höchstpersönlich. Der Wahnsinn hat in diesem Film ein Zuhause, und nicht nur das macht ihn so wahnsinnig gut.


"Der Name der Leute". Start: 14. April. Regie: Michel Leclerc. Mit Sara Forestier, Jacques Gamblin.



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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
taiga, 14.04.2011
1. zzz
Zitat von sysopIn der wundervollen französischen Komödie "Der Name der Leute" bekehrt eine linke Aktivistin ihre politischen Feinde, indem sie mit ihnen schläft. Und verliebt sich in einen reaktionären Langweiler, der ganz anders ist als sie - und doch viel mit ihr gemeinsam hat. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,756828,00.html
Von der Dame würde ich auch gerne meine Gesinnung torpedieren lassen ;)
fx33 14.04.2011
2.
Ich bin ein gaaanz reaktionärer Langweiler! Hallo! Hierher!
fatherted98 14.04.2011
3. Leider ist es wohl so...
..das es so wenig linke Aktivistinen gibt die der Darstellerin Aussehnstechnisch auch nur den kleinen Finger reichen können....dann würde ich mich den Foristen anschließen und auch auf "Bekehrung" bestehen.
mcfly71 14.04.2011
4. La vie en...
Gibt es irgendeinen französischen Film, der mal nicht unter die Gürtellinie geht?...Wenn auch mit viel Finesse, versteht sich...
Foul Breitner 14.04.2011
5. Ja, gibt es
Zitat von mcfly71Gibt es irgendeinen französischen Film, der mal nicht unter die Gürtellinie geht?...Wenn auch mit viel Finesse, versteht sich...
Asterix !
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