Liebesthriller "Meine Cousine Rachel" Herrin seiner Leidenschaft

In der Neuverfilmung von Daphne Du Mauriers Roman "Meine Cousine Rachel" nutzt eine Frau ihr Wissen und ihre sexuellen Erfahrungen aus, um in einer Männerwelt zu bestehen. Aber geht sie so weit, auch zu morden?

20th Century Fox

"Rachel, my torment", Rachel, meine Qual, ganz klein steht es in krakeligen Buchstaben am Rande des Umschlags. Den Empfänger des Briefes, den jungen Philip (Sam Claflin), hatte schon vor längerem ein ungutes Gefühl beschlichen: Sein geliebter Cousin Ambrose, Eigentümer des Gutshaus in Cornwall, auf dem Philip seit Kindheit lebte, war vor Monaten aus gesundheitlichen Gründen nach Italien aufgebrochen.

Dass er sich dort mit einer Witwe namens Rachel angefreundet, sie gar geheiratet hat, hatte Philip argwöhnisch gemacht: Cousin Ambrose? Dieser misogyne, eingefleischte Einspänner?

Als Ambroses seltene Briefe verwirrter klingen und Philip schließlich die verzweifelte Anschuldigung am Briefrand findet, macht er sich auf nach Florenz, um den Vormund zu finden, und ihn den Händen der geheimnisvollen Frau zu entreißen.

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"Meine Cousine Rachel": Was wohl in dieser Witwe steckt

Doch er kommt zu spät: Ambrose sei an einem Tumor gestorben, erfährt er von Enrico (Pierfrancesco Favino), einem Freund des Hauses. Rachel sei außerdem abgereist, Ziel unbekannt. Aber Rachel (Rachel Weisz), die in Philips Fantasie inzwischen zu einem männermordenden, erbschleichenden Monster geworden ist, taucht ein paar Wochen später in Cornwall auf. Und ist ganz anders als erwartet. Sie evoziert Gefühle in dem 24-Jährigen - und ein Verlangen, von dem er nicht wusste, dass er es hat.

Mit dem Roman "Rebecca", den Alfred Hitchcock 1940 adaptierte, hatte Daphne Du Maurier sich als Autorin etabliert. "My Cousin Rachel" schrieb sie 1951, und wieder ging es um Vertrauen, Verdacht und Leidenschaft im sturmgepeitschten Cornwall: Hat sie, oder hat sie nicht, ist sie schuldig, oder nicht, diese Frage peinigt Philip bis zum Ende der Geschichte.

In allen Belangen überlegen

Philip ist eine naive, männliche Jungfrau mit skeptischem bis ablehnendem Blick auf Frauen. Rachel dominiert ihn allein durch ihre sexuelle Erfahrung und das Wissen über die Zustände im Rest der Welt haushoch. Dass sie zudem mehr von Testamenten und Rechtsangelegenheiten versteht, als er ahnt, macht sie als Figur so ambivalent wie spannend - in ihr finden sich Themen wie weibliche Emanzipation, der Kampf um wirtschaftliche und körperliche Unabhängigkeit und Gleichberechtigung wieder.

Die Verfilmung durch den "Jane Austens Verführung"- und "Notting Hill"-Regisseur Roger Michell ist die zweite des Stoffs: Ein Jahr nach Erscheinen des Buchs hatte Nunally Johnson ihn 1952 für die Twentieth Century Fox zu einem Drehbuch adaptiert, der legendäre George Cukor sollte Regie führen.

Doch Cukor und Du Maurier waren mit dem Script nicht einverstanden und verließen das Projekt. Zur Hilfe eilte der Komödienregisseur Henry Koster. Seine düstere Inszenierung in schwarz-weiß mit einem unglaublichen, von nervenzehrend-schönen Geigenkaskaden wimmelnden Franz Waxman-Score bescherte dem jungen Richard Burton als Philip seine erste Oscar-Nominierung und seinen ersten Golden Globe.


"Meine Cousine Rachel"
Originaltitel: "My Cousin Rachel"
UK, USA 2017
Regie: Roger Michell
Drehbuch: Roger Michell nach dem Roman von Daphne Du Maurier
Darsteller: Rachel Weisz, Sam Claflin, Holliday Grainger, Iain Glen, Simon Russell Beale
Produktion: Fox Searchlight Pictures, Free Range Films
Verleih: 20th Century Fox
FSK: ab 6 Jahren
Länge: 106 Minuten
Start: 7. September 2017


Roger Michells Cornwall strahlt dagegen in satten Grüntönen wie die Palette eines impressionistischen Postkartenmalers, wenn die Drohnenkamera über die Klippen fliegt. Vor allem Rachel Weisz in der Titelrolle ist eine wunderbar mysteriöse Rachel, die verliebt, verletzt und verzweifelt zugleich schaut, und die Philip mit Unschuldsmine einen Heilkräuter-Tee zubereitet, der ihn gesund machen soll - oder das Gegenteil? Will sie sein Hab und Gut, oder will sie sein Herz? Weisz' Rachel ist ein prächtiger Prä-Film Noir-Charakter - die Frau, die den Mann ins Verderben zieht, durch ihr Frausein, durch seine Männlichkeit und mithilfe seiner Lust.

Wo bleibt der Sex?

Dass Michell dieses aufgeladene Spiel aus Verdacht, Begehren und Überwältigung jedoch kaum weniger brav und verklemmt inszeniert als Kollege Koster 1952, das ist verwunderlich - und auch schade. Im Hays Code-Hollywood dürfen sich Rachel und Philip selbstredend nur den üblich züchtigen Geschlossene-Lippen-Kuss aufdrücken - stellvertretend für ihre brennenden Lenden.

2017 ziehen Rachel und Philip das Nachtgewand kaum höher hinauf: Schnell wie der Blitz verschwimmt das Bild in der Unschärfe, als die erste Nacht ansteht, die Philip zum oft zitierten Sklaven seiner Leidenschaft machen wird.

Dabei geht es in der Geschichte tatsächlich um eben diese Erfahrung, die Philip verändert - der nicht gezeigte Sex wäre hier kein eye candy, wie in manchen anderen Filmen, sondern würde einen relevanten Teil von Philips Entwicklung erzählen. Bei Philips Erwachen, seinem Entdecken der eigenen - und gegengeschlechtlichen - Körperlichkeit, wäre man gern dabei gewesen, um besser Anteil zu nehmen und zu verstehen.

So bleibt Michells Version des beeindruckenden Stoffs hinter seinen Möglichkeiten zurück: Als Kostümfilm, als "period piece" kann der Film zwar bezaubern. Die fehlende Modernität in der Regie jedoch lässt ihn nicht lange genug nachhallen.

Im Video: Der Trailer zu "The Circle"

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