Lieblingsfilm: "Oh Boy" "Was ist denn eigentlich die Geschichte?", fragt in "Oh Boy" die Hauptfigur (Tom Schilling) beim Besuch eines Filmsets einen der Schauspieler - und erhält als Antwort ein ganzes Drama, das von Nazi-Deutschland, Judenverfolgung, Liebe und Heldentum handelt. Stellt man Jan Ole Gerster, dem "Oh Boy"-Regisseur, dieselbe Frage, fällt die Antwort weniger hochtrabend aus. "Das Porträt eines stillen Beobachters" habe er zeichnen wollen, "und der Stadt, in der er lebt".
Gersters Spielfilmdebüt zeigt Berlin aus der Perspektive eines jungen Jurastudenten, der schon seit Jahren keine Uni mehr von innen gesehen hat. Knapp 24 Stunden lang stromert er durch die Stadt, der Film begleitet ihn zu "Terminen", Verabredungen, Begegnungen, die er unterwegs hat. Drangsaliert von allen möglichen Leuten, trifft er am Ende des Tages in einer Bar einen alten Mann (Michael Gwisdek), aus dessen Kindheitserinnerungen das "Dritte Reich" plastischer hervortritt als aus allen medialen Rekonstruktionsanstrengungen.
"Oh Boy" ist so persönlich gefärbt wie nur möglich. Darum sind in ihn viele Film- und Romanfiguren eingeflossen, die Jan Ole Gerster schätzt und verehrt - wie eigentlich jeder Kinogänger. Holden Caulfield, der "Fänger im Roggen", hat zur Hauptfigur ebenso beigetragen wie François Truffauts Serienheld Antoine Doinel. Und dass schon in den Anfangsminuten Katharina Schüttler mit streichholzkurzem Haar und ihrem Ringelpulli Assoziationen zu "Außer Atem" wachrufen soll, ist ja auch klar. Das Schwarzweiß der Bilder und der Drive, mit dem die Jazzband The Major Minors sie unterlegt, tun ein Übriges.
Eine Entdeckung: Nicht nur "Oh Boy" ist in Schwarzweiß gedreht, auch der Oscar-Abräumer "The Artist" und der diesjährige Berlinale-Sieger "Cäsar muss sterben" verzichteten ganz oder zum allergrößten Teil auf Farbe. Logische Konsequenz: Schwarzweiß wird das nächste 3D!
Eine Enttäuschung: Wenn ein Haudegen wie Bond in der National Gallery für Gainsboroughs "Boy in Blue" kein Auge hat, sondern William Turners Schlachtschiff an der Wand anstarrt, ist das vielleicht verständlich. Dass aber ein Regisseur wie Sam Mendes blind ist für den Pop und der Bond-Figur jeden Hedonismus austreibt, das ist arg. In "Skyfall" wirkt 007 einmal mehr wie von McKinsey optimiert. Oder wie ein Kollege meint, Bonds "Auszeit" in "Skyfall" betreffend: "Urlaub gibt es nur noch, wenn man tot ist." Mich rührt das nicht. Mich schüttelt's.
Szenenapplaus: Für "The Amazing Spider-Man", der zu seiner Freundin sagt: "You go, I fly" - und sich dann in die Straßenschlucht stürzt. Sehr guter Satz, wenn man es mal wieder ein bisschen eiliger hat. Jörg Schöning
Eine Enttäuschung: Ein Mann im New Yorker Finanzmilieu schläft mit einer Frau nach der anderen, ohne sonderlich interessiert an ihnen zu sein. Was sagt das über unseren entgrenzten Kapitalismus aus, in dem auch Menschen Ramsch-Status besitzen können? Was über Frauenfeindlichkeit? Was über unsere Konventionen, die nur monogame Paarbeziehungen anerkennen? Es ist schon erstaunlich, wie zielstrebig Steve McQueen in "Shame" allen interessanten Fragen zum Thema Sexsucht aus dem Weg geht. Und was mutig daran sein soll, mit Michael Fassbender einen der attraktivsten Männer Hollywoods ausgiebig nackt zu zeigen, habe ich übrigens auch noch nicht verstanden.
Eine Entdeckung: "All Divided Selves" ist bereits der dritte Film, den Luke Fowler über den schottischen Psychologen R. D. Laing gedreht hat, wenn auch der erste in Spielfilmlänge. Von Routine war in dem für den Turner-Prize 2012 nominierten Film trotzdem nichts zu spüren. Fowlers Sicherheit im Umgang mit dem Material verbreitete eine hypnotische Präzision, wie sie vielleicht nur an der Grenze zwischen Kunst- und Dokumentarfilm entstehen kann.
Szenenapplaus: In einem Aufzug ist es schon eng genug. Wenn dann aber auf den wenigen Quadratmetern auch noch Begehren und Gewalt so ungezügelt ausbrechen wie in der Fahrstuhlszene in Nicolas Winding Refns "Drive", kann einem schon mal die Spucke wegbleiben. Hannah Pilarczyk
Wo manche Regisseure ein tränendrüsiges Sozialdrama inszenieren würden, hat Meier eigenwillige Figuren gefunden, die einem mit ihrem Trotz und ihrer Würde ans Herz wachsen. Eine beeindruckende, dem Sujet angepasste Kamera, die die äußeren Räume zu den inneren in Beziehung setzt, und die richtigen Gesichter in den richtigen Rollen machen "Winterdieb" zu einem herausragenden Film. Es war Meiers überzeugende Idee, die "Upstairs-Downstairs"-Prekariatsthematik dorthin zu verpflanzen, wo sie sich landschaftlich aufdrängt: Glitzernde Bergspitzen oben, Sozialwohnungen unten.
Eine Entdeckung: "Beasts of the Southern Wild" - obwohl der Film so irre ist und dabei so kostengünstig war, dass man schon wieder Angst bekommt, das könnte Standard für Debüts werden - nicht jeder kann die Vorstellungskraft und dermaßen viele hilfsbereite Freunde wie Regisseur Benh Zeitlin haben. Und nicht jeder findet im Besitzer der Bäckerei von gegenüber seinen Hauptdarsteller, der im Film trotzig die Arme gen stürmischen Himmel streckt, und zurückwettert: Du kriegst mich nicht klein!
Szenenapplaus: Wenn man es durch alle "Twilight"-Teile geschafft hat, vielleicht noch "Wasser für Elefanten" und "Bel Ami" gesehen hat, in denen Robert Pattinson mit nicht unbedingt den allerbesten Ideen versucht, seinem Teeniestar-Image zu entkommen, sich dann auch noch sein als Vampir stets vor unterdrückter Leidenschaft gequältes Gesicht vorstellt, weil er ja erst in den letzten zwei Teilen ran darf (vorher besteht die Gefahr, die Dame seines kalten Herzens zu zerdrücken), dann ist die Szene aus David Cronenbergs "Cosmopolis", in der Pattinson als Börsenmillionär angesichts einer Prostatauntersuchung erregt Schweißperlen herausdrückt, gleich nochmal so befreiend. Jenni Zylka
Eine Enttäuschung: Röchel zum Abschied leise Servus: Christopher Nolan, der Blockbuster-Kurator, dem Feuilletonisten vertrauen, wollte mit "The Dark Knight Rises" den großen, grüblerischen und natürlich gewichtigen Abschluss seiner "Batman"-Trilogie präsentieren. Doch stattdessen herrscht im dauerdüsteren Gotham nur bleierne Langeweile. Christian Bale schleppt sich als amtsmüder Vigilant durch ein Untergangsszenario, das dramaturgische Konfusion als vermeintliche Komplexität ausgibt. Auf den letzten Metern gibt es immerhin etwas - wenngleich unfreiwillige - Erheiterung; dank einer Soap Opera-würdigen Auflösung samt Dialogmarathon vor tickender Bombe, sowie dank des höchst verstörenden Rentnerblousons von Neuruheständler Bruce Wayne. Selbst Anne Hathaway als redlich bemühte Catwoman kann nicht verhindern, dass Nolans flügellahmes Opus wie der gänzlich profillose Antagonist Bane keuchend am Beatmungsgerät einer nur behaupteten Bedeutungsschwere hängt.
Eine Entdeckung: Elizabeth Olsen in Sean Durkins sublimem Thriller "Martha Marcy May Marlene": Ihre furchtlose Darstellung einer jungen Frau, die nach der Flucht aus einer Sekte mit Paranoia und Persönlichkeitsstörungen ringt, war von solch hypnotischer Qualität, dass es in Zukunft hoffentlich vergleichbar herausfordernde Rollen für die aus der Familientradition ausscherende Schwester der Olsen-Twins Mary-Kate und Ashley gibt.
Szenenapplaus: Gibt es für den nervenzerrendsten Dokumentendiebstahl der jüngeren Filmgeschichte, zu sehen in Tomas Alfredsons "Dame, König, As, Spion". Die furiose Sequenz, in der George Smileys loyaler Gefolgsmann Peter Guillam (Benedict Cumberbatch) eine Verschlussakte aus dem Archiv des britischen Geheimdiensts entwendet, lässt den Atem mehr stocken als sämtliche Bond-Kapriolen der letzten 50 Jahre. David Kleingers
Eine Enttäuschung: So offensichtliche Pleiten wie "Zettl" von Helmut Dietl sagen so gut wie nichts über den aktuellen Zustand des deutschen Kinos aus. Ungleich bedeutsamer und schrecklicher ist es, dass der Film "Kriegerin" des bestimmt sehr edel gesinnten Regisseurs David Wnendt zu einem zentralen, vielfach preisgekrönten Ereignis des deutschen Kinojahrs hochgejubelt wurde. Man sieht stumpfsinnigen ostdeutschen Neonazis in ekligem Fernsehspielrealismus beim Vögeln und beim Prügeln zu, man muss einen Altnazi-Großvater anhören und bekommt eine kleine Läuterungsgeschichte vorgesetzt, in der das Mädchen Marisa (Alina Levshin) lernt, nicht länger als öde Jungnazisse durchs Leben zu pöbeln. Der Film tut so, als seien alle rechtsradikalen Deutschen saufende Springerstiefel-Idioten und vernebelt die Wahrheit: Der rechte Abschaum trägt heute gern Spießerklamotten zum Spießergesicht.
Eine Entdeckung: Der Schauspieler Ronald Zehrfeld als Landkrankenhausarzt Reiser in Christian Petzolds Liebesdrama "Barbara", das in einer verwunschenen DDR-Provinz spielt, wie es sie so melodramatisch vermutlich nie gab. Ein brummiger Zausel und Stasi-Spitzel wird zum Helden - und der Zuschauer staunt über die Überraschungskraft eines Kinos, das uns einen Schauspieler, den wir in anderen Rollen schon gefühlte tausendmal nicht besonders aufregend fanden, plötzlich zu lieben lehrt.
Szenenapplaus: Wie die Schauspielerin Jennifer Lawrence aus der eigentlich braven Bestsellerverfilmung "Die Tribute von Panem - The Hunger Games" ein großes Kinoabenteuer machte, war im Ganzen schon super. Am großartigsten ist sie in jenen Szenen, in denen sie ihr Trainingspensum herunterreißt für die große, zombifizierte Castingshow um Leben und Tod: als Bogenschützin. Wolfgang Höbel
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