Psychothriller "Liebmann" Flirrendes Spiel mit dem Kopfkino

Ein Deutscher in Nordfrankreich. Ist er im Urlaub oder auf der Flucht? Ein Geheimnis steht im Zentrum des schönen Debüts von Regisseurin Jules Herrmann, das von Brüchen und Überraschungen lebt.

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Der Lavendel blüht, als Antek Liebmann (Godehard Giese) an seinem Urlaubsort eintrifft, einem verschlafenen Nest im Norden Frankreichs. Der Vermieter der Ferienwohnung holt ihn vom Bahnhof ab und fragt den Gast unschuldig nach dessen Plänen. "Möchten Sie sich erholen?" Liebmann lacht müde auf, dann bejaht er. Und wir ahnen früh: Dieser Mann trägt mehr mit sich herum als nur die Anstrengungen des täglichen Broterwerbs.

Regisseurin Jules Herrmann und ihr Kameramann Sebastian Egert haben die Ankunft Liebmanns in ein blasses Schwarz-Weiß getaucht und damit einen Kontrast gesetzt zu den kräftigen Tönen, die das sommerliche Frankreich erwarten lassen würde. Zwar stellt sich die Farbe nach wenigen Minuten ein, der Lavendel strahlt dann im gewohnt satten Violett, doch der Protagonist bleibt seltsam unentspannt, geradezu aufgekratzt. Ruhelos räumt er die Möbel in seinem Zimmer um, findet nachts keinen Schlaf, betrinkt sich.

Man erinnert sich an jenen rätselhaften Prolog ganz zu Beginn des Films: Farbige Filter hatten sich dort über Bilder gelegt, die Liebmann schweißgebadet zeigten, Panik ins Gesicht geschrieben. Dazu, als Allegorie aus dem Off, die Geschichte eines verendeten Pfaus mit schillerndem Gefieder. Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Deutschen, so viel ist klar. Während die sonnige Nachbarin Geneviève (Adeline Moreau) ebenso prompt wie unverhohlen ein Auge auf Liebmann wirft, gibt der sich abweisend und wortkarg, weicht allen persönlichen Fragen partout aus.

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"Liebmann": Leise Kunstfertigkeit

Geschicktes Spiel mit dem Kopfkino des Zuschauers

Was ist anzufangen mit diesem Helden, fragt sich auch der Zuschauer mit zunehmender Spieldauer. Zumal sich die Hinweise häufen, dass hinter dem Urlaub in Wahrheit eine Flucht steckt. Liebmann will vergessen. Ironischerweise hat er sich dafür eine Gegend ausgesucht, die von Erinnerungen lebt, von deutschen Militäraktionen, Belagerungen und Gefechten während der beiden Weltkriege, wie wir im Rahmen einer charmanten kleinen Geschichtsstunde erfahren.

Liebmann taut nach und nach dann doch noch auf, freundet sich mit der Nachbarin an, findet sogar einen Aushilfsjob, beginnt eine Affäre. Doch die Merkwürdigkeiten bleiben, auch die alarmierenden Farbfilter, und im nahen Wald, durch dessen Unterholz Liebmann gerne streift, wird zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit ein Toter gefunden.


"Liebmann"

Deutschland 2016
Buch und Regie: Jules Herrmann
Darsteller: Godehard Giese, Adeline Moreau, Fabien Ara
Produktion: Ester.Reglin.Film Produktionsgesellschaft
Verleih: missingFilms
FSK: ab 6 Jahren
Länge: 82 Minuten
Start: 26. Januar 2017


Worin das Trauma besteht, das Liebmann zu verarbeiten sucht und wann man dahinterkommt, spielt hier nicht die entscheidende Rolle. Viel mehr Beachtung verdient, wie unaufgeregt Regisseurin Jules Herrmann in ihrem Spielfilmdebüt Andeutungen sät, wie geschickt sie mit der Neugier und dem Kopfkino des Zuschauers spielt. Sie lockt auf falsche Fährten und setzt uns einem Mann aus, den wir begreifen wollen, aber nicht können - ganz so wie seine Mitmenschen.

Spannung ohne Effekthascherei

Herrmann nimmt sich Zeit für ihre Geschichte, sie passt sie dem gemächlichen Tempo des Urlaubsidylls an. So entsteht ein reizvoller Hybrid: ein Psychothriller von mitunter flirrender Leichtigkeit und letztlich tatsächlich jenes "fröhliche Drama", als das der Verleih den Film anpreist. Hier die Beklemmung, die sich aus den Schatten der Vergangenheit speist, dort die Ausflüge ins Märchenhafte, wenn die Nachbarin in einer Tagtraumsequenz einen Zauberkuchen für Liebmann backt, um sein Herz zu gewinnen.

Als schließlich Liebmanns Schwester im Urlaubsdomizil erscheint, findet die Geheimnistuerei ihr Ende. Das Geschehene lässt sich nicht länger verdrängen. Doch selbst hier bewahrt der Film sein spielerisches Element: Das Geschwisterpaar, eben noch in der Ferienwohnung streitend, schlendert in der nächsten Szene in Gewändern des Fin de Siècle über eine Anhöhe und reziziert Verse aus Strindbergs Kammerspiel "Der Pelikan".

Im Video: Der Trailer zu "Liebmann"

In diesen Brüchen, im Oszillieren zwischen unterschiedlichen Stimmungen und Genres liegt die leise Kunstfertigkeit dieses Films. Ohne jede Form von Effekthascherei hält "Liebmann" seine Spannung hoch. Jules Herrmann beweist dabei eine starke eigene Handschrift, sowohl erzählerisch als auch mit ihrer Bildsprache.

Giese verleiht der Figur unaufdringlich Profil

Zum Gelingen ihres Erstlingswerks trägt nicht zuletzt der Hauptdarsteller einen großen Anteil bei. Godehard Giese, der ursprünglich vom Theater kommt, ist einer der derzeit spannendsten Darsteller aus der zweiten Reihe - und zudem unfassbar produktiv. Allein für den Zeitraum seit 2015 listet die Plattform IMDb 31 Fernseh- und Kinofilme sowie Serien, in denen Giese mitwirkte.

Ob im "Fall Barschel" oder in "Schuld nach Ferdinand von Schirach", ob als Ekelehemann im Kinofilm "Im Sommer wohnt er unten" oder als DDR-Spion in der Erfolgsserie "Deutschland 83": Bisher waren es meist Nebenrollen, oft unscheinbare Typen oder kleine Widerlinge, denen Giese sein Gesicht gab. Doch gerade diesen Figuren verleiht er Profil, unaufdringlich und im Dienst der Rolle. So auch in "Liebmann". Bleibt zu hoffen, dass wir Giese in Zukunft häufiger in Hauptrollen zu sehen bekommen.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
mum_23 26.01.2017
1. Fsk
FSK ab 6 Jahre???
chuckal 27.01.2017
2. Brüche?
Ohje. und das im Urlaub.
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