Bewegende Doku "Life, Animated" Wie ein Autist über Disney-Filme den Zugang zur Welt fand

Ist er traurig, schaut er "Bambi", will er reden, holt er eine Handpuppe aus "Aladdin". Ein autistischer Junge entdeckt über Disney-Filme die Welt. Das ist Werbung - vor allem aber eine Hommage an die Kraft des Films.

Von Britta Schmeis


Die Kitschgefahr ist bedenklich hoch, der Betroffenheitsfaktor ebenso, wenn es um einen autistischen Jungen geht, der nach Jahren der Sprachlosigkeit plötzlich dank Filmen beginnt, wieder Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen. Jene Filme, die bei all den schreienden, auf Hochglanz polierten Farben nur Schwarz und Weiß, Gut und Böse kennen, in großen Gesten und Gefühlen schwelgen und das unausweichliche Happy End ansteuern.

Glücklicherweise hält sich Regisseur und Drehbuchautor Roger Ross Williams in seiner Doku gar nicht damit auf, dies tiefer zu ergründen, schon gar nicht auf medizinisch-psychologischer Ebene. Er erzählt vielmehr filmisch virtuos und berührend die Geschichte eines solchen Jungen: Owen Suskind. "Er verschwand, als er drei Jahre alt war. Es war wie eine Entführung", wird sein Vater später in einer Interview-Sequenz berichten. Es trifft sich gut, dass jener Vater, Ron Suskind, ein mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Journalist ist, der sehr genau weiß, wie man Geschichten erzählt. Die seines Sohnes hatte er 2014 bereits unter dem Titel "Life, Animated: A Story of Sidekicks, Heroes and Autism" veröffentlicht.

Williams nahm den Bestseller als Grundlage und erzählt doch ganz anders. Denn das Buch dokumentiert das Leben Owens in der Vergangenheit. Williams hingegen porträtiert über zwei Jahre einen jungen Mann, der kurz vor dem Schulabschluss steht, mit 23 Jahren aus dem behüteten Elternhaus in eine eigene (betreute) Wohnung zieht, seine erste Beziehung eingeht und Enttäuschungen erlebt. Auch da trifft es sich gut, dass Williams auf umfangreiches Videomaterial der Suskinds zurückgreifen kann, welches das glückliche Familienleben dokumentiert: wie der Vater mit seinen Söhnen herumtollt, sich mit ihnen im Laub wälzt, wie Owen als Peter Pan mit ihm kämpft.

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Doku "Life, Animated": Jenseits von Peter Pan, Aladdin und Arielle

Einblick in Owens Gedankenwelt

Und es trifft sich gut, dass der autistische Owen selbst über Jahre sein eigenes Comic gezeichnet hat: "The Land of Lost Sidekicks". Das französische Studio Mac Guff hat es für Williams' Dokumentation animiert. Die Animationen geben dem Zuschauer einen eindrücklichen Einblick in Owens Gedankenwelt, visualisieren seine Kindheit und bebildern die Erzählungen der Eltern und des älteren Bruders Walt. In leicht verschwommenem Schwarz-Weiß zeigen sie, wie Owen seine Umwelt erlebt haben muss. Einzig Jago, der sprücheklopfende Papagei aus "Aladdin", erstrahlt in knalligem Rot. Denn über eine Jago-Handpuppe nahm Ron wieder Kontakt zu seinem Sohn auf.

Wenig später stellte die Familie fest, dass Owen alle Dialoge der Filme und sogar die Stimmen imitieren konnte. So viel Bildmaterial schrie geradezu nach einer filmischen Umsetzung. Hinzu kommen die Sequenzen aus den Disney-Filmen, die Disney dem Filmemacher zur Verfügung gestellt hat. Manchmal passen diese Szenen nur allzu perfekt in die Story - etwa wenn Owen ausgerechnet dann "Bambi" schaut, nachdem er sich von seiner Mutter verabschiedet hat, um in seiner eigenen Wohnung zu leben.

Doch egal, ob die ein oder andere Szene etwas konstruiert ist - auch eine Dokumentation folgt einer gewissen Dramaturgie - , Williams taucht immer wieder in die fiktive Welt ein, die es Owen ermöglicht, seine Außenwelt zu dechiffrieren. Grandios übersetzt der oscarprämierte Dokumentarfilmer Owens Geschichte und dessen Gedankenwelt in Bilder und Klänge. Die teils stumpfen, teils unerträglich schrillen Töne, die Owen als kleiner Junge gehört haben muss, seine gebrabbelten Sätze, das Vor- und Zurückspulen der Disney-Filme - teils auf VHS-Kassetten - , all das ergibt ein eindringliches Bild.


"Life, Animated"

USA, Frankreich 2016
Regie:
Roger Ross Williams
Drehbuch: Ron Suskind
Darsteller: Owen Suskind, Ron Suskind, Walter Suskind, Jonathan Freeman, Gilbert Gottfried, Alan Rosenblatt
Production: A&E IndieFilms, Motto Pictures, Roger Ross Williams Productions
Verleih: NFP
Länge: 92 Minuten
FSK: keine Einschränkungen
Start: 22. Juni 2017

Williams' Team begleitet Owen in die Schule, zum Disney-Club, zu Therapeuten, in die neue Wohnung und lässt immer wieder Owens Eltern Cornelia und Ron und Bruder Walt zu Wort kommen. Analysen sind das nicht - Williams bleibt auf der emotionalen Ebene. Auch davon lebt dieser Film. Manchmal ist es Owen selbst, der mit seinen entwaffnend einfachen und doch so treffenden Einsichten erstaunt. In einer Szene fragt er seine Eltern, warum sein Bruder Walt nach seinem Geburtstag wohl so traurig ist und äußert dann nach Kurzem die Vermutung: Es geht ihm vermutlich wie Peter Pan, er will nicht erwachsen werden.

Sehr viel später wundert er sich: "Why is life so full of unfair pain and tragedy?" (Warum ist das Leben so voller ungerechtem Schmerz und Tragik?) Ein Satz, der in jedes Disney-Skript passt, und der doch einen Punkt in Owens Leben markiert, an dem er zu realisieren beginnt, dass das Leben eben doch komplizierter ist als in seinen Comicstrips. Sein Bruder Walt ist es, der in anrührenden Szenen versucht, ihn ein Stück mehr auf ein Leben jenseits von Peter Pan, Aladdin und Arielle vorzubereiten, die zwar reichlich Romantik vermitteln, Sex allerdings aussparen.

Es geht um einen Jungen, der - zugegeben unter schwierigen Bedingungen - seinen Platz in der Welt sucht und sich dafür die Disney-Figuren zum Vorbild nimmt. Dass er nicht die Helden, sondern deren Freunde und Helfer wählt, lässt sich als zusätzlicher Blick in Owens Innenwelt deuten. Er sieht sich nicht als Held und weiß doch, dass Helden ohne ihre Sidekicks keine sein könnten. Früher oder später emanzipieren sie sich ohnehin - im Disney-Universum allemal. Skriptschreiber hätten sich diese Geschichte kaum perfekter ausdenken können. Das mag kitschig und teils auch konstruiert erscheinen. Es lässt sich aber auch einfach als der Zauber und die wunderbare Kraft des Films in all seinen Facetten begreifen.


Im Video: Der Trailer zu "Life, Animated"

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insgesamt 2 Beiträge
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homernarr 23.06.2017
1. Das glaube ich sofort
Das macht MMN Sinn: Oft werden in Animationen Emotionen simplifiziert und manchmal übertrieben dargestellt. Nicht nur in westlichen Animationen, auch in japanischen Animationen. Das kann manchmal einfacher sein, als das erkennen von Emotionen in anderen Menschen, da man zB nicht alle Emotionen zeigen will und manches unterschwellig angezeigt wird. Vielleicht ist es das was die Autisten unsicher macht. Achtung Hobby Psychologie ohne Qualifikation, bitte um Gnade
wwwradtouren4ude 23.06.2017
2. Große Vielfalt, mit Autisten Kontakt aufzunehmen
Auf dem Bundeskongress von Autismus Deutschland war der Film als Preview zu sehen und hat die meisten Besucher sehr beeindruckt. Jeder Autist ist einzigartig und somit ist auch der Zugang zu jedem Autisten anders zu gestalten. Der Film und die Geschichte sind klasse, weil hier der Vater eine ganz besondere Zugangsform per Zufall herausgefunden hat (wird im Film so dargestellt), das verstanden und genutzt hat. Die Vielfältigkeit der Ansätze findet man unter anderem bei Autismus-buecher.de, dort werden auch weitere Filme vorgestellt, die es leichter machen, Autismus zu verstehen. In jedem Fall kann man diesen Film sehr empfehlen, er ist aber nicht nur leicht Kost, sondern zeigt auch sehr emotional den Kampf der Eltern um ihr Kind.
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