Ryan Reynolds und Jake Gyllenhaal in "Life" Hat da jemand Alien gesagt?

Zwei Superstars und ein Einzeller, der sich zum Tentakel-Killer entwickelt - der Science-Fiction-Thriller "Life" bringt sie auf der Internationalen Raumfahrtstation ISS zusammen. Ausgang? Natürlich tödlich.

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Das nennt man Auftrag erfolgreich ausgeführt: Die Astronauten auf der Internationalen Raumstation ISS fangen eine Sonde ein, die frische Proben vom Mars mitbringt. Und siehe da: Im rötlichen Staub entdecken sie einen inerten Einzeller. Leben auf dem Mars, Hurra!

Mit allerlei chemischen Experimenten und Atmosphäre-Veränderungen wird Mikro-E.T. schließlich im Labor erst zum quicklebendigen Zucken und dann zum rapiden Wachsen gebracht. Biologe Hugh (Ariyon Bakare) ist beseelt, nennt das gallertartige Seesternchen aus autarken Muskelzellen "Calvin" und erhofft sich Erkenntnisse über das Leben an sich - insgeheim vielleicht sogar ungeahnte Heilungsmöglichkeiten für seine verkrüppelten Beine, die ihn auf der Erde an den Rollstuhl fesseln. Hier, in der zwar beengten Schwerelosigkeit der ISS, sind alle beflügelt von dem amorphen Marsianer. Da kann man schon mal ein paar Sicherheitsmaßnahmen, die das Protokoll vorschreibt, vergessen.

Die Ärztin der Crew: Miranda North (Rebecca Ferguson)
Sony Pictures

Die Ärztin der Crew: Miranda North (Rebecca Ferguson)

Der Anfang von "Life", einem Science-Fiction-Thriller von Regisseur Daniel Espinosa ("Safe House"), verspricht viel. Die sechs Hauptfiguren, darunter Top-Stars wie Ryan Reynolds, Jake Gyllenhaal und Rebecca Ferguson, werden samt ihres akribisch im Studio nachgebauten Habitats mit einer minutenlangen One-Take-Sequenz vorgestellt, die an Emmanuel Lubezkis kühne Kamerafahrten in "Gravity" erinnern soll, aber nicht ohne ein paar Computertricks auskommt.

Geschenkt: Nach ausgiebigem Gleiten und Trudeln durch die ISS glaubt man ein Gefühl für die labyrinthische Orientierungslosigkeit zu bekommen, die Astronauten neben ihren dienstlichen Aufgaben und den existenziellen Lästigkeiten des All-Alltags zusätzlich bewältigen müssen. Ein cleveres Set-up für das, was in einem Film wie "Life" zwangsläufig passieren wird. Sogar die Figuren haben Zeit, ein wenig Tiefe und Charakter zu zeigen. Nicht, dass es darauf dann später noch ankommt.

Verspeist von innen nach außen

Denn je größer "Calvin" wird, desto mehr Survival-Instinkte entwickelt er auch - und entpuppt sich als universell begabtes, zäh-schleimiges Tentakelmonster, das sich nach erfolgreicher Flucht aus dem Brutkasten zunächst eine Laborratte einverleibt (und zwar von innen nach außen!), dann auf die Besatzungsmitglieder losgeht, nicht ganz als "Face-Hugger", aber so ähnlich. Und damit liegt das größte Problem von "Life" offen auf dem Seziertisch: Ein aggressiver Weltraum-Killer, der an Bord eines verwinkelten Raumschiffs eine blutige Sechs-kleine-Menschlein-Jagd veranstaltet… - hat da gerade jemand "Alien" gesagt?

Das Problem ist nicht, dass sich das Plotgerüst von "Life" allzu wenig von Ridley Scotts Horror-Klassiker von 1979 unterscheidet, dafür ist es in seiner schlichten Effizienz viel zu genial, um nicht als ewige Blaupause zu dienen. Das Problem ist vielmehr, dass dem "Alien"-Konzept keine neuen Ideen hinzugefügt werden, abgesehen natürlich vom Setting auf der erdnahen ISS, einigen modernen Zugeständnissen und CGI-Technik. Aber damals wie heute muss primär verhindert werden, dass Killer-"Calvin" unter noch mehr Menschen gerät, die er verdauen kann. Und das droht trotz penibelster Ausbildung und strengen Regeln kläglich an allzu menschlichen Fehlern, Versäumnissen und Emotionalitäten zu scheitern - bis hin zu einem dramatischen Kniff zum Schluss, den das geübte Genre-Publikum jedoch schon lange vorher antizipiert.


"Life"
USA 2017
Regie: Daniel Espinosa
Drehbuch: Rhett Reese, Paul Wernick
Darsteller: Jake Gyllenhaal, Ryan Reynolds, Rebecca Ferguson, Ariyon Bakare, Hiroyuki Sanada, Olga Dihovichnaya
Produktion: Columbia Pictures, Skydance Productions, Sony Pictures
Verleih: Sony Pictures Germany

Länge: 103 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 23. März 2017


Mal ganz abgesehen davon, dass das von Autor Dan O'Bannon, Regisseur Scott und Designer H.R. Giger erdachte Ur-Alien einen glitschigen Gremlin wie "Calvin" zum Frühstück verspeisen würde: Was für eine Ernüchterung für die menschliche Spezies, nachdem sich Matt Damon in "Der Marsianer", ebenfalls von Ridley Scott, zwar nicht gegen Aliens behaupten musste, aber zumindest eine ihm feindlich entgegengestellte Umwelt mit Köpfchen und Wissenschaft austrickste. Und vor allem mit Humor.

Und der fehlt "Life" leider ab dem zweiten Akt auf ganzer Linie. Was umso mehr erstaunt, da das Drehbuch von Paul Wernick und Rhett Reese stammt, die sich ihren Zugriff auf Blockbuster-Spektakel mit Zoten wie "Zombieland" und "Deadpool" errungen haben. Sollten sie ihren nerdigen Anarcho-Humor ursprünglich auch in "Life" installiert haben, so wurde er offenbar vom Thriller-Pragmatismus Espinosas ausgetrieben.

Im Video: Der Trailer zu "Life"

Ach, was für feine selbstreferentielle "Alien"-Gags hätte man sich vorstellen können, um das dumpfe Copycat-Gefühl ein bisschen zu lockern. Zumal, wenn man mit Ryan Reynolds auch noch Deadpool persönlich an Bord hat. Immerhin für einen "Re-Animator"-Joke reicht es. Der Rest ist hinreichend rasant inszeniertes Handwerk, das "Life" gerade so eben am Leben erhält.

Science-Fiction-Fans, die sich im Januar bereits von "Passengers" unterwältigen lassen mussten, können trotzdem hoffen: Im Mai kehrt mit Ridley Scotts "Alien: Covenant" zumindest die Fortsetzung des Originals zurück.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
PJanik 22.03.2017
1. Sorry, aber die Vorlage ist nicht Alien...
... sondern "Das Ding aus einer anderen Welt" Gab es schon 1951 von Howar Hanks, ein Remake gab es mit "The Thing" 1981 von John Carpenter unter anderem mit Kurt Russell, nochmals 2011 ein Remake. Klar ist Alien auch davon inspiriert und sicher hat das 4-te Remake von "The Thing" sich bei Alien eine Scheibe abgeschnitten, aber ich erwarte von einer Rezension/Kritik das man die Ursprünge kennt. Der Unterschied in "Life" ist das es hier in einer abgeschlossenen Station kein entkommen gibt. Ansonsten, in den vorherigen Filmen, war die Handlung eher in der Antarktis.
ed_tom_bell 22.03.2017
2. Quelloffenheit
Zitat von PJanik... sondern "Das Ding aus einer anderen Welt" Gab es schon 1951 von Howar Hanks, ein Remake gab es mit "The Thing" 1981 von John Carpenter unter anderem mit Kurt Russell, nochmals 2011 ein Remake. Klar ist Alien auch davon inspiriert und sicher hat das 4-te Remake von "The Thing" sich bei Alien eine Scheibe abgeschnitten, aber ich erwarte von einer Rezension/Kritik das man die Ursprünge kennt. Der Unterschied in "Life" ist das es hier in einer abgeschlossenen Station kein entkommen gibt. Ansonsten, in den vorherigen Filmen, war die Handlung eher in der Antarktis.
Der Regisseur von "The Thing..." von 1951 war Christian Nyby. Howard Hawks war der Produzent, dessen Handschrift man dem Film allerdings sehr deutlich anmerkt. Dass Scott davon inspiriert wurde denke ich auch. Und das legen auch Bemerkungen nahe, die er in der Dokumentation "Watch the Skies" machte, die im Zusammenhang mit Steven Spielbergs "War of the Worlds"-Verfilmung entstand. John Carpenters "The Thing" (1982) hätte es ohne "Alien" (1979) sicherlich nicht gegeben. Carpenter nutzte die Gelegenheit allerdings dazu sich viel näher an die Romanvorlage "Who goes there" von John W. Campbell Jr. zu halten als es Nyby und Hawks taten. "The Thing" von 2011 ist kein Remake, sondern ein Prequel zu Carpenters Film, das die Vorgeschichte auf der norwegischen Station erzählt. Ein Entkommen gab es in allen Geschichten nicht. Bei Nyby/Hawks und Carpenter war es der Polarwinter, der die Flucht unmöglich machte. Bei Matthijs van Heijningen Jr. war es schlicht das Verantwortungsgefühl eine weltweite Pandemie zu verhindern, was die Crew an der Flucht hinderte. Der Ursprung aller genannten Geschichten ist wohl H. P. Lovecrafts "At the Mountains of Madness", die wiederum wohl von Platons Dialogen "Kritias" und "Timaios" und der theosphischen Esoterik inspiriert wurde. Wo die Quellen wiederum dafür liegen, wäre auch mal eine Untersuchung wert.
thorsten.munder 22.03.2017
3. Alien
wer kennt den Film denn schon noch gehen doch heutzutage Teenager ins Kino die erst vor 20 Jahren oder so geboren wurden , also wenn diese Rezension nicht hier erschienen wäre hätte gar keiner gemerkt ( auser ein Paar alten Hasen ) das hier von Alien abgekupfert wurde ! ich glaube nicht das das noch relevant ist , die Leute wollen einfach einen Film sehen , Unterhaltung und so !
ed_tom_bell 22.03.2017
4. Einwegfilme und Recycling
Zitat von thorsten.munderwer kennt den Film denn schon noch gehen doch heutzutage Teenager ins Kino die erst vor 20 Jahren oder so geboren wurden , also wenn diese Rezension nicht hier erschienen wäre hätte gar keiner gemerkt ( auser ein Paar alten Hasen ) das hier von Alien abgekupfert wurde ! ich glaube nicht das das noch relevant ist , die Leute wollen einfach einen Film sehen , Unterhaltung und so !
Wer ist das eigentlich: "die Leute"? Man hört und liest ja häufig von denen - "die Leute", "das Volk" usw. - aber wenn man mal genauer nachforscht sind sie doch meistens schwer zu fassen und offenbar eher Minderheiten. "Alien", "Aliens", "Alien3", "Alien: Die Wiedergeburt", sowie die eher platten kommerziellen Nachgeburten "Alien versus Predator"-1 und 2 verkaufen sich auf DVD und BluRay auch heute noch sehr gut, soweit ich weiß. Irgendwelche "die Leute" müssen die also wohl immer noch sehen und kennen. Nicht nur cineastische Langohren. Muss man nicht, darf man aber doch wohl hoffentlich. Und ein weiteres, wenn auch verbreitetes Missverständnis ist übrigens, dass bei der Unterhaltung der Kopf im Wege sei.
Premiumbernd 23.03.2017
5. Mann,
Zitat von ed_tom_bellWer ist das eigentlich: "die Leute"? Man hört und liest ja häufig von denen - "die Leute", "das Volk" usw. - aber wenn man mal genauer nachforscht sind sie doch meistens schwer zu fassen und offenbar eher Minderheiten. "Alien", "Aliens", "Alien3", "Alien: Die Wiedergeburt", sowie die eher platten kommerziellen Nachgeburten "Alien versus Predator"-1 und 2 verkaufen sich auf DVD und BluRay auch heute noch sehr gut, soweit ich weiß. Irgendwelche "die Leute" müssen die also wohl immer noch sehen und kennen. Nicht nur cineastische Langohren. Muss man nicht, darf man aber doch wohl hoffentlich. Und ein weiteres, wenn auch verbreitetes Missverständnis ist übrigens, dass bei der Unterhaltung der Kopf im Wege sei.
natürlich werden DVDs gekauft. Von uns, den Alten. Denn wir sind viele. Die Jungen sind halt weniger und haben weniger Geld. Mein Sohn ist 21 Jahre und kann mit DVD nichts anfangen, die streamen. das meint der von ihnen zitierte Forist.
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