Kinoadaption "Life of Pi" Mehr Wind, mehr Wellen, mehr Bilder

Wie lang können ein Mensch und ein Tiger im selben Boot überleben? Aus dem phantastischen Stoff des Bestsellers "Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger" hat Ang Lee einen mitreißenden Film gemacht, der so eindrucksvoll Gebrauch von der 3-D-Technik macht, wie es selbst "Avatar" nicht gelungen ist.

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Dieser Sturm wird ein mächtiges Schiff zum Kentern bringen. Er wird die gesamte Besatzung mit in die Tiefe reißen. Er wird die hoffnungsvolle Familie Patel, die Indien verlässt, um in Kanada den Neuanfang zu wagen, zerstören und alle ihre Tiere, mit denen sie sich einen neuen Zoo aufbauen wollten, ertränken. Als dieser tödliche Sturm aufkommt, rennt Pi, der jüngste Sohn der Patels, an Deck. Ihm schlagen Wind und Wellen entgegen, doch er reißt begeistert die Arme in die Luft und fordert von Gott noch mehr Wind, noch mehr Wellen. Als die Sturmwellen sich immer höher auftürmen und ihn schließlich umreißen, jubelt er, als habe er ein Geschenk erhalten.

Um "Life of Pi" genießen zu können, muss es einen als Zuschauer ins Kino drängen wie Pi auf die Reling - nämlich von dem Wunsch getragen, ein überwältigendes Spektakel geboten zu bekommen und mit der Bereitschaft, sich den Bildern vollends hinzugeben. Dann erwartet einen ein unvergesslicher Film.

Vor über zehn Jahren erschien Yann Martels zweiter Roman, "Life of Pi". Nach zaghaften Erfolgen mit Kurzgeschichten war der erste Roman des Kanadiers, "Self", weitgehend ignoriert worden. Danach wollte es auch mit dem zweiten Manuskript nicht recht klappen. Mehrere namhafte Verlage lehnten die phantastische Geschichte ab. Schließlich kam Martel beim kanadischen Knopf-Verlag unter, der das Buch 2001 herausbrachte - genauer gesagt am 11. September 2001. Doch ausgerechnet an diesem Tag sollte Martels Pechsträhne enden. "Life of Pi" entwickelte sich zum internationalen Bestseller und wurde sogar mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet.

Wovon soll der Tiger leben?

Dass sich nun Oscar-Preisträger Ang Lee der Verfilmung des Buchs angenommen hat, schreibt die unerwartete Erfolgsgeschichte von "Life of Pi" fort. Bei Lee ist Martels Erzählung, die in einem indischen Zoo beginnt und in einer Küche in Montréal endet, in den denkbar besten Händen, denn Lee ist der einzige wirklich globale Geschichtenerzähler des Kinos. Er wechselt mit jedem Film zwischen den Kontinenten und Genres und hält doch jedes Mal die Balance zwischen exakter historisch-geografischer Verortung und allgemeingültigen Wahrheiten. Ohne Exotismus zu bedienen, scheut er keine Schauwerte, weshalb in seinen Filmen ebenso der "Hulk" durch Manhattan wüten kann als auch die Schwertkämpferinnen aus "Tiger & Dragon" plötzlich zu fliegen anfangen.

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"Life of Pi": Ein Bestseller wird zu Bildern
Diese Furchtlosigkeit der Bilder braucht es bei "Life of Pi" ganz besonders, denn ohne visuelle Entschlossenheit entsteht nicht das Vertrauen in die Geschichte, das es braucht, um sich auf die immer gewagter werdenden Entwicklungen einlassen zu können und schließlich an ein verblüffendes Ende zu gelangen, das alles in Frage stellt und gleichzeitig aufs Schönste beschützt.

227 Tage ist der Jugendliche Pi (Suraj Sharma in seiner ersten Filmrolle) an Bord des Rettungsboots mit dem (digital geschaffenen) Tiger gefangen. Für Menschen bietet das Boot Wasser, Zwieback und ein Handbuch zum Überleben auf See. Aber für Tiger? Nur mit größter Schnelligkeit und Geschicklichkeit kann sich Pi ein eigenes Floß aus Rettungswesten und Proviant bauen, bevor er selbst zur Notration wird. So kann es nur wenige Tage weitergehen, denkt man, doch Pis Erfindungsreichtum reißt nicht ab. Er findet Nahrung und Schutz in allen Launen der Natur, fängt mit Eimern das Regenwasser zum Trinken auf und nutzt einen Schwarm fliegender Fische, um sich und den Tiger zu füttern.

Eindrucksvoller als "Avatar"

Doch die Grenzen zwischen Mensch und Tier bleiben bestehen, immer wieder muss Pi seinen Lebensraum gegen den Tiger verteidigen. Der Kampf um Räume entwickelt sich so zum zentralen Thema des Films - auch auf der visuellen Ebene. Mit berückend schönen 3-D-Bildern gelingt es Lee und seinem Cinematografen Claudio Miranda ("Der seltsame Fall des Benjain Button", "Tron: Legacy"), sowohl das Gefühl der Enge auf dem Boot als auch der Weite auf dem Ozean zu vermitteln.

Die Spannung zwischen beidem ist grandios. Wenn der Tiger mit seiner Pranke nach Pis Floß langt, ist die Kamera so nah dran, dass man es selbst als Bedrohung seines Rückzugsraums im Kinosaal empfindet. Gleichzeitig reißt es einem den Boden unter den Füßen weg, wenn die Kamera die Vogelperspektive einnimmt und zeigt, wie unter dem einsam im Meer schwimmenden Pi langsam das hell erleuchtete Frachterschiff in die Tiefe sinkt. Schlüssiger hat selbst James Cameron in "Avatar" die 3-D-Technik nicht eingesetzt.

Lees größte Leistung ist es aber, die Bilder bei aller Erhabenheit gleichzeitig auch zu hinterfragen. Wo im weiten Pazifik gibt es denn phosphorisierende Quallen? Und was hat es mit der Insel auf sich, deren Süßwasserseen nachts zu ätzenden Gewässern umkippen?

Im Buch nimmt die Auseinandersetzung mit Religion und Spiritualität großen Raum ein. Diese Dimension fehlt auch im Film nicht. Pi wird als Hindu erzogen, wendet sich als Kind aber zugleich dem Katholizismus zu und begeistert sich zuletzt auch noch für den Islam. Nicht zuletzt sein Pantheismus ist es auch, der ihn Verantwortung gegenüber dem Tiger empfinden und ihn jede Anstrengung unternehmen lässt, auch dessen Leben zu retten. Das "Wie hast du's mit der Religion?" des Buchs ergänzt Ang Lees Film nun durch die Frage "Wie hast du's mit dem Wal, der plötzlich aus den Tiefen zum Sprung über das Rettungsboot ansetzt?".

In einem Kinojahr voller Filme wie "Holy Motors" oder "7 Psychos", die mit traditionellen narrativen Techniken brechen und die Bedingungen des Erzählens selbst zum Thema machen, stellt somit auch "Life of Pi" die Frage nach dem Glauben an die Bilder. Er macht dies jedoch am eindrücklichsten, weil am sinnlichsten. Aus einem Buch, das als unverfilmbar galt, ist so ein bildstarker Film entstanden, bei dem man sich fragt, wie seine Geschichte jemals außerhalb des Kinos funktioniert haben kann.



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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
freeusa 26.12.2012
1. Wunderbares Kino, wunderbarer Film
Wer sich von dem Film fangen lassen will, muss sich in diese Bilder fallen lassen. Kino ist zum Erzählen etwas besonderes und dieser Film macht das Kino aus
ARIAGNI 26.12.2012
2. optional
Heute Abend werde ich den Film ansehen. Das Photo des Jungen mit dem Tiger erinnerte mich an *meinen Kindheitslektüren. Morgen werde ich Ihnen sagen, wie ich ihn fand.
digitus_medius 26.12.2012
3. dwr Film
ist definitiv die Literaturverfilmung des Jahres. Freue mich schon darauf.
kinder-kuchen 26.12.2012
4. Echte Natur???
Ich wundere mich nur warum heutzutage immer nur die Technik gelobt wird und nur noch Illussionen geschaffen werden. Haben wir nicht genug echte atemberaubende Natur hier in der Welt????
Suzaku 26.12.2012
5. Setting
Spielt der Film also hauptsächlich auf dem Floß? In dem Fall kann es ja auch kaum wörtliche Rede geben, oder irre ich mich?
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