Steven Spielbergs Historienkino: Ein ernsthaftes Wunderkind

Von David Kleingers

Womit spielt der große Kinomagier denn nun schon wieder herum? Mit "Lincoln" legt Steven Spielberg ein nachdenkliches Historiendrama vor - und verwirrt viele Kritiker erneut. Ist er nun Blockbuster-Fabrikant oder Künstler? Vielleicht lautet die Antwort: einer der größten Erzähler überhaupt.

Steven Spielberg: Vom Monsterhai zum Über-Präsidenten Fotos
The Steven Spielberg Archive

"Ich sage nicht, okay, jetzt muss mal wieder ein leichter Film her, damit das Publikum sich von den düsteren, historischen Stoffen erholen kann, in die meine Dämonen mich hineingetrieben haben. Ich mache das, wofür gerade die Zeit reif ist. Wenn es Zeit für 'Lincoln' ist, dann drehe ich 'Lincoln'." So schildert es Steven Spielberg selbst, der gerade mit "Lincoln" das definitive Leinwandporträt des 16. US-Präsidenten abgeliefert hat. Das politische Drama ist einer der aufregendsten und komplexesten Filme in Spielbergs Laufbahn. Zugleich kann man "Lincoln" als weiteren Beweis dafür verstehen, wie der Regisseur öffentlich wahrgenommen wird: Ungeachtet seiner 65 Jahre und etlichen Auszeichnungen wird er jedes Mal wieder einer kritischen Reifeprüfung unterzogen.

Spielberg war und ist für nicht wenige das immerjunge Wunderkind, der große Illusionist und naive Kinomagier. In diesen Zuschreibungen schwingt zwar Bewunderung für die technische Perfektion und Suggestionskraft seines Kinos mit, doch auch kaum verhohlenes Misstrauen. Selbst Spielbergs Zuwendung zu ernsten Stoffen in den vergangenen 20 Jahren hat die Diskussion über seinen künstlerischen Stellenwert nicht beendet. Im Gegenteil. Als er etwa 1993 binnen weniger Monate sowohl das Saurierspektakel "Jurassic Park" als auch das Holocaust-Drama "Schindlers Liste" herausbrachte, illustrierte dieses Nebeneinander das Problem perfekt: Die Kritik möchte Spielberg einen festen Platz als Filmemacher zuweisen - und nimmt ihm seine Vielseitigkeit daher übel.

Zum Monsterhai gesellt sich das Emanzipationsdrama

Der eingangs zitierte Satz entstammt dem Buch "Steven Spielberg. Seine Filme, sein Leben" des Journalisten Richard Schickel, eine opulent bebilderte Rückschau auf das Werk des Regisseurs. Die aus Interviews mit Spielberg zusammengestellte Chronik ist zwar eher ein repräsentativ gestalteter Katalog als eine theoretische Analyse, aber sie verdeutlicht die oft übersehene narrative Kontinuität in Spielbergs zeithistorischen Dramen.

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Spielbergs Entschlossenheit, abseits seiner Blockbuster über gefräßige Monsterhaie, gestrandete Außerirdische und abenteuerlustige Archäologen neue Themen zu erschließen, zeigte sich erstmals 1985 mit seiner Verfilmung von Alice Walkers Roman "The Color Purple" ("Die Farbe Lila"). Die gefühlsgeladene Inszenierung der Emanzipation einer Afroamerikanerin aus von Missbrauch und Gewalt geprägten Verhältnissen war nicht unumstritten. Der Film wurde von einigen Seiten als zu schönfärberisch und melodramatisch abgetan. Dennoch markierte er den Beginn einer neuen Linie in Spielbergs Arbeit: Die Auseinandersetzung mit individuellen und kollektiven Erfahrungen von Geschichte, geführt mit den Mitteln eines perfektionierten, dezidiert amerikanischen Erzählkinos.

In Schickels Buch erklärt Spielberg die Bedeutung des Films für sein weiteres Schaffen: "Ich glaube nicht, dass ich 'Schindlers Liste' oder 'Das Reich der Sonne' ohne 'Die Farbe Lila' hätte drehen können. Das war unmöglich, denn ich hatte vorher weder das Können noch das Einfühlungsvermögen. Ich hätte den Holocaust nicht angemessen behandeln können, so dass die Erinnerung der Überlebenden, vor allem aber das Gedenken an die Toten nicht kompromittiert worden wäre. Alle meine früheren Filme haben den Geruch von Popcorn. 'Die Farbe Lila' nicht."

Mit dem Bösen flirten - und Gutes vollbringen

Zu den aufschlussreichen Anekdoten gehört da auch, dass Spielberg zehn Jahre lang die Filmrechte an Thomas Keneallys Biografie über Oskar Schindler anderen Regisseuren anbot, darunter Roman Polanski. Schließlich überwand er die Selbstzweifel und übernahm selbst die Realisierung von "Schindlers Liste", der bei Veröffentlichung eine Debatte über das Für und Wider von Filmerzählungen über den Holocaust auslöste. Für Spielberg sollte der Film eine Zäsur sein: Erstmals artikulierte er sich in der Diskussion bewusst als jüdisch-amerikanischer Künstler, und mit der Gründung der Shoah Foundation und ihrem audiovisuellen Zeitzeugenarchiv leitete er aus seiner filmischen Arbeit eine konkrete gesellschaftliche Verantwortung für sich ab.

Mit der Figur Oskar Schindlers widmete sich Spielberg einem zerrissenen, zweifelnden Helden, der mit dem Bösen flirtet und dennoch Gutes vollbringt. Der moralisch-ethische Konflikt des Einzelnen im Angesicht inhumaner Gräuel setzte sich fort: Der innere Widerstreit kennzeichnet Tom Hanks' verschlossenen Captain Miller im Weltkriegsdrama "Der Soldat James Ryan" (1998) ebenso wie Eric Banas sinnsuchenden israelischen Agenten Avner Kaufman in "München" (2005).

Was ist Spielbergs Agenda?

Auch in "Lincoln" charakterisieren Spielberg und Autor Tony Kushner, der bereits das Drehbuch zu "München" verfasste, den Präsidenten als getriebenen Mann, der persönliche Schuld empfindet und im politischen Kompromissgeschäft um seine Überzeugungen ringt. Eine vergleichbar vielschichtige Figur fehlt in "Amistad" (1997), dem Gerichtsdrama über die Meuterei auf einem Sklavenschiff im Jahr 1839. Das Ergebnis war die statische Deklamation hehrer Absichten, und auch Spielberg fällt im Nachhinein ein nüchternes Urteil: "Ich habe den Film irgendwie austrocknen lassen, er ist zu einer Art Geschichtsstunde geworden."

Weit spannender war dagegen der Umstand, dass Spielberg begann, die politischen und moralischen Dilemmata seiner zeithistorischen Dramen ins Genrekino zu überführen. Die dystopischen Science-Fiction-Filme "A.I. - Künstliche Intelligenz" (2001), "Minority Report" (2002) und "Krieg der Welten" (2005) bilden ein faszinierend dunkles Triptychon, das eine ungewohnt pessimistische Sicht der menschlichen Natur offenbart und Lichtjahre entfernt ist von den Versöhnungsphantasien in "Unheimliche Begegnung der dritten Art" und "E.T." (1982). Für Spielberg hat "Krieg der Welten" dabei "viel mit unserer Reaktion auf den Terrorismus zu tun" sowie "mit dem Verhalten der Massen, denn kollektive Angst ist gefährlich. Was wird aus einer Gesellschaft, die auf der Flucht ist und auch den Tod anderer in Kauf nimmt, um das eigene Überleben zu sichern?"

Würde sich Spielberg nun auf derartige Fragestellungen festlegen lassen, oder folgte sein Schaffen gar einer übergeordneten Agenda, dann würde ihm von Teilen der Kritik wohlmöglich weniger Skepsis entgegengebracht; die Beschränkung auf bestimmte Sujets wird traditionell gerne als Konsequenz gedeutet. Spielberg aber entzieht sich immer wieder den Schubladen, sei es auch manchmal durch Fehlschüsse wie "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels". Exegeten seines Werks eilt er jedenfalls mit rastloser Produktivität voraus, passend zum Titel eines seiner Filme: "Catch Me If You Can."

Wo die klassischen Definitionen des Autorenfilms nicht greifen, braucht es vielleicht neue Kategorien. In seiner Gesamtheit steht Spielbergs Kino für den Glauben an die Macht der Geschichte, sei sie fiktional oder historisch inspiriert. Seine besten Filme, ganz gleich in welchem Genre, sind moralisch, ohne jedoch einfache Wahrheiten zu predigen, und sie fordern die emotionale und intellektuelle Anteilnahme des Publikums. Wunderkind und Jäger der Einspielrekorde, das waren Spielbergs Rollen in der Vergangenheit. Heute ist er schlicht einer der größten Erzähler, den das Kino hervorgebracht hat.

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insgesamt 12 Beiträge
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    Seite 1    
1. Korrektur
j.w.pepper 23.01.2013
Schade, dass selbst inhaltlich erfreuliche Artikel auf SPON immer wieder an demr völlig unzureichenden Textkorrektur leiden. Der Film zu Bild 3 heißt keineswegs "DIE Jäger des verlorenen Schatzes" und der Hauptdarsteller heißt auch nicht Fort (wie weg), sondern Ford (wie Opel).
2. Zumindest im TV...
Jott 23.01.2013
..hat Spielberg als Produzent in letzter Zeit kein glückliches Händchen. Alles seine Produktionen für die großen Networks sind sowohl qualitativ wie auch quotentechnisch ein echter Griff ins Klo gewesen... Nur mit wirklich ambitionierten, teueren Produktionen wie "Band of Brothers" oder "The Pacific" hatte er ein gutes Händchen, aber zuletzt...
3. Ein ganz normales Genie
BlakesWort 23.01.2013
Was im Titel unerwähnt bleibt, Spielberg ist der Erfinder des Blockbuster-Kinos, weswegen sich alle Filmschaffenden vor ihm verneigen sollten. Dass er dabei ungreifbar bleibt und es schafft, aus schweren Themen Filme zu machen, die viele Menschen sehen wollen, sollte anerkannt werden. Spielberg hat nur eine echte Gurke gedreht, was aber am Projekt selbst lag: "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels". Viele seiner anderen Filme haben sich in Bild und Wort in das kollektive Gedächtnis der Menschen eingebrannt. Sei es nun die Verklärung des Weißen Hais als Menschenfresser, des fliegenden Fahrradjungen vor dem Mond oder die ersten 30 Minuten von "Der Soldat James Ryan", die auch für viele Kritiker zu den realistischten, dichtesten Sequenzen der Filmgeschichte zählen. Der Mann ist ein Genie. Anders als Cameron, der ein technisches Genie ist. Spielberg ist ein begnadeter Erzähler. Kaum ein Regisseur schafft es, Bilder mit einer so großen Leichtigkeit und Präzision umzusetzen und die Zuschauer in den Bann zu ziehen. So vermute ich ein wenig, dass aufrichtiger Neid und verborgenes Selbstmitleid der Grund sind, warum Spielberg bei jedem Film wieder auf dem Prüfstand steht. Es ist dieses Unverständnis für einen Menschen, der so begnadet ist und dennoch so wenig seltsam, geradezu langweilig normal wirkt, wo doch in der Phantasie Genies in der Regel zu Verrücktheiten neigen.
4. Tja...
j.w.pepper 23.01.2013
Zitat von j.w.pepperSchade, dass selbst inhaltlich erfreuliche Artikel auf SPON immer wieder an demr völlig unzureichenden Textkorrektur leiden.
OK, Eigentor ("demr"). Aber ich verdiene ja auch nicht mein Geld mit so einem Beitrag.
5. Spielberg ist weder ein großer Künstler
Xircusmaximus 23.01.2013
Zitat von sysopWomit spielt der große Kinomagier denn nun schon wieder herum? Mit "Lincoln" legt Steven Spielberg ein nachdenkliches Historiendrama vor - und verwirrt viele Kritiker erneut. Ist er nun Blockbuster-Fabrikant oder Künstler? Vielleicht lautet die Antwort: einer der größten Erzähler überhaupt. Lincoln: Kontinuitäten in Steven Spielbergs Historienkino - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/lincoln-kontinuitaeten-in-steven-spielbergs-historienkino-a-878862.html)
. noch sonst ein Genie. Er hat ein Händchen für einen infantilen Massengeschmack, mit dem man prima Kohle machen kann. Er ist also nicht mehr als ein cleverer Geschäftsmann. Ähnlich wie Bill Gates, der mit technologischen Müll, jede Menge Kohle macht.
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