Oscar-Favorit "Lincoln": Ein Monument wird Mensch

Von David Kleingers

Entschlossen, verzweifelt, zärtlich, wütend: Mit "Lincoln" gelingt Steven Spielberg ein faszinierend komplexes Politiker-Porträt. Dass der legendäre US-Präsident so aufregend neu erscheint, ist auch das Verdienst von Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis, der zu Recht als großer Oscar-Favorit gilt.

Der kleine Junge ist auf dem Teppich vor dem Kamin eingeschlafen. Um ihn herum liegen Fotografien von afroamerikanischen Kindern, die in Sklaverei aufgewachsen sind. Der Vater des Jungen kommt leise ins Zimmer, bedacht darauf, seinen Sohn nicht aufzuwecken. Er selbst wirkt ebenfalls unendlich müde, ein Eindruck, der durch seine knochige, hochgewachsene Gestalt nur noch verstärkt wird. Die stumme Anklage der Fotos vor Augen, geht der große Mann wortlos in die Knie, um sich zu seinem Kind auf den Boden zu legen.

In dieser frühen Szene in Steven Spielbergs Oscar-Favorit "Lincoln" ist das Weiße Haus für einen Moment lediglich eine Wohnung und der Präsident nur ein fürsorglicher Vater. Doch am nächsten Morgen hat der Vater wieder ein Lebenswerk zu verrichten: Er wird schließlich in die Geschichte eingehen als der Präsident, der die Sklaverei abgeschafft hat.

Abraham Lincoln zu verkörpern, das ist so, als ob man Jesus Christus spiele. Sagte sinngemäß Henry Fonda, der 1939 den "Young Mr. Lincoln" in John Fords gleichnamigem Film gab. Er hat nicht übertrieben: Bis heute ist die Legende des 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten überlebensgroß. Lincoln war und ist in der populären Historie zumeist begnadeter Redner und aufopferungsvoller Retter der Union, er machte "these United States" zu "The United States". Angesichts unzähliger, ehrfürchtiger oder auch kritischer Arbeiten, die das Leben und Wirken von "Honest Abe" bereits zum Gegenstand hatten, stellt sich die Frage: Können Regisseur Steven Spielberg, Drehbuchautor Tony Kushner und ihr Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis dem wohl markantesten Gesicht einer immer noch jungen US-Geschichte überhaupt neue Facetten abgewinnen?

Zwischen Wiederwahl und Mordanschlag

Sie können. Und das ausgerechnet durch den Kniff, sich lediglich auf die vier Monate vor der Ermordung des Präsidenten im April 1865 zu fokussieren. Die Beschränkung auf die dramatische Periode zwischen Wiederwahl und Tod Lincolns erweist sich als entschlackendes Moment für die Erzählung. Anstatt sich von einem historischen Datum und Schauplatz zum nächsten zu hangeln, zeigt der Film vornehmlich die kleine Innenwelt der Lincoln-Regierung, die in Washington vor folgenschweren Entscheidungen steht.

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Filmporträt "Lincoln": Aus dem Leben einer Legende
Im Sezessionskrieg drohen trotz des Vorrückens der Unionstruppen weitere verlustreiche Gefechte, und sowohl die in der Wahl verheerend unterlegenen Demokraten als auch konservative Kräfte in Lincolns Republikanischer Partei machen sich für baldige Friedensverhandlungen mit den Konföderierten stark. Doch der Präsident hat im Verlauf des Krieges seine Agenda geändert: Nicht mehr allein die vollständige Wiedereingliederung des Südens in die Nation ist das Ziel, sondern auch die endgültige und unumkehrbare Abschaffung der Sklaverei in allen Bundesstaaten durch einen Zusatzartikel zur Verfassung, ein sogenanntes Amendment.

Ein erster Versuch, das 13th Amendment zu verabschieden, ist jedoch bereits im Kongress gescheitert. Nun soll der Secretary of State William Seward (David Strathairn), Lincolns engster Vertrauter, die notwendige Mehrheit beschaffen. Für die braucht es neben der Zustimmung der Radical Republicans um den rabiaten Idealisten Thaddeus Stevens (brillant: Tommy Lee Jones), der von Lincoln eine viel kompromisslosere Politik gegenüber den Sklavenhaltern fordert, auch Stimmen der Demokraten. Deren Wortführer agitieren allerdings vehement gegen die Gleichstellung der Schwarzen.

Kein Geschichtstheater

Parallel zum brisanten Verhandlungspoker muss Lincoln unbemerkt von der Öffentlichkeit eine diplomatische Offensive der Südstaaten abwehren. Und auch im Präsidentenhaushalt herrscht Krisenstimmung, da der älteste Sohn Robert (Joseph Gordon-Levitt) gegen den Willen der Eltern in die Armee eintreten will. Bereits zwei Söhne der Familie verstarben im Kindesalter an schweren Erkrankungen, ein Verlust, den insbesondere Lincolns Frau Mary (Sally Field) nie verwunden hat.

Schon diese tatsächlich nur rudimentäre Inhaltsbeschreibung macht deutlich: Mit seinen weit über hundert Sprechrollen und dem ehrgeizigen Anspruch, die politische Realität in jenem Schicksalsjahr der USA detailliert nachzuzeichnen, hätte "Lincoln" zum furchtbar statischen Geschichtstheater geraten können. Oder aber zu einem weiteren, ausladenden Schlachtgemälde über den amerikanischen Bürgerkrieg, das sich mit historischen Allgemeinplätzen begnügt.

Doch das beglückende Gegenteil ist der Fall. Bei aller Detailtreue zeitigt Spielbergs Film eine erstaunliche Leichtigkeit und kühne Eleganz, die den Staub aus den Kulissen fegt. Kushners Drehbuch hat daran zweifellos großen Anteil, denn so unmittelbar, lebendig und spannend wurde Historie selten in szenisches Spiel und Dialoge übersetzt. Und obwohl er wohltuend undidaktisch daherkommt, hält der Film vor allem für Zuschauer ohne Kenntnisse der amerikanischen Parteiengeschichte erhellende Einsichten bereit. Dass die Republikaner im 19. Jahrhundert für eine starke Zentralregierung und ökonomischen wie gesellschaftspolitischen Fortschritt standen, während die Demokraten vielfach reaktionäre und rassistische Gutsherrenpolitik betrieben, dürfte gerade das bei uns gern so simpel gehaltene Amerikabild erfrischend aufmischen.

Der Präsident hat sogar Humor

Man ist sofort gewillt zu glauben, dass diese kluge Liebeserklärung an das amerikanische Experiment und einen seiner entschlossensten Verfechter für Stab wie Ensemble eine Herzensangelegenheit war. Dass die Leidenschaft dabei nicht zu Schmalz gerinnt, ist Zeugnis dramaturgischer Meisterschaft. "Lincoln" ist kein Kino der schlichten Überwältigung, sondern der intellektuellen wie emotionalen Anteilnahme. Dazu gehört auch der subtile Kunstgriff, die Kamera in Dialogszenen häufig hinter Daniel Day-Lewis zu positionieren. Für ihre Gegenüber ist die Figur Lincoln so Projektions- oder auch Angriffsfläche, und in den Gesichtern lässt sich erahnen, mit welcher quasireligiösen Hoffnung oder Furcht viele Zeitgenossen dem hageren Mann begegnet sind.

Ebenso virtuos verfährt der Film mit Lincolns berühmten Reden, die als Schlüsseltexte des US-amerikanischen Selbstverständnisses gelten. So sind die Gettysburg Address, die Antrittsrede zur zweiten Amtszeit und auch der Wortlaut des 13th Amendment zu hören. Verblüffend und berührend ist aber, von wem und in welchem Zusammenhang die Texte rezitiert werden, und dies soll hier nicht vorweggenommen werden.

Es ist Ausdruck der vielen Qualitäten des Films, dass die eigentlich augenfälligste gar nicht mehr in den Vordergrund drängt: die Darstellung Abraham Lincolns durch Daniel Day-Lewis, dem haushohen Favoriten auf den Oscar für den besten Hauptdarsteller. Der Backenbart, die Haartolle und der Zylinder, all das würde bei anderen Schauspielern wie eine Karnevalsmaskerade wirken. Aber bei Day-Lewis ist es kein Kostüm mehr, er beherrscht die physische Mimesis bis hin zur verbrieft hohen Sprechstimme des Präsidenten und löst sich doch zugleich von den Klischees der Figur. Sein Lincoln ist schlagfertig, melancholisch, entschlossen, verzweifelt, zärtlich und wütend. Und nicht zuletzt witzig, gar selbstironisch. Lincoln liebte es, seine Argumente mittels Anekdoten vorzutragen - was im Film für eine herrliche Konfrontation mit einem Mitstreiter sorgt, der nicht mehr die Geduld für noch eine Geschichte aufbringen kann.

Dazu passend gelingt Spielberg, Kushner und Day-Lewis ein eindringlicher Triumph für das oft verschmähte Erzählkino. Ihr "Lincoln" errichtet kein weiteres Präsidentendenkmal. Sondern zeigt die wunderbare Verwandlung eines Monuments zum Menschen.

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1. Na da
mikra54 21.01.2013
bin ich mal gespannt auf den Film. Die Bilder machen ebenso neugierig wie der Kommentar.
2.
BlakesWort 21.01.2013
Ich habe einfach großes Vertrauen in Spielberg. Er ist einfach ein genialer Kopf. Während "Schindlers Liste" manchmal etwas zur Geschichtsklitterung neigte, aber dennoch ein großartiger Film ist, ist "München" einer der ganz wenigen Filme, die die Vergangenheit einfach nur detailgetreu einfangen. Dass Spielberg sowohl bei "München" als auch bei "Lincoln" mit Drehbuch-Autor Kushner zusammenarbeitet, lässt hoffen, es nicht mit einem Ami-Kitsch-Melodram zu tun zu haben. Außerdem ist Daniel Day-Lewis an Board, der neben Sean Penn als der beste Schauspieler seiner Generation gilt.
3.
WhereIsMyMoney 21.01.2013
Ein Wort genügt um diesen Film zu beschreiben - LANGWEILIG. Und ich fand Tommy Lee Jones als Thaddeus Stevens viel spannender. DDLewis glich zuweilen eher einer Karikatur -der Legende Lincoln- als einem Menschen. Aber man darf ja nichts gegen den Gott der Schauspieler sagen.
4. Bin gespannt auf den Film
tomkey 21.01.2013
Ich bin echt gespannt, wie der Film die letzten 4 Monate von Lincoln rüberbringt. Das wird ja nun auch nicht so einfach sein, da einige seiner wichtigen Entscheidungen und Reden bereits davor getroffen bzw. gehalten worden. Wie die Spielberg in die Handlungen eingebaut hat, wir werden sehen. Achtung Spoiler ;))) Außerdem bin ich auf das Attentat gespannt und hoffe, dass der Tod nicht allzu kitschig rüberkommt. Lincoln wurde ja am Kopf getroffen und erlangte bis zum Tod das Bewußtsein nicht wieder. Wenn Spielberg wie bei "Schindler's Liste" viel mit Bildern und Einstellungen arbeitet, dann wird der Film ganz gut sein.
5. Hätten die Südstaaten gewonnen
tetaro 21.01.2013
würde Lincoln heute als Tyrann in den Geschichtsbüchern stehen, der mit Waffengewalt den souveränen Einzelstaaten seinen Willen aufgezwungen hat und dafür "auf sein Volk geschossen" hat.
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Lincoln

USA 2012

Regie: Steven Spielberg

Buch: Tony Kushner

Darsteller: Daniel Day-Lewis, Sally Field, Tommy Lee Jones, Joseph Gordon-Levitt, James Spader, Hal Holbrook

Produktion: DreamWorks Productions, 20th Century Fox et al.

Verleih: 20th Century Fox

Länge: 150 Minuten

Start: 24. Januar 2012