Linke gegen Linke "Wir wollen glauben, was Michael Moore erzählt"

Debbie Melnyk und Rick Caine stoßen ein Idol der amerikanischen Linken vom Thron: In ihrem Film "Manufacturing Dissent" beschuldigen sie Michael Moore, es in seinen Filmen mit Fakten nicht so genau zu nehmen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklären sie, warum Moores Manipulation gefährlich ist.


SPIEGEL ONLINE: Ms. Melnyk, Mr. Caine, wenn man sich Michael Moores Filme anschaut, weiß man doch eigentlich, dass dieser Mann in erster Linie Entertainer ist und die Fakten gern in seine Richtung streckt. War das Ihr Ansatzpunkt?

Filmemacher Melnyk, Caine: "Moore soll sich an die Fakten halten"
AP

Filmemacher Melnyk, Caine: "Moore soll sich an die Fakten halten"

Caine: Zuerst waren wir ganz normale Konsumenten. Wir setzten uns wie alle anderen mit einer Tüte Popcorn in den aktuellen Moore-Film, lachten an den richtigen Stellen und wurden an den richtigen Stellen sauer. Es stimmt natürlich, dass der Mann kein nüchterner Dokumentarist sondern ein begnadeter Entertainer ist. Aber viele der Dinge, die wir bei unseren Recherchen entdeckten, überraschten uns sehr, und wir sind überzeugt, dass ein Großteil von Moores Publikum davon ebensowenig wusste wie wir. Es wäre etwas anderes, wenn Michael uns an seinem Umgang mit seinem Material teilhaben ließe – dann könnte sich jeder selbst sein Urteil dazu bilden. Aber er lässt das Publikum ja absichtlich im Dunkeln. Er verschweigt Zusammenhänge und lässt Dinge aus.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Caine: Der große Hammer war natürlich die Entdeckung, dass er für seinen Erstling "Roger and Me" sehr wohl ein Gespräch mit dem General-Motors-Vorsitzenden Roger Smith geführt hatte, was er im Film aber verschwieg.

SPIEGEL ONLINE: Der Film ist um die Prämisse herum aufgebaut, dass sich der mächtige Autokonzern-Chef nicht zu den sozial verheerenden Massenentlassungen in Moores Heimatstadt Flint äußern will...

Caine: Ja, und für den Zuschauer ist es unmöglich, zu erkennen, dass Smith sich durchaus mit Moore zu einem Interview getroffen hat. Oder nehmen Sie die Sequenz in "Roger and Me", in der angeblich ein Arbeitsloser den Ü-Wagen des Nachrichtensenders ABC klaut und damit einen geplanten Beitrag des berühmten amerikanischen Journalisten Ted Koppel über die Lage in der Stadt platzen lässt. Das ist nie passiert. Moore hat eine von vorn bis hinten erfundene Sequenz mitten in eine Dokumentation gesteckt und sie sie als akkurate Information inszeniert.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie dahinter gekommen?

Melnyk: In Flint kam eine Schauspieldozentin der University of Michigan auf uns zu. Sie erzählte, wie sie für ein Stück über Michael Moore einen ihrer Studenten aussandte, um den Beitrag über den geklauten Ü-Wagen von ABC zu bekommen. Doch der Nachrichtenchef erklärte, man habe diesen Beitrag nicht – denn dies sei nie vorgefallen. Ted Koppel habe nie vorgehabt, nach Flint zu kommen, den Beitrag gäbe es darum nicht.

SPIEGEL ONLINE: Das ist sicher schockierend – aber beginnt die Irreführung des Publikums nicht bereits mit dem etwas naiven Glauben an eine absolute Wahrheit und die Möglichkeit totaler Objektivität?

Caine: Wissen Sie, Debbie und ich arbeiten seit 25 Jahren als Reporter, und natürlich sind wir alle Geschichtenerzähler. Aber wir müssen uns dabei an die Fakten halten und der Wahrheit verpflichtet bleiben. Stellen Sie sich nur vor, welche tollen Storys wir erzählen könnten, wenn wir diese Grenzen nicht beachten müssten! Leider ist das genau, was Michael Moore hin und wieder tut. Ein Film wie "Bowling For Columbine" ist ein großartiger Film, und es ist wichtig, einen Blick auf die Waffenvernarrtheit der Amerikaner zu werfen. Aber wenn es darin heißt, man kann in Amerika in eine Bank laufen, ein Konto eröffnen und die Bank mit einem Gratis-Gewehr in der Hand wieder verlassen, und das einfach nicht stimmt, wird es schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Laut Ihrer Recherche hat Moore die Bankangestellten dazu überredet, ihm die Waffe vor Ort auszuhändigen, anstatt sie wie üblich bei einem lokalen Waffenhändler abzuholen. Und dass der Tresor mit den 500 Gewehren 300 Meilen entfernt ist, verschweigt er.

Caine: Natürlich ist das eine total beknackte Werbemaßnahme der Bank, und sie gibt wunderbares Material für einen Frontalangriff her. Aber trotzdem muss man die Zusammenhänge und die Fakten klar machen und die Dinge nicht unzulässig zuspitzen. Denn diese Geschichte wird ja zur Schlagzeile, die um die Welt geht: Seht nur, wie waffenverrückt diese Amerikaner sind!

SPIEGEL ONLINE: Welchen Schaden fügt Moore damit der ohnehin schon tief gespaltenen Linken in den USA zu?

Caine: Der große Vorwurf der Konservativen lautet ja: Ihr schert euch nicht um die Wahrheit, ihr seid bereit, im Dienst eurer Sache zu lügen, oder Bedeutung zu verzerren oder die Dinge aus dem Zusammenhang zu reißen. Unsere Position ist: Wir sind gute Linke, und wir wollen glauben, was Moore uns da erzählt. Außerdem sind wir Liberale, wir wollen eine ernsthafte politische Debatte. Wenn nun eine unserer Galionsfiguren so etwas abzieht, dann gibt er unseren Gegnern einen Knüppel in die Hand, den sie gegen uns alle zum Einsatz bringen.

SPIEGEL ONLINE: Geht es nicht eigentlich um das korrekte Etikett? Wenn Moore seine Filme nicht "Dokumentationen" nennen würde, sondern sie mit einem neuen Begriff kennzeichnen würde, wäre das Problem dann gelöst?

Melnyk: Wenn Moore gefragt wird, sagt er, er mache nichtfiktionale Filme, und wer weiß, vielleicht wären sie weit weniger attraktiv, wenn die Zuschauer wüssten, dass sie ihnen nicht völlig über den Weg trauen dürfen. Stattdessen gehen die Leute in seine Filme und sagen: Ja, dies ist die unverblümte Wahrheit!

Caine: Als wir Moore auf seiner "Slacker Uprising"-Tour begleiteten, mit der er 2004 durch sechzig US-Städte zog, haben wir bei Umfragen immer wieder gehört: Natürlich, Michael bringt die Wahrheit ans Tageslicht, die ganze Wahrheit, die die Mainstream-Presse sich nicht zu sagen traut! Und Michael sagt in Interviews Ähnliches über seine Filme. In London fragte kürzlich ein europäischer Journalist: Was ist das Problem mit Moores Filmen? Es sind Mockumentaries! Und wir versuchen zu erklären, was eine Doku-Parodie wie "Borat" von einem Film von Michael Moore unterscheidet. Wir waren fassungslos, dass manchen Leuten dieser Unterschied offenbar nicht klar ist.

SPIEGEL ONLINE: Moore hat mit seinen Methoden die Dokumentation im Kino massentauglich gemacht – und zugleich den Unterhaltungs-Anspruch in beachtliche Höhe geschraubt. Ist das nicht eine gefährliche Herausforderung auch für junge Filmemacher?

Melnyk: Erst vor wenigen Tagen erzählte uns ein junger Mann namens Matt Ogens auf einem texanischen Filmfestival von seiner Dokumentation über arbeitslose Schauspieler in Hollywood, die in Superheldenkostümen auftreten. Er fand nichts dabei, dass er ihnen Geld für einen Besuch beim Psychiater gegeben hatte, um das Ganze zu filmen. Ich dagegen halte das für ein Riesenproblem.

Caine: Er gab seinem Film den Titel "Bekenntnisse eines Superhelden", und das Filmposter zeigt Superman auf der Psychiatercouch – ein erfundenes Szenario für eine gefälschte Dokumentation! Nicht nur für die Filmemacher ist das ein Problem, auch für das Publikum, das ja ein berechtigtes Interesse daran hat, die Aussagen von Dokumentarfilmern für die Wahrheit zu halten.

SPIEGEL ONLINE: In den USA nehmen Sie nun in der Öffentlichkeit die Rolle der Moore-Entthroner ein, was ausgerechnet Sie als Linke zu Lieblingen konservativer Fernsehtalker machen. Eine paradoxe Position?

Melnyk: Ja, in Kanada brauchen wir über so etwas nicht nachzudenken, aber in den USA lässt man uns nicht vergessen, dass die Konservativen total scharf darauf sind, aus uns und unserem Film mit einer Anti-Moore-Kampagne politisches Kapital zu schlagen. Doch dies ist keineswegs unser Anliegen. Wir wollen auf keinen Fall die Vorzeige-Konvertiten für Fox News und die Konservativen sein.

Caine: Wir konvertieren nicht, und wir wollen auch die politischen Chancen der Demokraten 2008 nicht beschädigen.

SPIEGEL ONLINE: Der Clou Ihres Films ist, dass Moore Ihnen während Ihrer Dreharbeiten ein Interview vor der Kamera verweigerte, ganz wie er es einst von Roger Smith behauptete. Hat er sich inzwischen Ihnen gegenüber oder in den Medien dazu geäußert?

Melnyk: Nein, wir haben bislang keinerlei Reaktion von ihm erhalten. Bei seinem eigenen Filmfestival in Traverse City befragte ihn neulich eine Journalistin zu unserem Film, und er sagte, er wisse nichts davon.

Caine: Wir halten diese Antwort für unehrlich, denn wir wissen, das zwei Manager der Weinstein-Company, die "Fahrenheit 9/11" herausgebracht hat, unseren Film auf dem Markt der Berlinale zu sehen bekommen haben. Zudem verlangte die Motion Picture Academy for Arts and Sciences für die Rechte an Moores Oscar-Rede 2003 unseren Film zur Vorlage. Da Moores Ehefrau Kathleen die Vorsitzende des Dokumentations-Kommittees in der Academy ist, gehen wir davon aus, dass auch sie den Film bereits gesehen hat.

Das Interview führte Nina Rehfeld


"Manufacturing Dissent" ist am Dienstag, 8. Mai auf dem Dokfest München zu sehen



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.