Literaturfilmpreis Die besten Seiten des Kinos

Literaturverfilmung: Das klingt nach der Umsetzung schwieriger Bücher in noch schwierigere Filme. Dabei gibt es exzellente Adaptionen, die ihren Vorlagen spannende neue Seiten abgewinnen. Grund genug, für die Frankfurter Buchmesse gemeinsam mit der SPIEGEL-Gruppe einen Literaturfilmpreis zu vergeben.


Szenen eines Genres: Preisverdächtige Literaturverflmungen

Szenen eines Genres: Preisverdächtige Literaturverflmungen

Man kennt das: Der Schmöker, den man schon dreimal gelesen hat, taucht im Kino auf - als verstümmelter Abklatsch des Originals. Wie kränkend ist die Filmfassung dann für den Bücher-Fan: Seine Lieblinge, in der Vorlage noch vielschichtige Helden mit anspruchsvoller Agenda, schrumpfen auf der Leinwand zu Zwergen des cineastischen Amüsements. Das Ganze ist am Ende kaum mehr als ein Rundgang durch die Kulissen des Texts, uninspiriert und öde.

Wie gut, dass das Genre der Literaturverfilmung auch ganz andere Beispiele hervorgebracht hat; Glanzstücke des Kinos, die ihrem geschriebenen Pendant in nichts nachstehen, es manchmal sogar überflügeln. Victor Flemings "Vom Winde verweht" oder Fassbinders "Effi Briest" sind Meisterwerke, die kongenial mit ihrer Vorlage umgehen und vor allem einen Fehler vermeiden: das literarische Geschehen sklavisch genau abzubilden, anstatt es den Formen des Kinos gemäß zu interpretieren.

Wie schwer diese Übersetzung vom Medium der Schrift in das der bewegten Bilder ist, weiß man in Amerika schon lange. Dort wird für das beste adaptierte Drehbuch sogar ein eigener Oscar vergeben. Hierzulande wird die Fusion der beiden Genres immer noch etwas stiefmütterlich behandelt: Ein Film hat eben unterhaltsam zu sein, und wenn der Roman, das Theaterstück oder die Erzählung etwas taugen, wird schon alles gut gehen.

Wie gut es gehen kann, wie gelungen sich der Austausch von Literatur und Film manchmal ins Bild setzt, das ist eine besondere Würdigung wert: ein speziell für Literaturverfilmungen geschaffener Preis, der das Genre kritisch begleitet und die Filmschaffenden ermutigt und unterstützt. Der KulturSPIEGEL, der Berliner Sender XXP und SPIEGEL ONLINE vergeben deshalb gemeinsam mit der Frankfurter Buchmesse den internationalen Literaturfilmpreis - ein Forum für jene Kinokreativen, die sich mutig an komplexe Stoffe herangetraut und für das Massenmedium Film zugänglich gemacht haben.

Neun Beiträge gehen ins Rennen, und jede Stillage ist vertreten: Da gibt es das wuchtige existenzielle Drama mit Clint Eastwoods Oscar-gekürtem Boxfilm "Million Dollar Baby", die melancholische Farce mit der Weinkenner-Komödie "Sideways", das nachdenkliche Trauerspiel um den deutschen Wendegewinnler "Willenbrock" oder die Spekulation über Schuld und Sühne im Zeitgeschichtsdrama "Die Zwillinge".

Diese und fünf weitere Filme werden von der Jury unter der Leitung des Drehbuchautoren Fred Breinersdorfer ("Sophie Scholl") intensiv geprüft: Wie verhält sich die filmische Dramaturgie zur Konstruktion des literarischen Originals? Wird der Vorlage etwas hinzugefügt, ist ihre Interpretation des Textes schlüssig? Emanzipiert sich der Film vom Buch, kann er ihm womöglich neue Seiten abgewinnen? Die neun nominierten Werke sind exzellente Beispiele dafür, wie diese Fragen an der Entstehung von Kino mitwirken, am 21. Oktober wird sich zeigen, welcher Film dies am besten leistet.

Dann nämlich wird im Rahmen des Hessischen Film- und Kinopreises 2005 auf der Frankfurter Buchmesse der Sieger gekürt, als Preisgeld sind 20.000 Euro festgesetzt.



Forum - Literatur und Film - Eine leidenschaftliche Affäre?
insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 08.09.2005
1.
---Zitat von sysop--- Welche Beispiele für gelungene Literaturverfilmungen kennen Sie? Und welche gingen gründlich daneben? ---Zitatende--- Das kommt immer darauf an, was man sich von einem auf einem Roman/Buch basierenden Film erwartet. Erwartet man eine 1:1 Umsetzung der Geschichte, ist man loischerweise enttäuscht, wenn es nicht so ist. Viele Fans haben andererseits den Herrn der Ringe nicht im Kino geguckt, weil sie sich ihre Fantasie darüber, wie Middle-Earth aussehen sollte, nicht zerstören lassen wollen. Manche Geschichten sind wiederum zu umfangreich oder spielen auf Meta-Ebenen, die sich nicht oder nicht gut visualisieren lassen. Mir geht es oftmals so, dass ich einen Film sehe und wenn er mir gefällt, anschließend das Buch lese. Ok, machen wir mal eine Liste von Romaen/Filmen, wo ich beide Elemente kenne: Jagd auf Roter Oktober (Tom Clancy): Bringt die Story des Buches in etwa auf Zelluloid. Mir gefallen beide Versionen sehr gut. Das Kartell (Tom Clancy): Nur die Basiselemente der Geschichte wurden übernommen, im Buch hatte Ryan bei weitem nicht die Relevanz, die er im Film (und damit Harrison Ford) bekommen hat. Auch hier gefallen mir beide Variationen, wenn man sie disjunkt betrachtet. Dune (Frank Herbert): (David Lynch): Also hier haben die Story der beiden ja faktisch nur noch eine Grobskizze der Geschichte gemein und für den Film wurden weitere Elemente erfunden (Schallmodule). Aufgrund der bombastischen Optik des Lynchfilms macht der Film das wieder wett. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass niemand den Film vollständig verstehen kann, ohne das Buch gelesen zu haben. Dune (Frank Herbert): (John Harrison): Diese Fassung, die fürs TV produziert wurde, mag zwar die Geschichte sehr viel vollständiger erzählen, aber das ist auch schon alles. Die Schauspieler überzeugen in keinster Weise und auch die Kulissen und Effekte sind schlicht erbärmlich. Herr der Ringe (John R. R. Tolkien): Buch und Film sind fantastische Meisterwerke. Peter Jackson hat Tolkiens Welt zum Leben erweckt und füllt sie mit unglaublichen Bildern. Die Geschichte wird fast vollständig erzählt (zumindest in der DVD Extended Edition) und die Atmosphäre ist atemberaubend. Das ist IMHO eine der besten Romanverfilmungen bis zum heutigen Zeitpunkt. Harry Potter (Joanne K. Rowling): Während die ersten beiden Bücher noch relativ originalgetreu verfilmt wurden, erfährt man beim dritten sowohl einen Stilbruch als auch meiner Meinung nach einen Story-Verlust. Wie bei Lynchs Dune kann man die Geschichte nur voll begreifen, wenn man das Buch dazu kennt. Auch aus diesem Grund befürchte ich schlimmes für den im November erscheinenden vierten Teil, dessen Buchumfang in etwas das doppelte des 3. Bandes darstellt
KANE, 08.09.2005
2. Tops & Flops
Erfreulicherweise gelang die filmische Umsetzung eines meiner Lieblingsbücher gleichsam exzellent. Die Rede ist von Anne Tylers Roman 'Die Reisen Des Mr. Leary' (The Accidental Tourist). Der melancholische Erzählton des Buches, die Ironie mit der die Schrullen der Protagonisten dargestellt wird, all dies wurde in Lawrence Kasdans Film aus dem Jahr 1988 entsprechend umgesetzt. Auch die Besetzung entsprach in etwa den geschriebenen Charakteren und somit den Erwartungen. Sowohl Film als auch Buch bleiben empfehlenswert. Allenfalls durchschnittlich als Roman ist Nicholas Evans 'Der Pferdeflüsterer'. Robert Redford hat den Roman weitgehend entkitscht, und der Drehbuchautor dem Film ein anderes und weniger pathetisches Ende geschrieben. Großartige Landschaftsaufnahmen und ebensolche Protagonisten machen den Pferdedeflüsterer somit zumindest sehenswert. Eine von vier Novellen aus Stepen Kings 'Frühling, Sommer, Herbst und Tod' ist die Erzählung 'Pin Up'. Die Geschichte des unschuldig zu lebenslangerhaft verurteilten Bankers wurde 1994 unter dem Titel 'Die Verurteilten' mit Tim Robbins und Morgan Freeman herausragend verfilmt. Eine bestenfalls interessante Geschichte erfuhr hier großartige filmische Umsetzung. Über Tom Clancy kann man streiten. Seine politischen Ansichten sind sicherlich nicht Jedermanns Sache. Seine Romane zeichnen sich jedoch durch intensive Recherche und darmaturgisches Geschick aus. Hollywood hat das komerzielle Potential der 'Jack Ryan'-Serie längst entdeckt und bereits viermal verfilmt. Doch die letzte Verfilmung 'Der Anschlag' basierend auf dem Buch 'Das Echo Aller Furcht' ging voll in die Hose. Während Clancy sich um eine Stringenz bei der Weiterentwicklung des Helden bemüht, hat Hollywood den erfahrenen Geheimdienstler mal eben durch einen jungen, zielgruppen-relevanten Protagonisten ausgetauscht. Auch die Dialoge der Politiker wirken im Film wie Stammtischgefasel. Das hat Clancys Roman nicht verdient. Also: Lesens- aber nicht sehenswert.
Magier44, 08.09.2005
3.
Literatur und Film haben vor allem eines gemeinsam, sie wollen erzählen und das Hauptmedium hierfür ist die Sprache, das Wort. Jedoch ist die Behauptung nicht übertrieben wenn man sagt, daß bislang mehr Versuche gescheitert als gelungen sind, Literatur zu verfilmen. Das hat allerlei Gründe und füllt bereits mehrere Buchbände. Es ließe sich auch eine nahezu endlos lange Liste dazu anführen die das belegt. Persönlich möchte ich hier exemplarisch die Literatur eines Schriftstellers erwähnen dessen 50. Todestag sich erst im August gejährt hat: Thomas Mann. Es gibt eine ganze Reihe von Verfilmungen seiner Romane und Erzählungen. Daraus sticht aber bislang nur eine als vollständig gelungen hervor. Es ist die Verfilmung von "Der Tod von Venedig" von Visconti. Interessant und zugleich bezeichnend was Visconti gemacht hat. In dem Film findet sich kein einziger Satz der vollständig aus dem Roman übernommen worden wäre. Des weiteren hat Visconti sogar Merkmale der Hauptfiguren verändert. Doch wer immer diesen Film sieht weiß von Anbeginn, dies ist "Der Tod von Venedig" nach der Erzählung von Thomas Mann.
gunnar.kaestle 08.09.2005
4. Comic-Verfilmung
---Zitat von sysop--- Welche Beispiele für gelungene Literaturverfilmungen kennen Sie? ---Zitatende--- Grandios gelungene Adaption der Buchvorlage: SinCity
NormaJean, 09.09.2005
5.
---Zitat von Magier44--- Interessant und zugleich bezeichnend was Visconti gemacht hat. In dem Film findet sich kein einziger Satz der vollständig aus dem Roman übernommen worden wäre. Des weiteren hat Visconti sogar Merkmale der Hauptfiguren verändert. Doch wer immer diesen Film sieht weiß von Anbeginn, dies ist "Der Tod von Venedig" nach der Erzählung von Thomas Mann. ---Zitatende--- Stimmt, der Film ist großartig! Wir haben die Novelle im Deutsch-LK gelesen und anschließend den Film gesehen. Viele konnten weder mit dem Buch noch mit dem Film etwas anfangen, aber ich fand beides beeindruckend. Allein die atmosphärische Dichte - es gibt kaum einen Film, in dem sie so gelungen ist. Ein Tipp für alle, die ihn nicht kennen: Erst das Buch lesen (ohne Ressentiments) dann den Film schauen (dito). Ein wahrer Kunstgenuss *schwärm* bewegend!
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