Literaturverfilmung "Jane Eyre" Bis das blaue Blut gefriert

Landschaften ohne Licht, Figuren ohne Wärme: "Sin Nombre"-Regisseur Cary Joji Fukunaga hat den britischen Literatur-Klassiker "Jane Eyre" in einen sozialen Schauerroman verwandelt - der gekonnt in unsere Gegenwart führt.

Von Jörg Schöning


Cool Britannia? Das Label für den britischen Außenhandel war damals von "New Labour" nicht wirklich glücklich gewählt. Denn nimmt man das Wortspiel wörtlich, lässt es sich leicht mit sozialer Kaltschnäuzigkeit in Verbindung bringen. Schließlich entsprach dem imperialen Anspruch des "Rule, Britannia!" eine Gefühlskälte im Landesinneren, die in Romanen aus dem 19. Jahrhundert ihren Niederschlag fand. Die Strenge und Prüderie der Viktorianischen Ära, die alle Gefühlsäußerungen auf minimalste Betriebstemperaturen herunterkühlte, ist seither ein fester Begriff.

Dieses Britannien konnte sehr kalt sein - wie man in "Jane Eyre" schon an der Jugendlektüre der Titelheldin erkennt. Es ist ein naturwissenschaftliches Werk über Vögel, bei dem sie im winterlichen Yorkshire, hinter einer Gardine verborgen, Zuflucht sucht. Von "einsam gelegenen Klippen und Felsvorsprüngen" ist da die Rede, von "gottverlassenen, öden Gebieten". Was dem kleinen Mädchen angesichts extremer Kälte und erstarrter Eisfelder schwant, wird bald auch dem Kinozuschauer klar: Man muss nicht den gesamten Polarkreis bereisen - "Lappland, Sibirien, Spitzbergen, Island und Grönland" -, damit einem das Blut in den Adern gefriert.

Von der Eiseskälte der Außenwelt trennt Jane nur die Fensterscheibe. Doch innerhalb des Hauses geht es noch kälter zu. Die Attacke ihres Cousins, der sich als Herr im Haus empfindet, ist ein erster Hinweis darauf, dass es jene "Schlupfwinkel der Seevögel", nach denen Jane sich sehnt, für sie selbst nicht gibt. Zwar beschränkt sich der Film auf wenige Illustrationen aus Thomas Bewicks "Darstellung der Britischen Vogelwelt", doch die in ihnen nachempfundene Kälte ist in "Jane Eyre" immer präsent.

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Klassikerverfilmung: Eiskaltes Britannien
Kurz und bündig zeigen diese Anfangsszenen, wie kaltherzig es in viktorianischen Wohnzimmern zugehen kann. Jane, die arme Verwandte, die vom Gatten einer heuchlerischen Landlady adoptiert worden ist, wird das Opfer eines familiären Darwinismus. Wo das "Home" ein "Castle" ist, zählt nur das Recht der Stärkeren. Diese Familienmitglieder tendieren zur Bandenbildung - und vielleicht ist dies ja das "Missing Link" zu "Sin Nombre", dem furiosen Debütfilm des jungen US-Regisseurs Cary Joji Fukunaga, der mit seiner neuen Stoffwahl erheblich überrascht.

"Jane Eyre" ist die - gefühlt - hundertneunzigste Verfilmung des Romans, den die Pfarrerstochter Charlotte Brontë 1847 unter einem männlichen Pseudonym veröffentlicht hat. Mit Ausnahme einer Adaption von 1943 (mit Joan Fontaine und Orson Welles, einem Lieblingsfilm seiner Mutter, wie es heißt) will Fukunaga sie sämtlich ignoriert haben. Er tat gut daran.

Brontës Roman schildert den Lebensweg der ungeliebten Waise: die quälenden Jahren in der Erziehungsanstalt, ihre Arbeit als Hauslehrerin auf dem Anwesen des undurchsichtigen Mr. Rochester - und schließlich ihre Eheschließung zu Bedingungen, die sie selbst diktiert. Wegen seiner rigiden Moralität gerät der Roman bisweilen in Gefahr, als Erbauungsliteratur für Blaustrümpfe wahrgenommen zu werden. Regisseur Fukunaga aber sah in ihm keine Teatime-Lektüre. In seiner Adaption ist "Jane Eyre" ein sozialer Schauerroman aus einer frühen Phase der Globalisierung.

Landschaft ohne Licht und Farbe

Zwar spielt "Jane Eyre" ausschließlich in nordenglischen Landhäusern und Weilern, doch Handlungsfäden weisen bis in die Karibik und ins ferne Indien. Abwehr oder Unterwerfung sind die üblichen Verhaltensweisen, mit denen der Gentleman dieser Zeit auf die Herausforderungen durch alles Fremdartige reagiert. Für Jane Eyre (Mia Wasikowska) stellt sich dieser Zwiespalt als Herzensangelegenheit dar: Soll sie als Ehefrau einem künftigen Missionar (Jamie Bell) folgen? Oder soll sie zu ihrem geliebten Dienstherrn Rochester (Michael Fassbender) halten, der die Konsequenz einer tropischen Triebhaftigkeit viel zu lange vor ihr verbirgt?

Als "Alice im Wunderland" war Mia Wasikowska vor kurzem erst mit dem verdrängten Unbewussten des Viktorianischen Zeitalters konfrontiert. Die hartnäckige Naivität, über die Lewis Carrolls minderjährige Heldin verfügt, besitzt der 22-jährige Nachwuchsstar aus Australien auch hier. Ob aber eine äußerlich so blasse Erscheinung diese Filmerzählung tatsächlich trägt, hängt wesentlich von der Besetzung ihres Dienstherrn ab. Schließlich muss dessen schroffe Härte mit den inneren Verhärtungen ihres eigenen Charakters korrespondieren.

Hier erweist sich Michael Fassbender als ideale Besetzung, indem er einmal mehr männlichen Durchsetzungswillen demonstriert: mit körperlicher Präsenz, wie schon als IRA-Gefangener in "Hunger", oder mit psychologischen Winkelzügen, wie zuletzt in Cronenbergs Psychoanalysendrama "A Dangerous Method". Sein Edward Rochester, Herr über Thornhill, ist ein finsterer Grübler, dem man alles zutraut.

Diese Abgründe in den Innenwelten spiegeln sich auf der Leinwand wider. Fukunaga hat der Landschaft Licht und Farben entzogen. Heide, Moor und Waldgestrüpp dominieren die Außenschauplätze. Der Film führt zurück in ein dunkles Jahrhundert der Kerzenbeleuchtung. Von Kronleuchtern lebt man auf dem Lande ebenso weit entfernt wie von den Kronjuwelen der Queen. Von all dem Pomp und Plüsch, mit dem man die Epoche verbindet, sieht man hier nichts.

Fukunaga hat "Jane Eyre" von allem Zierrat befreit. Er hat Personen gestrichen und damit seine schutzlose Heldin noch ein bisschen schutzloser gemacht. Verwandtschaftliche Verknüpfungen, die uns heute unglaubhaft erscheinen, hat der Regisseur eliminiert. So hat er für den anderthalb Jahrhunderte alten Stoff eine Form gefunden, die Gültigkeit für die Gegenwart besitzt und vielleicht auch noch ein paar Jahre darüber hinaus.

Wer immer sich irgendwann an der hundereinundneunzigsten Verfilmung versucht - er wird diese nicht ignorieren können.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 01.12.2011
1. Jasper Fforde
Ich wär ja eher dafür Der Fall Jane Eyre (The Eyre Affair) zu verfilmen.
tigerheli55 01.12.2011
2. Morton und Hinds
Also ich empfehle dem Autoren dieses Beitrags mal die Version mit Ciaran Hinds und Samantha Morton. 1. ist auch diese Version von unnötigem Ballast befreit. 2. Sind die Schauspieler unschlagbar und auch sehr viel glaubwürdiger und talentierter als in der neuen Version. 3. ähneln einige Einstellungen auf erstaunliche Weise der Morton / Hinds Version. Das liegt sicher auch an der Epoche, in der es spielt. Aber einige Köstüme und auch Einstellungen sind doch erstaunlich ähnlich.
dschauhara 04.12.2011
3. mehr als sehenswert
Wenn man Jane Eyre schätzt, sollte man umbedingt diese Verfilmung sehen. Selten sind für mich die Charaktere des Fairfax Rochesters und der Jane Eyre so gut getroffen worden. Insbesondere der Rochester hat mich fasziniert. Das war nicht nur jemand der litt, sondern jemand, der geradezu zerrissen erschien und dem man wirklich alles zutraute. Und daneben die einsame Jan Eyre, die sich an ihrem Verstand und ihrer Moral festhält, als ihre Träume zerbrechen. Wirklich mehr als sehenswert.
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