Literaturverfilmung "Nachmittag" Totale Kommerz-Verweigerung

Mit ihrer Tschechow-Verfilmung "Nachmittag" verweigert sich Angela Schanelec mal wieder radikal dem Kommerz. Schon deshalb hätte die Berliner-Schule-Regisseurin ein größeres Publikum verdient. Ihr Film über eine Familienkrise in der Sommerfrische ist jetzt als DVD erschienen.

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Wenn es etwa alle drei Jahre mal wieder einen neuen Film von Angela Schanelec zu sehen gibt, passiert immer das Gleiche: Die eine Hälfte der Kritiker ist begeistert, sieht in ihr die maßgebliche Stimme der "Berliner Schule" des Filmemachens und feiert sie als deutsches Äquivalent zu Eric Rohmer oder sogar Jean-Luc Godard. Die andere Hälfte langweilt sich zu Tode und fordert, dass doch mal Schluss sein müsse mit der totalen Kommerzverweigerung der begabtesten deutschen Regisseure. Und das normale Publikum? Bekommt von all dem nichts mit, weil der Film nur ein paar mal auf irgendeinem Festival läuft und danach höchstens noch für zwei oder drei Tage in einer Handvoll kleiner Programmkinos.

DVD-Cover "Nachmittag"

DVD-Cover "Nachmittag"

Seit knapp einer Woche gibt es ihren letzten Film "Nachmittag" auf DVD zu kaufen. Das ist die Chance auf ein paar mehr Zuschauer, und verdient hätte der Film sie. Wie üblich passiert nicht viel: Eine Theaterschauspielerin (gespielt von Schanelec selbst) besucht mit ihrem neuen Freund ihren resignierten Bruder (Fritz Schediwy) in der schicken gemeinsamen Villa am See in der Nähe von Berlin. Dort gibt sich auch ihr Sohn Konstantin (Jirka Zett) seiner Schwermut hin, versucht sich nebenbei als Schriftsteller, während seine Jugendfreundin Agnes (Miriam Horwitz) aus den Semesterferien zu Besuch ist, sich lebendig fühlen will, es in dieser zerstörerischen Atmosphäre aber nicht kann.

Drei Nachmittage lang beschreibt Schanelec frei nach Tschechows legendärem Stück "Die Möwe" den Zustand einer Familie, die sich irgendwie zusammengehörig fühlen möchte, es aber nicht schafft und langsam auf eine Katastrophe hinsteuert. Die Sonne scheint, die träumerischen Bilder von Kameramann Reinhold Vorschneider zeigen eine trügerische sommerliche Idylle, doch im Inneren der Protagonisten geht es finster zu. In künstlicher Sprache werfen sie sich Gemeinheiten an den Kopf, wissen nie, wie sie antworten sollen und scheitern an ihrer Ratlosigkeit. "Ich interessiere mich nicht mehr für Menschen", sagt da der Bruder tonlos zu seiner Schwester, "und du wirst mir auch langsam egal." Als die ihren Sohn fragt, ob irgendetwas mit dem Bruder nicht stimme, sagt der nur: "Findest Du? Er ist eben auf das Wesentliche reduziert."

So redet natürlich kein Mensch, und die Schauspieler sollen auch nicht mal so tun, als ob. Schanelec will keine Realität simulieren, sie nutzt die Mittel des Kinos nur, um etwas über ihre Sicht auf die Realität zu erzählen, immer entgegengesetzt zu den Erzählkonventionen. Bei den Dialogen legt sie sich auf einen Bildausschnitt fest und schneidet nie zwischen den Redenden hin und her. Vieles wird aus dem Off gesagt, man sieht meist nur einen Menschen sprechen, nur manchmal – wenn das Bedürfnis zu stark wird, auch den anderen zu sehen – erlaubt sie einen Schwenk, zögerlich, fast schon zärtlich. Die Einstellungen sind teilweise minutenlang, ohne dass etwas vorankommt, das kann zermürbend wirken, aber genau das ist der Punkt.

Man kann das sehr langweilig finden oder es wie ein einzigartiges Stück Kunst aufsaugen, sich inspirieren lassen – in jedem Fall verdient "Nachmittag" die Chance, nicht nur von der üblichen Kritikerschar gesehen zu werden. Es ist kein publikumsfeindlicher Film, nur einer, der sein Publikum eben ernst nimmt, es herausfordert, einen anderen Blick auf die Dinge zu werfen. Ist einen Versuch wert.


Nachmittag, als DVD bei 451 erschienen



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Finnerty, 05.06.2008
1. doch
"Ich interessiere mich nicht mehr für Menschen", sagt da der Bruder tonlos zu seiner Schwester, "und du wirst mir auch langsam egal." "Findest Du? Er ist eben auf das Wesentliche reduziert." So redet natürlich kein Mensch Doch natürlich reden Menschen (fast) so. Solche Dialoge sind natürlich dramaturgisch zugespitzt. Vor allem aber reden Menschen nicht so wie im kommerziellen deutschen Film.
sl!ck 05.06.2008
2. total überflüssig
wie der autor in dieser, interessanterweise ebenso belanglos wie der film anmutenden, rezension schon erwähnt hat, schafft angela schanalec nur eins: polarisieren und im besten falle provozieren. was das nun mit film oder gar mit "kunst" zu tun haben soll, bleibt mir ein absolutes rätsel. die antwort darauf scheint einer kleinen gruppe arthouse-freaks vorbehalten zu sein, die sich mit filmen wie "nachmittag", so scheint es mir, gerne selbst beweihräuchern. die feststellung, dass nachmittag zermürbend wirkt, ist richtig, da stimme ich dem autor zu. dies aber als stärke und erzählerischen kniff zu verklären, also: langeweile als mittel um langeweile zu erzählen - wo kommen wir denn da hin? Was mich an nachmittag stört ist vor allem die misanthropische maniriertheit mit der die regisseurin arbeitet, die den Zuschauer von der ersten bis zur letzten minute einfach nur kalt lässt. wenn sie mit der realität nichts am hut hat soll sie doch musik machen oder videokunst - aber doch keinen 90 min. Film. wenn sich figuren, an die man nicht hernakommt, ohne große gefühlsregungen bedeutungsschwangere und sperrige sätze an den kopf werfen bleibt bei mir am ende nichts hängen außer irritation. keine emotion, keine empathie, sympathie schon gar nicht, sondern nur die frage: wozu hält man diese form von experimentalfilm mit dem tropf staatlicher fördergelder am leben? Diesen film hätte man wunderbar auf Mini-DV, ohne große crew und anderes brimborium drehen können, um ihn anschliessend in irgendeinem kubus auf der documenta zu zeigen, das wäre völlig in ordnung. Aber die selbstgefälligkeit, mit der frau schanalec bei der premiere des filmes auf der berlinale eine frage nach dem tieferen sinn hinter der ganzen tonlosigkeit, mit "was soll denn das für eine frage sein? sie erwarten wohl nicht, dass ich ihnen darauf antworte" zurückweist, empfinde ich als maßlos arrogant und sehe es als besispielhaft für das "kasten"hafte gehabe einiger weniger film"künstler", die sich wahnsinnig viel darauf einbilden, den Kommerz zu verweigern, von ein paar ergrauten feuilletonisten deshalb vielleicht als speerspitze der filmkunst geadelt werden, aber im grunde mit filmischer genialität genauso wenig zu tun haben wie Dieter Bohlen mit guter musik. Langeweile erzählt man nicht durch langweiliges erzählen. Stillstand erzählt man nicht durch starre kameraeinstellungen, fehlende kommunikation nicht durch wortkarge figuren. Entfremdung nicht durch manirierte sprache. Das ist zu simpel und hat nichts mit kunst zu tun. Das ist einfach nur dröge. Eric Rohmer spielt da in einer ganz anderen liga, by the way.
Knighter 12.06.2008
3. grauenhaft
also als ich diesen artikel gelesen habe wusst ich sofort: das ist genau die sorte film an die ich bei den worten "deutscher film" denken muss. dieses meisterwerk werde ich mir sicher nicht ansehen, aber die abhandlung durch den artikel ist bereits genug. ein kumpel von mir (er ist regisseur für dokumentarfilm, ich für werbung und filmdesign)und ich haben über die sackgasse gesprochen, in die sich deutschland filmtechnisch bugsiert hat, es gibt hier nur solche kopflastigen und menschenferne narzißmussprodukte oder niveaulose komödien. also wenn das so weiter geht, sehe ich noch viel schwärzer als jetzt schon für die industrie hier. ich jedenfalls arbeite schon lange lieber im ausland...
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