Filmfest von Locarno Kind, wie die Zeit vergeht

Unter kritischen Augen findet die letzte Ausgabe von Locarno unter der Leitung von Carlo Chatrian statt, bevor er die Berlinale übernimmt. Aber er muss sich keine Sorgen machen - das Festival ist bestens aufgestellt.

Szene aus "KindKind"
Filmfest Locarno

Szene aus "KindKind"

Aus Locarno berichtet


In Zeiten, in denen jeder einzeln auf den Bildschirm seines Handys starre, sei das Kino mit seiner riesigen Leinwand fast schon eine Provokation: Es fordere Aufmerksamkeit ein, wo sich die meisten lieber ablenken ließen. Das hat Carlo Chatrian, künstlerischer Leiter des Filmfestivals von Locarno, dem Publikum in der letzten von ihm verantworteten Ausgabe mitgegeben. Und gleichzeitig gesagt, dass er jede Menge Komödien als Gegenmittel und Gegenposition zum konfliktreichen Zeitgeist programmiert habe.

Geht das beides zusammen? Provozieren und amüsieren? Anregen und besänftigen? Natürlich geht das, im Kino in seiner ganzen Bandbreite betrachtet sowieso. Aber auf einem Festival wie Locarno, das durch seine pittoreske Lage und sein hervorragendes Klima schon immer dem wildesten Experimentalfilm und dem erschütterndsten Sozialdrama einen wunderbar unstimmigen Rahmen gegeben hat, erst recht. Hier muss nichts passen, damit es passt.

Carlo Chatrian
ALEXANDRA WEY/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Carlo Chatrian

Uneinheitlichkeit und Widersprüchlichkeit sind Dinge, die auch gegen ihre Verantwortlichen ausgelegt werden können. Und so hat sich 2018 etwas Lauerndes in Locarno eingeschlichen. Seitdem klar ist, dass Chatrian die Co-Direktion der Berlinale übernehmen wird, ist das Interesse an dem kleinen A-Festival am Lago Maggiore nicht nur in der deutschen Filmbranche sprunghaft angestiegen. Programmer und Kuratorinnen, die es bislang noch nicht nach Locarno geschafft hatten, mischen sich nun unter die üblichen Touristen und Cinephilen. Sie wollen selber sehen, wie es Chatrian gelungen ist, tagsüber die Kritik zu begeistern und abends die Piazza Grande mit ihren rund 8000 Plätzen zu füllen - manchmal auch beides zugleich.

Italienisches Religionsdrama

Chatrian weiß um die zusätzlichen Augen, die nun auf ihn gerichtet sind, und wirkt bei den Einführungen, die er vor den Filmen im internationalen Wettbewerb gibt, angespannter als gewohnt. Da hilft es wenig, dass der Wettbewerb, noch nie so sehr Herzstück von Locarno wie bei anderen A-Festivals aber dennoch im Fokus, schwach gestartet ist. Mit Spannung erwartete und dem Schweizer Publikum geografisch-kulturell nahe liegende Filme wie das italienische Religionsdrama "Menocchio " von Alberto Fasulo oder das Inzestdrama "Glaubenberg" des Schweizers Thomas Imbach kriegen das Potenzial ihrer Stoffe nicht zu fassen.

"Menocchio"
Filmfest Locarno

"Menocchio"

Die historisch verbürgte Figur des Menocchio war ein Müller, der Ende des 16. Jahrhunderts in einem italienischen Dorf die Inquisition auf den Plan rief, da er die Dorfgemeinschaft mit seinen Zweifeln an der unbefleckten Empfängnis oder der Hölle angesteckt hatte. Statt die Welt des Menocchio - die innere als auch die äußere - erlebbar zu machen, schwenkt Fasulo jedoch vor allem mit Fackeln über furchige Gesichter und grobe Stoffe. Eine zaghafte Annäherung an eine Figur, die gerade in ihrer Unerklärlichkeit eine resolutere Behandlung gebraucht hätte, um sich voll zu entfalten.

Ähnliche Probleme plagen Thomas Imbachs "Glaubenberg ", obwohl die bewusst aufdringliche Kamera anderes zu vermitteln scheint. Lena, eine Schülerin kurz vor dem Schulabschluss, muss ihren kaum älteren Bruder Noah zum Studium ziehen lassen. Schon beim Abi-Ball verfällt sie in Tagträume, wie Noah sie zu küssen und zu streicheln beginnt. Als er das Elternhaus verlassen hat, steigert sie sich vollends in den inzestuösen Furor hinein - oder so ist es zumindest dramaturgisch angelegt.

"Glaubenberg"
Filmfest Locarno

"Glaubenberg"

Im ständig im Close-Up eingefangenen Gesicht von Hauptdarstellerin Zsofia Körös ist von Leidenschaft und Verblendung nichts zu entdecken, dafür umso mehr von mädchenhafter Schwärmerei. Sich ganz ihrer Perspektive zu verschreiben und sich damit wie sie moralisch kompromittieren zu lassen, traut sich der Film aber auch nicht. Ob es daran liegt, dass der Film, wie zu vernehmen ist, autobiografisch basiert ist, Imbach anscheinend intimste Familiengeschichte aufbereitet? Wenn das stimmt, könnte es die mühsam verdeckte Unentschlossenheit von "Glaubenberg" erklären: Imbach schreckt ebenso vor dem wirklich Schmerzhaften wie dem wahrhaft Ekstatischen zurück. Vielleicht hat er deshalb seine Kamera einfach nur draufgehalten. Sie erspart es ihm und uns, wirklich etwas sehen zu müssen.

Enttäuschungen wie diese können jedoch nichts an der Substanz des Festivals ändern, dafür ist das Sektionengefüge von Locarno zu robust. Die Reihe "Signs of Life" versammelt gewohnheitsmäßig die interessantesten Ausprägungen des Experimentalfilms, unter den "Cineasti di Presenti" sind ein ums andere Mal große Regietalente zu entdecken. In der Kombination solcher Reihen ist Locarno imstande, etwas anderes als die großen A-Festivals mit ihrem Fokus auf Stars und Oscar-Anwärter zu bieten: Es zeigt ein liminales Kino, das zwischen den Ästhetiken und Erzählkonventionen angesiedelt ist und vermittelt.

Toxische Kuhfladen

Was das genau bedeutet, lässt sich in diesem Jahr besonders gut anhand der französischen Filme im Programm beobachten, die so in Cannes wohl nicht zu sehen wären. Der Dokumentarfilm "L' Epoque " jagt dem anarchischen Geist der Pariser "Nuit debout"-Bewegung hinterher, ebenso atemlos, aufgeregt und von einem wuchtigen Techno-Beat angetrieben wie seine jungen Protagonisten. Der Kurzfilm "Le discours d 'acceptation glorieux de Nicolas Chauvin " zerlegt den Namensgeber des Chauvinismus mit den Mitteln der Stand-Up-Comedy, des literarischen Dekonstruktivimus und des Monty-Python-Humors, und die Kunststadt Sophia Antipolis an der französischen Riviera wird in der gleichnamigen Doku-Fiktion in allen ihren hässlichen Winkeln erkundet und womöglich auch verleumdet.

"Sophia Antipolis"
Filmfest Locarno

"Sophia Antipolis"

Diese Filme könnten gut unvermittelt nebeneinander laufen, um doch im Dialog zu stehen. Doch ausgerechnet eine Serie greift die diversen Motive des Festivaljahrgangs auf und bündelt sie: Die Fortsetzung von Bruno Dumonts Krimi-Groteske "KindKind " (Originaltitel "Coincoin et les Z'inhumains"), deren vier Teile hier Weltpremiere hatten. In der zweiten Staffel, die im September auf Arte gezeigt wird, ist Dumonts Frankreich noch irrer und noch unansehnlicher, aber auch noch politischer und noch polemischer.

Statt eines Serienkillers, der in der ersten Staffel die Einwohnerzahl eines Dorfes an der Côte d'Opale dezimierte, indem er Jung und Alt zerstückelte und an Nutztiere verfütterte, sind es diesmal Außerirdische, die mit toxischen Kuhfladen dem Titelhelden KindKind sowie dem Kommissar Van der Weyden zusetzen. Oder ist es der Front National, der weit weniger spektakulär, dafür aber umso effektiver sein Gift im Dorf verbreitet hat?

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Provozieren und Amüsieren bestens zusammengehen: Dumont liefert ihn - und Locarno zeigt ihn.



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