Gangsterkomödie "Logan Lucky" Das Sprengen nach Glück

In der klugen Gangsterkomödie "Logan Lucky" kämpfen zwei Brüder aus der Unterschicht gegen ihr Schicksal an. Auch für Regisseur Steven Soderbergh ist mit dem Film eine schicksalsträchtige Frage verbunden.

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Früher oder später muss jemand den Witz machen, und weil Steven Soderbergh ein so ungeduldiger Regisseur ist, macht er ihn gleich selbst: Der Raubüberfall, der in "Logan Lucky" begangen wird, erinnert an die großen Dinger, die einst Danny Ocean mit seiner Glamour-Gang in Edelcasinos gedreht hat - nur diesmal mit einem Trupp an prekär Beschäftigten auf einem großen Autorennen mitten in North Carolina. "Das ist Ocean's Seven-Eleven", sagt eine Nachrichtensprecherin in "Logan Lucky" - die Discounter-Version von Oceans Millionen-Coups.

Nach zwei Dritteln von "Logan Lucky", wenn der Witz kommt, schmunzelt man über ihn. Am Ende ist man aber schlauer und weiß: Der Vergleich mit den drei Ocean-Filmen ist eine der wenigen Dinge, die an "Logan Lucky" nicht funktionieren. Denn zum einen steht der neue, 25. Film von Soderbergh seiner alten Trilogie in Stars und Pointen in Nichts nach. Und zum anderen hat er mit einer anderen Filmreihe noch viel mehr gemein. Aber dazu später mehr und hier nur noch der Hinweis, dass "Logan Lucky" die wahrscheinlich beste Unterhaltung in diesem Kinoherbst ist.

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"Logan Lucky": Gegen den Familienfluch

Als besonders lucky erscheinen diese Logan-Brüder nicht: Jimmy Logan (Channing Tatum) hat soeben seinen Job auf dem Bau verloren, weil eine alte Sportverletzung ihm mehr zu schaffen macht, als sein Chef hinnehmen will. Clyde Logan (Adam Driver) fristet seine Tage als Barkeeper und kann mal mehr, mal weniger gut damit umgehen, wenn ihn Gäste auf seine Armprothese ansprechen, die er seit seinem Einsatz im Irakkrieg braucht.

Sport und Militär, das sind die Aufstiegsoptionen, die sich für junge Männer aus der Unterschicht in den USA heute bieten. Die Logans haben sie probiert, und sie sind nicht nur gescheitert, sie sind von ihren Versuchen gezeichnet, versehrt. Trotzdem versuchen sie es mit der letzten Option, die sich "Leuten wie ihnen" bietet: dem Verbrechen.

Sie könnten doch das Rennen auf dem Charlotte Motor Speedway (die Filmversion des Nascar-Rennens) ausrauben, schlägt Jimmy seinem Bruder vor. Dort würde nicht nur irre viel, sondern vor allem in Cash umgesetzt - für zupackende Jungs wie die Logans genau das richtige Szenario. Aber allein geht so eine Riesennummer dann doch nicht, weshalb sie ein Team zusammenstellen. Ihre gewiefte Schwester, die Friseurin Millie (Riley Keough), ist schnell rekrutiert. Aber der Sprengstoffexperte Joe (Daniel Craig), der ihnen die Wege zur Knete freisprengen soll und von dem so gut wie alles in ihrem Plan abhängt, ist eher unabkömmlich: Er sitzt gerade im Gefängnis.

Dass ihn die Logans trotzdem rekrutieren wollen, lässt den grobschlächtigen Joe erst laut auflachen. Doch noch schneller als man selbst versteht er: Diese Logans sollte man nicht unterschätzen. Und prompt haben die einen Weg gefunden, wie sie Joe punktgenau aus dem Knast holen können und er die entscheidenden Sprengsätze zünden kann.

Hackfresse statt ernste Miene

"Introducing Daniel Craig", das ist der andere Witz, den sich Soderbergh im Abspann von "Logan Lucky" erlaubt - denn Craig ist natürlich der größte Star in einem ohnehin Promi-satten Ensemble. In Nebenrollen sind noch Hilary Swank, Seth McFarlane, Katie Holmes und Katherine Waterston zu sehen. Und doch hat es etwas von einem ersten Mal, Craig als Bombenleger mit platinblonder Stoppelfrisur zu sehen: Wie befreit springt er hier im Streifenanzug herum und verknautscht sein Gesicht zur Hackfresse - als könnte er mit jeder Minute hinauszögern, wieder in James Bonds enge Maßanzüge steigen und den stoischen Agenten im Auftrag ihrer Majestät spielen zu müssen.

Zudem ist Craig tatsächlich neu im Team Soderbergh. Über die Jahre hat Soderbergh eine Gruppe von Leuten vor und hinter der Kamera zusammengestellt, mit denen er immer wieder arbeitet. Bei den Schauspielern war es in den ersten Jahren vor allem George Clooney, mittlerweile hat ihn Channing Tatum als Stamm-Leading-Man ersetzt. Vor allem haben Soderberghs Filme aber einen Look gemeinsam, ein Leuchten der Farben und eine Fülle der Ausstattungsdetails, für die der 200-Prozent-Regisseur oft als Kameramann seiner eigenen Filme sorgt.


"Logan Lucky"
USA 2017

Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Rebecca Blunt
Darsteller: Channing Tatum, Adam Driver, Seth MacFarlane, Daniel Craig, Katie Holmes, Katherine Waterston, Brian Gleeson, Hilary Swank
Verleih: StudioCanal
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 118 Minuten
Start: 14. September 2017


Manchmal können der Glanz und die Kompaktheit von Soderberghs Bildern langweilen, etwa wenn die Geschichte zu sehr einem großen Konzept verschrieben ist und alles in der Summe nur eine kratzerlose Oberfläche ergibt, "Contagion" zum Beispiel. Manchmal sind der Glanz und die Kompaktheit aber auch genau das, was einen Film aus der Soderbergh'schen Masse herausstechen lässt. "Magic Mike" ist so einer.

Mit dem Film wagte sich Soderbergh 2012 erstmalig in die amerikanische Unterschicht vor, erzählte vom prekären Leben im Strippermilieu Floridas, aber eben nicht nur, sondern auch vom Spaß am Tanzen, am Sex, der Suche nach Liebe, nach der richtigen beruflichen Herausforderung. Dass alles hier so gut aussah wie in jedem anderen Soderbergh-Film, ließ Exotismus oder Betroffenheit erst gar nicht aufkommen.

Aus ganz ähnlichen Gründen wie "Magic Mike" und die Fortsetzung "Magic Mike XXL" funktioniert denn auch "Logan Lucky". Die Details, die das Milieu der Logans zeichnen - das Weinglas in der Hand der Mutter zur Nachmittagszeit, der Rihanna-Song, den die kleine Tochter beim Schönheitswettbewerb singt - sie sind da, aber sie füllen die Bilder nicht aus, denn die wollen von mehr erzählen: von Familie, vom Vertrauen, das man trotz allem ineinander haben sollte, und vom Schicksal.

Zurück aus dem Kinoruhestand

Beim Überfall auf das Autorennen geht es nämlich nicht nur um das Geld, das abgestaubt werden soll. Es geht auch um den vermeintlichen Fluch, der auf den Logans lastet. Denn so viel Pech wie diese Familie hat, das ist doch nicht natürlich, oder? Da kann man doch was dran drehen, eventuell auch mithilfe einer Bombe?

Mit "Logan Lucky" ist übrigens auch für Soderbergh eine schicksalhafte Frage verbunden. 2013 hatte er verkündet, aus dem Filmgeschäft auszusteigen, weil die herkömmlichen Finanzierungsmodelle samt ihrer überzogenen Werbebudgets mittelgroße Filme, wie er sie bevorzugt macht, zerstören würden. Mit "Logan Lucky" ist er nun aus dem Kinoruhestand zurückgekehrt - auch um ein neues Modell der unabhängigen Finanzierung zu testen.

Bei diesem Modell wird unter anderem die Grundfinanzierung durch den Vorabverkauf von Auslandsrechten abgesichert; die Erlöse aus dem Verkauf der Streamingrechte finanzieren wiederum den Werbeetat, für den Soderbergh direkt eine PR-Firma beauftragt hat. Die bekommt - wie auch die Schauspieler - einen Standardsatz bezahlt, wird aber an den Netto-Erlösen aus den Ticketverkäufen beteiligt. Ein Modell mit minimalen Risiken, aber vielen finanziellen Anreizen für alle Beteiligte - so Soderberghs Idee.

Am Boxoffice in USA ist "Logan Lucky" allerdings hinter den Erwartungen zurück geblieben. Ob auch Soderberg lucky wird, bleibt also abzuwarten. Verdient hätte er, genauso wie die Logans, es allemal.

Im Video: Der Trailer zu "Logan Lucky"

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