Film "Lola gegen den Rest der Welt": Greta, die Großartige

Von David Kleingers

Haben Sie sich schon mal in Augenbrauen verliebt? Könnte hier passieren. Greta Gerwig ist die Muse des amerikanischen Arthouse-Kinos. Ihre Mimik rettet selbst dünne Storys - wie in "Lola gegen den Rest der Welt". Grandios spielt sie eine 29-Jährige, die panisch einen Lebensplan sucht.

So eine Zusammenfassung macht Angst: Endzwanzigerin schliddert in eine veritable Krise, sucht in New York nach Liebe sowie dem Sinn des Lebens im Allgemeinen. Das klingt nach dem Klappentext eines Erbauungsbestsellers aus der Bahnhofsbuchhandlung. Oder nach romantischer Kinokomödie, die das vertraute Paarversprechen mit ein wenig "Sex and the City" versetzt.

Dass sich hinter dem formelhaften Ansatz eine ganz andere Geschichte verbergen kann, beweist Filmemacher Daryl Wein mit "Lola gegen den Rest der Welt". Mit niedrigstem Budget realisiert, ist das eigentliche Kapital der Independent-Produktion die formidable Hauptdarstellerin Greta Gerwig.

Als Lola sieht man Gerwig in nahezu jeder der etwas mehr als 80 Minuten, sie ist die Konstante in einer sprunghaften Szenenfolge. Die beginnt mit dem abrupten Ende von Lolas langjähriger Beziehung zu Luke (Joel Kinnaman), einem Maler, der seine Motive den Sexvideos von Prominenten entlehnt.

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Greta Gerwig: Über Mumblecore zum Welterfolg
Drei Wochen vor der geplanten Hochzeit eröffnet er Lola angemessen geknickt auf der gemeinsamen Couch, dass er sich doch nicht bereit für die Ehe fühle. Und überhaupt mehr Zeit und Raum für sich brauche. Kurz, Lukes sanfter Tonfall kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er Lola sitzenlässt.

Panische Lola sucht Lebensplan

Fortan sieht die 29-Jährige nur Fragezeichen, wo sie gerade noch Gewissheiten wähnte. Lolas Eltern Lenny und Robin (Bill Pullman und Debra Winger) wollen gerne helfen, doch ihre freigeistige Gelassenheit verträgt sich schwer mit den eher neubürgerlichen Verlustängsten der Tochter. Denn neben ihrer beendeten Beziehung betrauert Lola auch den Auszug aus Lukes günstiger Loftwohnung. Mit Aussicht auf die Heirat konnte sie zudem ihre Doktorarbeit über französische Poesie des 19. Jahrhunderts weiter vernachlässigen. Nun aber glaubt eine panische Lola, der Welt schleunigst einen Lebensplan präsentieren zu müssen.

Beistand sucht sie bei ihren besten Freunden, der sarkastischen Schauspielerin Alice (Co-Autorin Zoe Lister Jones) und dem sanftmütigen Musiker Henry (Hamish Linklater). Aber auch die können nicht verhindern, dass Lolas aus den Fugen geratener Alltag einem Parcours kurioser Prüfungen und Peinlichkeiten gleicht.

Dies hätte ein furchtbar larmoyanter Film werden können, ein eitler Selbstfindungstrip im Hipster-Milieu ohne Fallhöhe. Doch je länger wir Lola begleiten, desto weiter entfernt sie sich von einfachen Antworten: Statt geradewegs auf eine Paarbildung zuzusteuern, franst ihre Geschichte zusehends aus, wird uneindeutiger und damit spannender. Wer eine straffe, dreiaktige Hollywood-Dramaturgie erwartet, muss sich auf gehörigen Frust einstellen.

Greta Gerwigs Mimik ist das Eintrittsgeld wert

Das Skizzenhafte und Ausfasernde der Erzählung steht in der noch jungen - und womöglich schon wieder am Ende befindlichen - Tradition der Mumblecore-Filme. Greta Gerwig, selbst 29 Jahre alt, ist eine Veteranin dieser Spielart, bei der die Grenzen zwischen Inszenierung und Alltag, zwischen Darsteller und Rolle fließend sind.

Nach Auftritten in Filmen wie "LOL" (2006) und "Hannah Takes the Stairs" (2007) war es schließlich Noah Baumbachs "Greenberg" (2010), ein Zwitter aus Mainstream-Tragikomödie und Mumblecore, der Gerwig vom Geheimtipp zur neuen Muse des amerikanischen Arthouse-Kinos aufsteigen ließ. Seitdem drehte sie mit Whit Stillman ("Damsels in Distress"), Woody Allen ("To Rome with Love") sowie jüngst erneut mit Baumbach, der ihr die maßgeschneiderte Titelrolle in "Frances Ha" gab.

Auch die Szenen aus Lolas Leben sind zuvorderst ein Showcase für Gerwig und ihr eigentümliches Talent, selbst bizarrste Momente glaubhaft zu erden. Wenn sich Lola todtraurig mit Chips im Bett vergräbt, einen Tabledance versucht oder trotzig mit einer Bierflasche in jeder Hand durch die Nacht stapft, dann vermittelt Gerwig eine ungelenke, anrührende Nahbarkeit und hat doch eine Strahlkraft, die sie über das Profane der Situation erhebt.

Am Entzückendsten zeigt sich die duale Qualität ihres Spiels während Lolas katastrophalem One-Night-Stand mit Nick (Ebon Moss-Bachrach), einem prätentiösen Gefängnisarchitekten und Fitnessfetischisten. Als Nick beim verunfallten Sexakt laut und unbeirrbar einen Song von Ani DiFranco mitsingt, genügt Gerwigs Mimik, die unter markanten Augenbrauen gleichzeitig Fremdscham, Ungläubigkeit und einen gesunden Spaß am Absurden ablesen lässt, um das Eintrittsgeld zu rechtfertigen.

Leider zünden beileibe nicht alle Pointen in Weins Vignetten: Zu oft bekommen Dialoge deklamatorische Züge, und der gelegentliche Hang zur Zote bekommt dem Film nicht wirklich. Was ihn außer Greta Gerwig jedoch rettet, ist eine Haltung, die der doppeldeutige Originaltitel "Lola Versus" vorgibt. Denn dagegen zu sein, das heißt für Lola irgendwann nicht mehr, an der Welt zu verzweifeln, sondern die konventionellen Vorstellungen vom persönlichen Glück zu hinterfragen. Und in dem Moment, da sie erstmals Ungewissheit als Bedingung von Freiheit begreift, ist Lola plötzlich ganz bei sich. Allein, aber voller Zuversicht.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Lola versus.....
jacobihc 14.12.2012
...powerman & the..., schon mal gehört?
2. Plan
SirLurchi 14.12.2012
Zitat von sysopHaben Sie sich schon mal in Augenbrauen verliebt? Könnte hier passieren. Greta Gerwig ist die Muse des amerikanischen Arthouse-Kinos. Ihre Mimik rettet selbst dünne Storys - wie in "Lola gegen den Rest der Welt". Grandios spielt sie eine 29-Jährige, die panisch einen Lebensplan sucht. "Lola gegen den Rest der Welt": Greta Gerwig in Indie-Film - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/lola-gegen-den-rest-der-welt-greta-gerwig-in-indie-film-a-872303.html)
Damit steht mein Plan fest, welchen Film ich mir als nächsten im Kino anschaue. - Danke für den Bericht und ich hoffe, dass der Film hält, was der Bericht verspricht.
3.
Neutrinoschreck 14.12.2012
Damit steht mein Plan fest, welchen Film ich mir als nächsten NICHT im Kino anschaue - kitschige Schnulze die 43. ...
4.
DrStrang3love 14.12.2012
Zitat von Neutrinoschreck...kitschige Schnulze die 43. ...
Nee, eher Pseudoexistentialistisches Drama mit Wohlstandskindern, die die Krise bekommen, die 105.
5. ich gehe jeden montag in die sneak preview
Straussenblatt 14.12.2012
was soviel bedeutet wie, man zahlt 5 euro und sieht einen filme ohne zu wissen welcher es ist, dafür sieht man ihn ein paar wochen vor dem offiziellen erscheinen. letzten montag war es oben genannter film. ich habe noch nie so einen erbärmlichen, inhaltslosen, langweiligen mist gesehen. amen
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Lola gegen den Rest der Welt

Originaltitel: Lola Versus

USA 2012

Regie: Daryl Wein

Buch: Zoe Lister Jones und Daryl Wein

Darsteller: Greta Gerwig, Joel Kinnaman, Zoe Lister Jones, Hamish Linklater, Bill Pullman, Debra Winger

Produktion: Groundswell Productions

Verleih: Fox

Länge: 87 Minuten

Start: 13. Dezember 2012