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"National Gallery": Im Hort der Hochkultur

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"National Gallery": Im Hort der Hochkultur Fotos
Kool

Mit seinem Dokumentarfilm "National Gallery" bietet Altmeister Frederick Wiseman wunderbare Einblicke in den Alltag der altehrwürdigen Londoner Kulturinstitution.

Dafür, dass dies ein Film über eine Gemäldegalerie ist, wird in "National Gallery" wahnsinnig viel geredet. Museumsführer erklären Besuchergruppen, worauf man bei einem Leonardo achten sollte. Restauratoren erläutern Studierenden, warum man zunächst verstehen muss, wie Velázquez seine Bilder gemalt hat, bevor man sie angemessen restaurieren kann. Eine Sonderpädagogin versucht, Blinden ein Pissarro-Bild anhand eines Reliefausdrucks erfahrbar zu machen. Und eine Dichterin trägt ein Gedicht vor, zu dem sie ein Tizian-Bild inspiriert hat.

Es ist eine überraschend vielstimmige Komposition, die Frederick Wiseman in seinem dreistündigen Film über die Londoner Kunstinstitution National Gallery präsentiert. Und wie bei jedem anspruchsvollen Musikstück ist das Gesamtwerk mehr als die Summe seiner einzelnen Teile. Denn wo man zunächst darauf hört, was die Museumsführer bei ihren Rundgängen zu einzelnen Bildern zu sagen haben, überlagert sich das Gesagte mit jeder Szene immer stärker, bis daraus ein einziges Gespräch wird - nämlich darüber, wie man anderen seine Begeisterung für Kunst vermitteln kann.

Auf dieser Ebene ist der mittlerweile 42. Langzeitfilm des Altmeisters Frederick Wiseman ("La Danse") eine wunderbare Hommage an einen Hort der Hochkultur. Jeder Mensch im Haus, der ausgesuchte Worte für ein Gemälde findet oder mit ruhiger Hand Schmutz von einem Meisterwerk abträgt, erscheint hier als ehrbarer Zuträger des Geistes, und der tempelartige Bau des Museums könnte nicht besser passen für einen Ort der permanenten Huldigung.

Gleichzeitig gibt es in "National Gallery" erstaunlich wenig zu sehen. John Daveys Kamera nimmt nur Details in den Fokus, wenn ein Redner darauf hinweist. Totalen von Bildern gibt es nur, wenn auch gerade über ihre Wirkung im Raum gesprochen wird.

Die Besucher spielen nur eine Nebenrolle

Nun kann und will der Film keinen Besuch des Museums am Trafalgar Square ersetzen. Doch genau eines, was ein moderner Kulturbetrieb und damit verbunden auch ein moderner Dokumentarfilm ermöglichen sollten, bietet "National Gallery" nicht: einen eigenständigen, unabhängigen Blick auf das Haus und seine Sammlung.

In einer Szene trägt eine ungenannte Frau, die mutmaßlich aus der Marketingabteilung oder dem Besucherdienst stammt, an Museumsdirektor Nicholas Penny heran, dass man doch mehr auf die Besucher eingehen könnte. Die Werbung für das Haus, seine exzellente Sammlung und seine herausragenden Sonderausstellungen würde sehr gut funktionieren, aber was die Menschen mit dem Museum verbinden und von einem Besuch intellektuell und emotional mitnehmen, würde vernachlässigt.

Gleiches kann man auch von Wisemans Film sagen. Wie immer verzichtet er nämlich auf Interviews und Voice-over. Was in "National Gallery" zum Haus und seiner Kunst zu hören ist, stammt von Sprecherinnen und Sprechern, die das Haus selbst ausgesucht und denen es seine Räume zur Verfügung gestellt hat.

Man kann das als die genaue Beobachtung der Selbstinszenierung und Selbsterhaltung einer Institution wertschätzen. So fängt Wiseman zum Beispiel eine Szene ein, in der die Abteilungsleiter mit der Idee sympathisieren, die Fassade einen Abend lang für eine beliebte Wohltätigkeitsaktion herzugeben. Direktor Penny lehnt den Plan jedoch ab, weil er nicht erkennen kann, was das Museum davon haben könnte.

Den Fragen, ob sich die National Gallery damit einen Gefallen getan hat, sie rigider als anderen Museen verfährt und womöglich die Teilnehmer der Wohltätigkeitsaktion verschreckt hat, geht der Film nicht nach. Das letzte Wort von Direktor Penny bleibt auch das letzte Wort im Film zu der Sache.

Wisemans filmische Methoden stoßen so an ihre Grenzen, da sie weniger enthüllen als Herrschaftsmechanismen reproduzieren. In Strukturkonservatismus, so legt es dieser Film nahe, scheinen sich die Institution National Gallery und die Institution Frederick Wiseman ausnahmsweise nicht nachzustehen.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Frederick Wiseman filmte in der National Gallery
gantern 01.01.2015
Ein Hoch auf die Kultur. Also rein in den Hort der Hochkultur? Was Menschen mit einem Museum verbindet und was Besucher intellektuell und emotional mitnehmen könnten, muss jeder nach seinem Wissen und Geschmack selber beurteilen. Wie in einer Zeitmaschine kann man sich zurückversetzen und dabei überlegen, was „Hochkulturen“ so alles fabriziert hatten und das mit der Kunst der Gegenwart vergleichen.
2. Bin sehr enttaeuscht ueber die Restaurierungsarbeiten
tao chatai 02.01.2015
an manchen Bilder in der National gallery.....
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