Western-Flop "Lone Ranger" 149 Minuten am Marterpfahl

Buddy-Komödie oder Action-Reißer? Western-Parodie oder Polit-Kommentar? Das Erfolgsteam der "Fluch der Karibik"-Reihe entscheidet sich bei "Lone Ranger" für keine Linie und liefert damit den nächsten Riesenflop des Kinojahres. Selbst Johnny Depp kann da nichts ausrichten.

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Es ist keine realistische, aber eine reizende Vorstellung: In ein paar Jahren könnten Johnny Depp, Produzent Jerry Bruckheimer und Regisseur Gore Verbinski beisammen am Lagerfeuer sitzen, über sich den Sternenhimmel, vor sich eine Blechkanne pechschwarzen Kaffee, dazu einen Topf mit Bohnen. In dieser Cowboy-Kulisse würden sich die Männer, die einst mit ihrem "Fluch der Karibik"-Franchise soviel Geld verdienten, mit gnädigem Abstand an ihren missglückten Western-Ausflug erinnern: "Lone Ranger", die Neuerfindung des in den USA legendären, aber reichlich in die Jahre gekommenen Radio- und Fernsehhelden, sollte 2013 eine weitere Erfolgsserie begründen. Doch nach immensen Produktionskosten, zum Teil verheerenden Kritiken und bislang mäßigen Einspielergebnissen redet davon niemand mehr. Stattdessen sucht man nach Erklärungen für die Schlappe, frei nach dem Motto: "How the West Was Lost".

Nicht schuldig ist zumindest Depps Co-Star Armie Hammer ("The Social Network"), der hier seine erste große Hauptrolle spielt. Auch er hat eigentlich einen Platz am Lagerfeuer verdient, fraglich nur, ob sich seine gerade beginnende Karriere von dieser Pleite erholt. Hammer gibt jedenfalls überzeugend den Idealisten John Reid.

Der kehrt 1869 nach seinem Jurastudium an der Ostküste in die texanische Heimat zurück, um als Staatsanwalt die raue Gegend zu befrieden. Schon bei der Anreise gerät er in einen Zugüberfall, bei dem der berüchtigte Bandit Butch Cavendish (mit gebührend fieser Zahnprothese unterwegs: William Fichtner) von seinen Gefolgsleuten aus dem Sträflingswaggon befreit wird. Bei der Gelegenheit lernt Reid Tonto kennen, einen Komantschen auf Dauerkriegspfad, der sich seit Jahren an Cavendish rächen will.

Woher sein Wunsch nach Vergeltung rührt, das erklärt der Film später mit äußerst langem Atem. Womit ein grundlegendes Problem benannt wäre: Über ausladende zweieinhalb Stunden hinweg kommt der "Lone Ranger" erzähltechnisch nie in den Sattel.

Indianer vom Stamm der Chaplins

Halbwegs unversehrt in der Kleinstadt Colby angekommen, wird der zaghafte John von seinem Bruder Dan (James Badge Dale), einem kernigen Gesetzeshüter, kurzerhand als Texas Ranger rekrutiert. Bei der folgenden Suche nach Cavendisch geraten die Ranger in einen Hinterhalt, den allein John knapp überlebt. Notgedrungen verbündet sich der Totgeglaubte nun mit dem eigensinnigen Tonto, um als maskierter Streiter für Gerechtigkeit die Mörder zur Strecke zu bringen.

Dies hätte als Exposition vollends gereicht, um flott voranzureiten. Doch kaum hat er sein Heldenduo zusammengebracht, erlahmt Verbinskis Film und verliert sich im inneren Richtungsstreit: Traditionelle Pferdeoper oder post-klassischer Galopp durch die Genres? Launige Buddy-Komödie oder lautes Action-Spektakel? Sorgenfreie Wild-West-Parodie oder kritischer Kommentar zur amerikanischen Landnahme? Anstatt sich festzulegen, probiert "Lone Ranger" einfach alles zugleich und strapaziert damit die Geduld seines Publikums.

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"Lone Ranger": Ab in die ewigen Jagdgründe

Dabei möchte man die beiden Hauptdarsteller wirklich mögen. Depp und Hammer, das klingt sogar nett, wahlweise nach Werkzeugfirma oder einem Slapstick-Duo alter Schule. Hammer ist in der Tat ein prima straight guy und erträgt als solcher brav Depps exzentrische Kapriolen. Der wiederum interpretiert seine Rolle erwartungsgemäß sehr frei: Hinter stoischer Pantomimenmaske persifliert er das rassistische Klischee vom noblen Wilden, und seine Manierismen machen überdeutlich, dass dieser Indianer zum Stamm der Buster Keatons und Charlie Chaplins gehört.

Mitsamt der toten Krähe auf seinem Kopf verbeugt sich Depp zudem vor seinem eigenen Auftritt in Jim Jarmuschs Existentialisten-Western "Dead Man" (1995). Was sich der geldgebende Disney-Konzern von seinem Star erhofft, ist sowieso klar: Die Wild-West-Version seines Captain Jack Sparrow, eine charmante Travestie fürs Millionenpublikum.

Geisterschiff! Goldschatz! Rum!

Doch die Erfolgsformel der "Pirates of the Carribean"-Filme kann hier nicht aufgehen. Und dies - bittere Ironie -, weil der Film sich selbst die dafür notwendige Naivität verbietet. Denn während Verbinskis Piraten unbeschwert von einem phantastischen Ausrufezeichen zum nächsten segeln durften - Geisterschiff! Goldschatz! Rum! -, hat der Western seine Unschuld zu Recht lange verloren. Was nicht heißt, dass die Amerikaner ihr ureigenstes Genre nicht weiterhin lieben würden. Doch seit den späten sechziger Jahren schätzt man vor allem naturalistische Western, die auch die dunkle Seite des Frontier-Mythos zeigen.

Verbinski versucht dem Rechnung zu tragen, indem er seinen Lone Ranger gegen skrupellose Eisenbahnmagnaten und Militärs antreten lässt, die den Ureinwohnern Land und Leben nehmen. Das Bemühen ist redlich, aber fruchtlos: Bilder von einem Massaker an Stammesbewohnern stehen hier bezugslos neben der nächsten drolligen Eskapade, und der Film findet keine Balance zwischen Drama und Klamauk, Kapitalismuskritik und Kirmes.

Entsprechend unentschlossen und bleichgesichtig bleiben die weiteren Figuren, ob nun Helena Bonham Carters Bordellbesitzerin oder Ruth Wilson als Witwe, die ohnehin nicht mehr sein darf als eine potentielle romantische Partnerin für den Ranger.

Nur einmal lässt Verbinski alle Zügel los und inszeniert eine furiose Verfolgungsjagd mit zwei Zügen. Die irrwitzige, virtuos editierte Hommage an Buster Keatons "The General" ist eine der beeindruckendsten Action-Sequenzen der letzten Jahre. Und sie lässt für einige Minuten erahnen, was ohne dramaturgische Ladehemmung aus diesem Film hätte werden können. Aber das ist eine Geschichte fürs Lagerfeuer. Denn im Kino bleiben dem "Lone Ranger" nach diesem Flop wohl nur die ewigen Jagdgründe.

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insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
willi.mueller.1919 06.08.2013
1. optional
Der Film ist noch mieser und noch weniger komisch als es schon der Schuh des Manitu war. Und der war überhaupt nicht komisch.
Wissenheit 06.08.2013
2. Wenn SPON
diesen Film schlecht findet, ist er garantiert sehenswert.
kiba80 06.08.2013
3. Wenn der Artikel
genauso recherchiert ist, wie der Autor den Namen des weltbekannten Indianerstamms der Comanche schreibt, kann der Film eigentlich nur gut sein. SPON lag bisher 9 von 10 Mal mit Filmkritiken daneben. Tauscht doch mal die Autoren aus...
flushbush 06.08.2013
4. Lone Ranger ?
Wer ausserhalb der USA kennt den diese uralte Serie, kein wunder das der Film floppt. Fluch der Karribik, so ein Kinderklamauk, ausser Fear & Loathing in Las Vegas hat der Depp auch schon lange keinen guten Film mehr gemacht, just my opinion
atemlos9 06.08.2013
5. Das
Zitat von Wissenheitdiesen Film schlecht findet, ist er garantiert sehenswert.
dachte ich auch gerade :) Wenn man an den hochgelobten "Django" denkt ... du meine Güte! Aber ein bisschen langatmig wird "Lone Ranger" schon sein ...
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