Zeitreise-Thriller "Looper" Ich töte mich, dann lebe ich länger

Phantasie trifft Philosophie: Der Zeitreise-Thriller "Looper" mit Bruce Willis erzählt von einem Killer, der sein Zukunfts-Ich ermorden muss. Ein smarter und spannender Science-Fiction-Film, der jedem Zuschauer gute Fragen stellt. Zum Beispiel: Wie wurdest du eigentlich der Mensch, der du bist?

DPA/ Concorde Filmverleih

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Landstreicher irren durch das verfallene Kansas City, auf den staubigen Straßen herrscht Selbstjustiz, die Behörden haben vor der Mafia kapituliert. Nur Kriminelle können sich Nachtclubs, Huren und Drogen leisten. Dazu gehören auch die sogenannten Looper, die aber am untersten Ende der Hierarchie stehen: Sie sind nur Erfüllungsgehilfen, willige Killer.

Nur wenige Filmminuten braucht Regisseur Rian Johnson, um in "Looper", einem der bemerkenswertesten Science-Fiction-Filme der jüngsten Zeit, eine glaubhafte Zukunftsvision einer neuen Depressionsära in Amerika zu erschaffen; eine manchmal lustvoll überzeichnete Motivmelange aus Western, klassischen Gangsterfilmen und dem schmuddeligen futur noir von "Blade Runner".

"Looper" spielt im Jahre 2044, als, so verrät der Erzähler aus dem Off, "Zeitreisen noch nicht erfunden sind. Aber in 30 Jahren werden sie es sein." Die Technik wird dann zwar schnell wieder verboten. Doch kriminelle Organisationen nutzen sie weiterhin. Der Mafia-Boss Abe (Jeff Daniels) des Jahres 2044 etwa stammt aus der Zukunft. Aber vor allem sehr viele Todesopfer der Mafia.

Denn 2044 warten Auftragskiller, eben jene Looper, auf Todeskandidaten, die gefesselt und maskiert von der Mafia aus der Zukunft zurück in die Vergangenheit geschickt werden. Die Looper verrichten ihr Werk aus nächster Nähe mit einem Schuss aus einer groben Flinte, dem Blunderbuss. Die Belohnung: Silberbarren, die dem Opfer beigegeben sind.

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Science-Fiction-Meisterwerk "Looper": Ich gegen mich
Einer von ihnen ist Joe (Joseph Gordon-Levitt, "The Dark Knight Rises"), der einst als streunendes Waisenkind von Mafia-Boss Abe aufgelesen wurde und einen Blunderbuss in die Hand gedrückt bekam: "Ich gab dir etwas, das nur dir gehört", sagt Abe zu Joe. Die kriminelle Vereinigung wird ihm zum Familienersatz, das Töten zum Lebensinhalt.

Der Haken: Irgendwann wird jeder Looper damit konfrontiert, sein in der Zukunft für die Mafia zum Risiko gewordenes Ich zu erschießen. Es wird auf üblichem Wege in die Vergangenheit geschickt, um unauffällig entsorgt zu werden. Die Selbsttötung wird fürstlich mit Gold belohnt, dem auf grausame Weise pensionierten Looper bleiben noch 30 Jahre, um sein Leben zu genießen.

Der Akt des Selbstmords als Absolution, das ist ein starkes Motiv, das Johnson mit Bildern illustriert, die sich ins Gedächtnis einbrennen: ein verblichenes Feld mit hohen Halmen. Eine Plastikplane, auf der sich jeden Augenblick das verschnürte Opfer materialisieren wird. Joe, die ungeschlachte Kanone im Hüftanschlag, wartet. Als es länger dauert, blickt er irritiert auf seine Taschenuhr. Und dann hockt da plötzlich dieser Mensch, ohne Sack über dem Kopf. Zwei Augenpaare in Großaufnahme. Gegenseitiges Erkennen. Schuss?

Lässt sich Unheil verhindern?

Man ahnt es: Joes älteres Ich, hinreichend knittrig gespielt von Bruce Willis, lässt sich nicht so leicht aus dem Weg räumen. Er überrumpelt den Jüngeren und versucht, die Weichen der Zeit zu verstellen, so dass sein Schicksal einen weniger fatalen Verlauf nimmt. Der junge Joe muss eine drakonische Strafe fürchten und sich daher selbst wieder einfangen - was sich als schwierig erweist, da der alte Joe sich an jeden Schritt erinnert, den der junge Joe plant.

Regisseur Rian Johnson ("Brick") gelingt es mit "Looper", dem in Hollywood wieder populären Science-Fiction-Genre einen detailverliebten, intelligent gemachten Thriller hinzuzufügen, der sich wohltuend von dumpfen Actiongewittern wie "Total Recall" abhebt. Mit sympathischer Unverschämtheit setzt er sich darüber hinweg, genau zu erklären, wie das Zeitreisen funktioniert und welche Paradoxien sich dabei ergeben; der Zuschauer muss einfach glauben.

Wer das tut, kann "Looper" nicht nur als futuristischen Krimi genießen, sondern als philosophisches Gedankenspiel über charakterliche Vorherbestimmung. Alle wichtigen Personen des Films sind Verlorene, die schon als Kind verwaist sind, die emotionale Kälte zu früh zu spüren bekamen, denen soziale Missstände jede Chance verbauten. Folgt man der Logik des Films, ist die Zukunft von entwurzelten Seelen bevölkert. Wie hoffnungslos die Zukunft dieser Zukunft ist, die Zeit also, aus der der ältere Joe stammt, lässt der Film nur erahnen. Ein Superboss namens Rainmaker kontrolliert eine von chinesischer Wirtschaftsmacht dominierte Welt.

"Geh lieber nach China"

"The child is father of the man" heißt es in William Wordsworths Gedicht "The Rainbow": Was das Kind erlebt, wird den Charakter des Erwachsenen ausmachen. Ein geflügeltes Wort, das eine grundsätzliche Frage aufwirft, die im Zeitreisekino schon oft gestellt wurde: Kann man Unheil verhindern, indem man in die Vergangenheit reist und es im Keim erstickt?

"Looper" gibt auf diese Frage eine Antwort, die man reaktionär finden kann. Sie folgt aber konsequent den moralischen Konventionen des Genrekinos: Während der Film als Actionkrimi in kühlschwarzer Urbanität beginnt, kommt es zum Showdown in den versöhnlichen Farben der Natur und der Familienwärme, die durch die alleinerziehende Mutter Sarah (Emily Blunt) symbolisiert wird. Auf ihrer Farm findet der junge Joe Unterschlupf. Und ihr kleiner, telekinetisch begabter Sohn Cid wird zum eigentlichen Dreh- und Angelpunkt der Geschichte.

In der Selbstironie des Films und einigen hinreißenden Gags - etwa, wenn Abe Joe lakonisch davon abrät, seinen Lebensabend in Frankreich zu verbringen: "Ich komme aus der Zukunft: Geh lieber nach China." - zeigt sich das Talent von Regisseur Johnson, Schweres mit Spielerischem zu verknüpfen. Neben T.S. Eliots philosophischem Langgedicht "Vier Quartette", das den Aufbau des Films in vier Akten vorgibt, habe ihn auch Shakespeares Frage nach der Unabdingbarkeit der Zukunft in "Macbeth" inspiriert, sagt der 38-jährige US-Amerikaner über seinen dritten Spielfilm. Dramaturgie und ländliches Setting habe er sich zudem bei Peter Weirs "Der einzige Zeuge" geliehen. Dass der junge Joe fleißig Französisch lernt, ist eine Verbeugung vor der Nouvelle Vague. Und La Belle Aurore, der Nachtclub, in dem die Mafia Hof hält, ist natürlich der Name des Pariser Cafés, an das Rick und Ilsa in "Casablanca" voller Nostalgie zurückdenken.

Doch eigentlich braucht Rian Johnson keine Klassiker als Referenzen, er hat wahrscheinlich selbst einen Film geschaffen, der zum Klassiker taugt. Der Ideenreichtum, die Chuzpe und die Effizienz, mit denen er seine Geschichte verdichtet, die Tollkühnheit, mit der er Tonart, Atmosphäre und Tempo wechselt, ohne den Spannungsverlauf zu beeinträchtigen - all das erinnert an Christopher Nolans "Inception". Man sieht solche Filme leider nicht oft im Mainstream-Kino. Aber wenn, dann sind das Staunen und die Freude umso größer.

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Seite 1
diepresselügt 08.10.2012
1. muss man gesehen haben
Zitat von sysopDPAPhantasie trifft Philosophie: Der Zeitreise-Thriller "Looper" mit Bruce Willis erzählt von einem Killer, der sein Zukunfts-Ich ermorden muss. Ein smarter und spannender Science-Fiction-Film, der jedem Zuschauer gute Fragen stellt. Zum Beispiel: Wie wurdest du eigentlich der Mensch, der du bist? http://www.spiegel.de/kultur/kino/looper-zeitreise-thriller-mit-bruce-willis-joseph-gordon-levitt-a-858655.html
sehr guter Film .... für mich der beste Film des jahres.
ecce homo 08.10.2012
2. Zukunft
Es wird wohl tatsächlich so sein, dass in Zukunft die Mafia und große Wirtschaftsunternehmen die Welt regieren werden. Man wird die Korruption nicht in den Griff bekommen.
blasphemiker 08.10.2012
3. Werde ihn ansehen
... obwohl ich die Premisse, dass die Mafia zukünftige Ichs der Looper von ihren jüngeren Ichs töten lassen recht haarsträubend finde. Es wäre wohl viel einfacher von das Mordopfer an einen anderen Killer als sein jüngeres Selbst geschickt würde. Aber der Film heißt ja schließlich "Auf der Flucht" und nicht "Nach 5 Minuten geschnappt".
scooby11568 08.10.2012
4. Ich freue mich schon riesig auf den Film ...
vor allem als Bruce Willis Fan. Wo der Mann überall mitgespielt hat. Sixth Sense, 12 Monkeys (in Zeitreisen hat er ja Übung), Das Fünfte Element und vor allem Pulp Fiction. Ein echtes Phänomen. Hoffentlich bleibt er uns noch lange erhalten ...
grafzhl 08.10.2012
5. Logiklöcher
Leider gefiel mir der Umgang des Films mit den nicht wegzudiskutierenden Paradoxien von Zeitreisen nicht. Hier wurde der bequeme Weg gewählt und der Versuch unternommen, eine Logik zu etablieren, die nicht der unseren Realität entspricht (und ich beziehe mich dabei nur auf die Zeitreisen, nicht mal auf den Telekinse-Quatsch). Einem Film, der Anspruch erhebt clever und durchdacht zu sein und kein typisches SciFi-Alien-Horror-Streifen, muss man sowas nicht durchgehen lassen. Und natürlich muss blasphemiker zugestimmt werden, die Mafia hat die Sache mit dem Schließen eines Loops wirklich nicht gut durchdacht.
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