Kinodrama "Lore": Deutsches Mädel, deutsches Monster

Von Jörg Schöning

Woran glaubst du? An den Endsieg. Vor dem Hintergrund der NS-Verbrechen erzählt "Lore" die Coming-of-Age-Geschichte eines Mädchens, das in einer Zeit des Mordens auf die Welt und sich selbst trifft. Ein Film voller Schönheit und Schrecken über die vermeintliche Stunde Null in Deutschland.

Wolken wie bei Caspar David Friedrich. Und aus den Wiesen steigt weißer Nebel. Wunderbar!

Für ihre Darstellung der unmittelbaren Nachkriegszeit in Deutschland hat die australische Regisseurin Cate Shortland tief ins Bilderreservoir der Romantik gegriffen. Nicht durchs gewohnte Schwarz-Weiß-Grau der kriegszerstörten Städte muss sich ihre Filmheldin Lore schlagen, sondern durch üppig blühende Landschaften führt ihr Weg. Aus dem Schwarzwald bis auf eine norddeutsche Hallig folgt ihr der Film. Über blumenbestandene Wiesen, fruchtbare Äcker und zwischen Bäumen hindurch, die wie der deutsche Märchenwald wirken. Doch die Idyllen sind trügerisch. Von den Grimmschen Fantasien ist vor allem das Grauen geblieben.

Shortlands Film basiert auf dem 2001 veröffentlichten Roman "Die dunkle Kammer". Und wie dessen Verfasserin, die britische Autorin Rachel Seiffert, die aus einem englisch-deutschen Elternhaus stammt, besitzt auch die Regisseurin familiäre Verbindungen nach Deutschland. Die jüdische Familie ihres Mannes ist 1936 emigriert, seine Großmutter und deren Erzählungen haben die Regisseurin nicht unbeeindruckt gelassen.

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Nachkriegsdrama "Lore": Grimmsches Grauen
Der Glaube an den Endsieg

Dass sie die deutsche Historie anhand einer jugendlichen Protagonistin verhandelt, liegt nah: Nach diversen Kurzfilmen - darunter der programmatisch betitelte "Flowergirl" (2000) - hat Shortland schon in ihrem vielfach preisgekrönten Spielfilmdebüt "Somersault" (2004) die Lebenswelt einer Heranwachsenden in betörenden Bildern heraufbeschworen. Und so steht auch im Zentrum ihres neuen Film ein Coming of Age - allerdings in einer nahezu einzigartigen geschichtlichen Situation, bei einem extremen sozialen Status. Denn die Deutsche Hannelore laboriert an einem besonders schweren Fall von "Jugendirresein": Sie glaubt noch an den Endsieg.

Länger als ihre Eltern hält die 15-Jährige an diesem Glauben fest - selbst nachdem der Vater (Hans-Jochen Wagner), ein SS-Offizier aus der "Totenkopf"-Division, die Segel gestrichen hat und die Mutter (Ursina Lardi) ihm nach der Kapitulation freiwillig in die amerikanische Lagerhaft folgt. Zuvor erhält Lore (Saskia Rosendahl) als die Älteste von ihr den Auftrag, sich mit den vier Geschwistern, darunter ein Säugling, zur Großmutter (Eva-Maria Hagen) an die Nordsee durchzuschlagen. Denn nicht einmal fürs Tafelsilber ist bei den Bauern noch etwas Essbares aufzutreiben. Die Herrenvolksippe ist über Nacht zur familia non grata mutiert.

"Lore" spielt in einer hässlichen Zeit. Darum zeigt der Film hässliche Sachen. Doch der Schrecken und die Schönheit liegen hier nah beieinander. Und so folgt auf Lores Entdeckung eines Frauentorsos, der Spuren einer Vergewaltigung aufweist und wo sich auf Blutgerinnseln schon Fliegen und Ameisen tummeln, unmittelbar ein Moment der ästhetischen Verzauberung: In einem von rotem Licht durchfluteten Raum trifft Lore auf Thomas (Kai Malina), einen nur wenig älteren Jungen mit einer eintätowierten Nummer am Arm und Papieren, die ihn als Juden ausweisen.

Verlust von Jugend, Hoffnung, Menschlichkeit

"Schönheit und Schrecken" hat der schwedische Historiker (und Nobelpreisverkünder) Peter Englund seine Geschichte des Ersten Weltkriegs, "erzählt in neunzehn Schicksalen", betitelt. An diese Dichotomie hält sich die filmische Erzählung strikt. Wie Englund ist auch Cate Shortland weniger an den äußeren - objektiven - Faktoren des Krieges gelegen, als an der Erfahrungswelt der Menschen, ihren Eindrücken, Erlebnissen und Stimmungen. Was beide gleichermaßen betreiben - der eine auf mehr als 600 Seiten, die andere in oftmals betörenden Bildern - ist der Versuch, Mentalitäten abzubilden.

Englund schickt seinen Protokollen voran, ihm sei es nicht so sehr darum gegangen, "einen Ereignisverlauf zu rekonstruieren, sondern eine Gefühlswelt". Dies beschreibt auch das Anliegen Shortlands. Und wenn der schwedische Autor als Gemeinsames seiner so grundverschiedenen Protagonisten umreißt, "dass der Krieg ihnen etwas Entscheidendes raubt: ihre Jugend, ihre Illusionen, ihre Hoffnung, ihre Mitmenschlichkeit", dann ist damit das, was Lore als Folge des Zweiten Weltkriegs auf ihrer Odyssee widerfährt, ziemlich genau zusammengefasst.

Wie unterwegs erotische Neugier und rassistische Verblendung, Verantwortungsgefühl und persönliche Neigung Lores Handlungen bestimmen, haben Cate Shortland und ihr australischer Kameramann Adam Arkapaw in wohlkalkulierten Bildern ausgemalt. Der Welt der weißen Kniestrümpfe und hochgebundenen Zöpfe, die mit Führerverehrung und Holocaust-Leugnung korrespondiert, setzen sie eine flirrende Mädchenblüte entgegen. Manchmal mag es mit den Blumenmotiven etwas überhand nehmen, das ein oder andere Blümchenkleid allzu sehr nach Laura Ashley aussehen. Im entscheidenden Moment aber zeigt der Film seine Protagonistin ohne florale Verzierung - wenn sie zum Zweck des Fortkommens kaltblütig einen Totschlag provoziert, der ihre sozialdarwinistische Prägung offenlegt.

Ein Film wie "Lore" will keine historischen Analysen ersetzen. Doch kann Cate Shortlands Perspektive von den Antipoden eine Gefühlswelt erhellen, in der politisches "Bewusstsein" oft nicht mehr ist als ein unbewusstes Raunen. Wenn Lore und Thomas gemeinsam "Der Mond ist aufgegangen" summen, verbirgt sich hinter ihrer wortlosen Übereinkunft ein groteskes Missverständnis. Wie Lores Befreiung schließlich in einem Akt äußerster Zerstörung gipfelt, mag pathetisch erscheinen. Und doch passt er zu den hochtrabenden Ideologemen, mit der diese Jugend traktiert worden ist.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 35 Beiträge
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1. Coming-of-age
Metternich 30.10.2012
Mein Gott, SPIEGEL! Sie sind ein deutsches Magazin, dann schreiben Sie auch bitte Deutsch. Coming-of-age Geschichte: ich bitte um Erklärung! Und ehrlich gesagt, ich finde es schon etwas unverschämt, ständig mit anglo-amerikanischen Floskeln angeredet bezw. angeschrieben zu werden. In welchem Land leben wir eigentlich?
2. Coming-of-Age
monzaman 30.10.2012
Um diese grottig schlechte Formulierung zu vermeiden, hätte man ganz locker schreiben können: Vor dem Hintergrund der NS-Verbrechen erzählt "Lore" die Geschichte des Erwachsenwerdens eines Mädchens,..... Wäre das jetzt SO schwer gewesen?
3. Nützlichkeit
saarstudentin 30.10.2012
Zitat von MetternichMein Gott, SPIEGEL! Sie sind ein deutsches Magazin, dann schreiben Sie auch bitte Deutsch. Coming-of-age Geschichte: ich bitte um Erklärung! Und ehrlich gesagt, ich finde es schon etwas unverschämt, ständig mit anglo-amerikanischen Floskeln angeredet bezw. angeschrieben zu werden. In welchem Land leben wir eigentlich?
Es gibt Anglizismen, die peinlich sind und es gibt Anglizismen, die eine Bedeutungslücke schließen. Coming of age ist ein solcher Begriff, für den es keine genauso knackige deutsche Entsprechung gibt. Das ist ein Vorgang, der in einer lebendigen Sprache ständig passiert. Also keine Angst vor dem Untergang des Abendlandes, Sie Meckerer.
4. Herrjeh
boblinger 30.10.2012
Es gibt wirklich wenige Dinge die ich als peinlicher und nervtötender empfinde als dieses Herumgejammere über Anglizismen. Haben Sie sonst keine Probleme oder irgendetwas interessantes zum Thema beizutragen?
5. kalter Kaffee
tommuh 30.10.2012
den man nochmal durch den Filter hat laufen lassen könnte der Film auch heißen. Wie in fast allen ausländischen NS Zeit Filmen ist jeder Reichsbürger und Wehrmachtssoldat nein sogar der Briefträger und der Chef der Leibswäschestandarte des Führers ein hochrangiger Monokel tragener SS Offizier der Totenkopf Division und die obligatorische Liebesgeschichte zu einem Juden das soll jetzt nicht abwertend klingen sondern einfach nur klischeehaft darf auch nicht fehlen. Man muss diesen Film nicht mal sehen um zu wissen das er wohl zum sterben langweilig ist
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Lore

AUS, D, UK 2012

Regie: Cate Shortland

Buch: Cate Shortland, Robin Mukherjee nach dem Roman "The Dark Room" von Rachel Seiffert

Mit: Saskia Rosendahl, Kai Malina, Nele Trebs, Ursina Lardi, Hans-Jochen Wagner

Produktion: Rohfilm, Porchlight Films und Edge City Films

Verleih: Piffl Medien

Länge: 109 Minuten

Start: 1. November 2012