"Lost In Translation" Traumschiff Tokio

Sofia Coppolas heiter-melancholischer Film "Lost In Translation" zeigt zwei Menschen, die für einen kostbaren Moment aus ihren gewohnten Bahnen ausbrechen. Mit sensiblem Gespür für Atmosphäre und Zwischentöne hat die junge Regisseurin ein leises Meisterwerk geschaffen, in dem Bill Murray über sich selbst hinaus wächst.

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Schauspieler Murray in "Lost In Translation": Performance seines Lebens
Constantin

Schauspieler Murray in "Lost In Translation": Performance seines Lebens

Bob Harris und die junge Charlotte haben eigentlich nichts gemeinsam. Der alternde Filmstar, der wahrscheinlich ein paar stumpfe Action-Blockbuster zuviel gedreht hat, um noch Spaß an seinem Job zu haben, durchleidet eine Art sanfte Midlife Crisis. Sein Management schickt ihn für eine Woche nach Tokio, um einen Werbespot für eine japanische Whiskeymarke zu drehen und nebenbei zwei Millionen Dollar zu verdienen. Abgestumpft von der Alltagsroutine und gelangweilt von seiner Ehefrau, mit der er seit 25 Jahren verheiratet ist, heißt er den Trip in die Fremde zunächst gleichmütig willkommen.

Charlotte, eine 25-jährige Yale-Absolventin, ist ebenfalls auf Zwischenstation in der japanischen Metropole. Sie begleitet ihren Ehemann, einen hippen und hektischen Szene-Fotografen, der in Tokio ein Shooting mit einer Rockband absolvieren muss. Während er enthusiastisch von Termin zu Termin hetzt, harrt sie im Hotel aus und gerät ins Grübeln über sich, ihre Ehe und ihr zukünftiges Leben.

Scarlett Johansson als Charlotte: Schlaflos im Raumschiff Park Hyatt
Constantin

Scarlett Johansson als Charlotte: Schlaflos im Raumschiff Park Hyatt

Die beiden Protagonisten von Sofia Coppolas "Lost In Translation" begegnen sich erstmals in einem der Aufzüge des riesigen Luxushotels Park Hyatt. Harris und Charlotte stehen inmitten einer Gruppe kleinwüchsiger Asiaten. Sie ist blond, er so groß, dass er die Japaner auf groteske Weise überragt. Zwei Amerikaner in einer exotischen Umgebung. "Hallo" sagt er schüchtern zu ihr, die ihm flüchtig zulächelt. Es ist keine große Geste, und auch die Kamera behandelt den Augenblick eher unbeteiligt. Und doch setzt diese spröde, zaghafte Kontaktaufnahme zweier Reisender den Ton für einen Film, der gerade durch seine ostentative Zurückhaltung zu den zauberhaftesten Kinoerlebnissen seit langem zählt.

"Lost In Translation" beschreibt eine Situation, die wir vermutlich alle schon einmal erlebt haben. Eine Geschäftsreise, drei, vielleicht vier Tage in einem fremden Land, dessen Sprache und Gebräuche man nicht kennt. Das Hotel eine Burg, ein Hort westlicher Standards. Beruhigende Geräusche, die einen vor der Fremde beschützen sollen. Das Summen der Klimaanlage, das gedämpfte "Pling" der Aufzugglocke, wenn das Stockwerk mit dem immer gleich kontinental eingerichteten Zimmer erreicht ist. In der Hotelbar dominiertdunkles Holz, Beatles-Klassiker säuseln in sanfter Muzak. Doch es ist eine Welt, die einem ihre Vertrautheit nur vorgaukelt. Man fühlt sich losgelöst, ohne festen Halt, in einem Transit, an dessen Ende, man weiß es, wieder der übliche Trott stehen wird. Doch gerade das Prickelnde dieses Heraustretens aus dem Gewohnten, der Jetlag und die langen Phasen des Wartens - am Flughafen, am Taxistand, im Hotelzimmer - führt dazu, dass man auf solchen Reisen manchmal ganz plötzlich alles in Frage stellt.

Amerikaner in Asien: Harris (Bill Murray) begegnet Charlotte im Aufzug
Constantin

Amerikaner in Asien: Harris (Bill Murray) begegnet Charlotte im Aufzug

So geht es Charlotte und so geht es auch Harris. Ganz allmählich kommen sie sich im Verlauf ihrer verschiedenen Begegnungen näher, nachdem sie entdeckt haben, dass sie zwei verwandte driftende Seelen in diesem Raumschiff namens Park Hyatt sind. Sie verlieben sich ein wenig ineinander, stürzen sich erlebnishungrig in die exotische Kultur und Nachtwelt Tokios, spielen in ihren Köpfen mit dem Reiz der Unmöglichkeit, vielleicht miteinander durchzubrennen, ein neues Leben zu beginnen, statt in ein paarTagen ins alte zurückzukehren.

Es ist schwierig, dem zweiten Film der jungen Filmemacherin Coppola ein Genre zuzurechnen. Der Begriff Melodram mag passen, und doch ist "Lost in Translation" so voller Witz und geradezu alberner Situationskomik, dass die Schwere, die der Kategorie genügen würde, einfach nicht aufkommen will. So schwebt der Film mit seinen Charakteren in einem steten, ruhigen Fluss, einer faszinierend sinnlichen Trance, die immer wieder von verspielter Heiterkeit durchbrochen wird.

Karaoke in Tokio: Harris und Charlotte kommen sich singend näher
Constantin

Karaoke in Tokio: Harris und Charlotte kommen sich singend näher

Geschuldet ist dies vor allem dem überwältigendem Spiel Bill Murrays, der in seinem Bob Harris die Resignation des Alters und die Anarchiesucht der Jugend glaubhaft vereinigt. Es sind die lakonischen Blicke, wenn ihn nachts der Long-Distance-Call seiner Frau aus dem Hotelbett nötigt und ihn fragt, welche Farbe er für die neue Auslegeware in seinem Büro bevorzugt. Es ist das jungenhafte Lächeln, das über seine Lippen huscht, als Charlotte in einem schrägen Karaoke-Club verhuscht das Pretenders-Stück "Brass In Pocket" singt. Kurz darauf wird er selbst singen, eine hinreißend sarkastische Version von Roxy Musics "More Than This", und dem Zuschauer wird klar, dass der alte Hollywood-Recke weiß, dass sich seine zart-platonische Affäre in Fernost wohl kaum in die amerikanische Wirklichkeit übersetzen lassen wird.

Murray, der von Dampfhammer-Darbietungen bei "Saturday Night Live" über Klamauk-Rollen in "Ghostbusters" und Konsorten bis hin zu subtilen Schauspiel-Kleinoden in "Wild Things" oder "Rushmore" einen weiten Weg gegangen ist, liefert hier die Performance seines Lebens ab. Hinter den frotzelnden One-Linern, die er Harris bevorzugt über die Verschrobenheiten und das akzentreiche Englisch der Japaner abfeuern lässt, hinter allem himmelschreiend komischen Slapstick, mit dem er den Film durchzieht, verbirgt er ein subtiles Spiel mit der Melancholie des Plots. Murray macht seinen Bob Harris zu einem traurigen Clown, entwirft einen liebenswerten großen Kuschelbären ohne ihn auch nur eine Sekunde lang zu denunzieren.

Sofia Coppola, 32, die auch das Drehbuch schrieb und ihre Story mit unübersehbaren Parallelen zu ihrer eigenen Biografie würzte, verlässt sich ganz auf ihren Star und wird nicht enttäuscht. Wie es heißt, hatte sie sich von Anfang an auf Murray als Hauptdarsteller kapriziert. Ihn wollte sie, keinen anderen. Der Hollywood-Veteran ließ sich nach anfänglichem Zögern zum Glück auf das Abenteuer dieses kleinen, vier Millionen Dollar teuren Independent-Films ein. Als Belohnung scheint für ihn nun endlich ein Oscar in Reichweite zu sein.

Entdeckung Scarlett Johansson: Augenbrauen zum Fragezeichen geformt
Constantin

Entdeckung Scarlett Johansson: Augenbrauen zum Fragezeichen geformt

Doch auch mit der zweiten Hauptrolle tat die Filmemacherin einen Glücksgriff. Die erst 18-jährige Scarlett Johansson, Darstellerin der grüblerischen Charlotte, verfügt über eine natürliche Schönheit, eine unprätentiöse Grazie, die selbst dann noch erhalten bleibt, als Coppola Charlotte in einer mädchenhaft rosafarbenen Unterhose inmitten eines von Papierblumen übersäten Hotelzimmers herumfläzen lässt. Sie ist kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen. Mit leiser, spöttischer Verwunderung, den Kopf zur Seite geneigt, die Augenbrauen zum Fragezeichen geformt, erwärmt sie sich immer mehr für den älteren Mann, der ihr Vater sein könnte, sich aber wundersamerweise genauso verloren zu fühlen scheint, wie sie selbst.

Die amerikanischen Kritiker feierten "Lost In Translation", Coppolas zweite Regiearbeit nach der Romanverfilmung "The Virgin Suicides", als Entdeckung des Jahres. Zahlreiche Preise, darunter ein Golden Globe, vielleicht sogar ein Oscar für die beste Regie dürften ihr sicher sein. Und zu Recht, denn lange hat man keinen Film gesehen, in dem Timing, Musik, Atmosphäre und die sensibel pointierten Dialoge der Akteure so perfekt zusammenspielten.

Zum losen Fließenlassen der Geschichte liefert der Kameramann Lance Alcord ("Being John Malkovich") die richtigen, ruhenden Bilder. Im Hotel sind sie grobkörnig, gedämpft und abgefiltert, in den Nachtclubs der Großstadt sind sie grell und kühl. Nie drängt sich die Kamera auf oder tritt den Akteuren zu nahe. Der Zuschauer darf dem Spiel der Emotionen beiwohnen, der Blick in die letzte Intimität bleibt ihm jedoch verwehrt - so wie es auch zwischen Harris und Charlotte nicht zum letzten, körperlichen Akt kommt.

Am Ende gönnt Coppola ihren beiden Figuren sogar einen kurzen Moment der völligen Privatheit. Ihren letzten Dialog dürfen wir nicht hören, er bleibt uns selbst zum Ausmalen überlassen. Das ist vielleicht das größte Geschenk, das uns die Regisseurin mit ihrem wundervollen Film macht: Sie lässt der Phantasie genug Raum, der mit der eigenen Sehnsucht gefüllt werden kann. Man verliert sich gern in "Lost In Translation", auch wenn man weiß, dass die Lichter im Kinosaal irgendwann wieder angehen werden. Leider.


Lost In Translation


USA/Japan 2003. Regie/Buch: Sofia Coppola. Darsteller: Bill Murray, Scarlett Johansson, Giovanni Ribisi, Tina Faris. Produktion: American Zoetrope, Elemental Films, Tohokashinsha Film Company Ltd.. Verleih: Constantin. Länge: 105 Minuten. Start: 8. Januar 2004



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