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Trauerdrama "Louder Than Bombs": Drei Männer, allein zu Haus

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In "Louder Than Bombs" spielt Isabelle Huppert eine berühmte Kriegsfotografin, deren Tod ihre Familie zu zerreißen droht - weil Mann und Söhne nicht gemeinsam trauern können. Aber auch, weil sie einige Geheimnisse mit in den Tod nimmt.

Man will geliebte Menschen nach ihrem Tod in bester Erinnerung behalten. Doch was ist, wenn das Gedenken den Blick auf die eigene Existenz und die lebenden Nächsten verstellt? In seinem ebenso komplexen wie hellsichtigen Drama "Louder Than Bombs" zeigt der Norweger Joachim Trier, wie Hinterbliebene in ihrer individuellen Erfahrung des Verlusts auch aneinander zu verlieren drohen.

Triers erster englischsprachiger Film fasziniert dabei als ästhetische Auseinandersetzung mit den existenziellen Leerstellen menschlicher Erfahrung, die Kunst und Sprache vergeblich versuchen zu fassen zu bekommen. Zugleich berührt sein Film als emphatische, überraschend humorvolle Schilderung unseres Verlangens, diese schmerzhaft empfundenen Lücken mit Bedeutung zu füllen.

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"Louder Than Bombs": Als Mutter aus dem Krieg kam
Bedarf gibt es dafür genug in der dysfunktionalen Familienaufstellung, die Trier und sein langjähriger Co-Autor Eskil Vogt ins Zentrum ihrer Geschichte stellen: Vor drei Jahren verstarb die bekannte Kriegsfotografin Isabelle Reed (Isabelle Huppert) bei einem Autounfall und ließ ihren Mann Gene (Gabriel Byrne) sowie die Söhne Jonah (Jesse Eisenberg) und Conrad (Devin Druid) zurück.

Gene, der einst zugunsten von Isabelles Karriere und den gemeinsamen Kindern seine Schauspiellaufbahn abbrach, arbeitet als Lehrer an einer High School. Zu Hause bemüht er sich um ein vertrauliches Verhältnis zu Conrad, doch der wortkarge 15-Jährige verschanzt sich lieber in Computerwelten. Derweil hat der ehrgeizige Akademiker Jonah seit dem Tod der Mutter eine Professur angetreten und ist zudem gerade Vater einer Tochter geworden.

Enthüllungen über den Unfall stehen an

Als Isabelles ehemalige Agentur ihr Schaffen postum in einer Retrospektive würdigen will, kehrt Jonah ins Elternhaus zurück, um Fotos zu sichten. Erstmals seit der Tragödie sind die drei Männer wieder unter einem Dach vereint, doch von Innigkeit ist diese entfremdete Restfamilie weit entfernt. Die Sprachlosigkeit im Ostküsten-Haushalt wird noch verstärkt durch die Ankündigung von Isabelles altem Weggefährten Richard (David Straithairn), in einem Begleitartikel zur Ausstellung neue Details zu ihrem Tod veröffentlichen zu wollen.

Die Konfrontation mit einer traumatischen Vergangenheit verschränkt sich mit gegenwärtigen Konflikten der ungleichen Reed-Männer, die in ihrer jeweils eigenen Sicht der Dinge zu gänzlich unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen. Das zeigt sich in ihren abweichenden Erinnerungen an die verstorbene Partnerin und Mutter sowie in ihrer Kommunikation untereinander: In bester Absicht denken und reden Gene und seine Söhne oft aneinander vorbei, ohne dass sie sich dieser Fehlleistung bewusst wären.

Das führt zu dramatischen Missverständnissen, bisweilen aber auch zu hochkomischen Momenten in der virtuos verschachtelten Erzählung. Zwingend gelingt dies etwa, wenn Regisseur Trier dieselbe Szene aus zwei Blickwinkeln durchspielt und damit zwei völlig gegenläufige Interpretationen einer Situation nebeneinanderstellt.

Eine Familie, drei Solipsisten

Ohnehin gab es in den vergangenen zehn Jahren wenige Filmemacher, die vergleichbar kühn eine formale Experimentierfreude ins Erzählkino zurückgeholt haben. Triers Debütfilm "[:reprise]" ("Auf Anfang"), der ebenso zärtlich wie schonungslos die muntere Weltverachtung und todtraurige Verzweiflung junger Bohemiens in Oslo schildert, war 2006 eine schlicht atemberaubende Entdeckung: Hier gab es endlich eine nostalgiefreie Neuaneignung der Nouvelle Vague mit den Mitteln des Punk. Noch radikaler und vollendeter widmete sich Trier der verheerenden Verkapselung des Einzelnen in "Oslo, 31 August" (2011), der in unerbittlicher Klarheit den Abschied eines jungen Mannes aus dem Leben zeigt.

In "Louder Than Bombs" greifen Trier und Vogt Motive dieser vorherigen Erzählungen auf: die emotionale Unbehaustheit bürgerlicher Existenzen und die Unzulänglichkeiten von Sprache und Kultur beim Versuch, eine gemeinsame Erfahrung zu schaffen - all das findet sich bei den Reeds wieder, deshalb funktioniert Triers Inszenierung auch auf dem neuen Kontinent.

Und doch sind Oslo und die USA nicht nur einfach unterschiedliche Schauplätze der gleichen subjektkriselnden, post-postmodernen Misere. Denn im Gegensatz zu Triers europäischen Einzelgängern findet sein amerikanisches Solipsisten-Trio trotz unauflösbarer Widersprüche zu einem lebensbejahenden common sense.

So ist "Louder Than Bombs" offener, vielleicht zerfaserter, aber mit Sicherheit versöhnlicher als Triers Vorläufer, und bietet am Ende der Trauerarbeit wahrhaften Trost.

Im Video: Der Trailer zu "Louder Than Bombs"

Louder Than Bombs

Norwegen , Frankreich , Dänemark 2015

Regie: Joachim Trier

Drehbuch: Eskil Vogt, Joachim Trier

Darsteller: Isabelle Huppert, Gabriel Byrne, Jesse Eisenberg, Devin Druid, Amy Ryan, David Strathairn, Ruby Jerins, Rachel Brosnahan

Produktion: Arte France Cinéma

Verleih: MFA

Länge: 109 Minuten

FSK: 12 Jahre

Start: 7.Januar 2016

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