Filmporträt von Beach Boy Wilson Das Leben des Brian

Wie viele Schauspieler braucht man, um ein Pop-Genie wie Beach Boy Brian Wilson darzustellen? Bill Pohlad leistet sich gleich zwei für sein meisterliches Musiker-Porträt "Love & Mercy".

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Wenn man Brian Wilson heute auf der Bühne sieht, wirkt er wie ein sanfter Riese, ein melancholischer Bruder des Bären Balu aus dem "Dschungelbuch" im bunten Hawaiihemd. "Sogar die fröhlichen Songs sind traurig", wirft ihm Mike Love, in den Sechzigern Mitglied der Beach Boys, ungeduldig in einer Szene von "Love and Mercy" vor - und bringt das Geniale in Wilsons Kunst unfreiwillig auf den Punkt.

Als Kind wurde Wilson von seinem Vater, dem späteren Manager der Familienband Beach Boys, so heftig verprügelt, dass er auf einem Ohr taub blieb. In Bill Pohlads Musiker-Porträt, in dem vieles anders ist als in klassischen Biopics, begegnet man Wilson erst, als er schon ein junger Mann ist, der Film beginnt mit einer wilden Fahrt durch seinen Gehörgang. Dort spielen sich spektakuläre Dinge ab: "Ich höre Stimmen", sagt Wilson später, als er viel älter ist, "seit 1963."

Doch nicht nur Dämonen suchen den Musiker in Form von Geräuschen und Halluzinationen heim, er hört auch die himmlischen Töne jener zauberhaften Musik, die sich unter anderem in seinem Meisterwerk, dem Beach-Boys-Album "Pet Sounds" von 1966 manifestiert.

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"Love & Mercy": Dämonen im Ohr
Wie nähert man sich einem solchen Titanen, der damals als geistesgestört galt, heute aber in einem Atemzug mit den Großen des American Songbooks genannt wird: Irving Berlin, den Gershwins, Hoagy Carmichael? US-Schauspieler Paul Dano wollte jede Form von Mimikry verhindern, erzählt er im Interview: "Ich wollte Brian nicht gleich am Anfang treffen. Ich wollte erst meine eigene Recherche betreiben, mein eigenes Gefühl zu seiner Person, seinem Gemüt entwickeln. Letztlich war dann die Musik der Schlüssel zu seinem Charakter, nicht so sehr sie zu hören, sondern zu lernen, sie zu singen und zu spielen. Brian lebt in seiner Musik. Wenn man ihn finden will, dann dort."

"Taka-ta, taka-ta, taka-ta, taka-ta!"

Dano, 30, der in Filmen wie "There Will Be Blood" und "12 Years A Slave" als brillanter Nebendarsteller glänzte, spielt in "Love & Mercy" seine erste Hauptrolle. Er verkörpert den jungen Brian Wilson, der auf dem Zenit des Beach-Boys-Erfolgs Mitte der Sechziger feststellt, dass er zu Größerem als schnödem Surf-Pop berufen ist: Was Lennon und McCartney mit "Rubber Soul" vollbrachten, könne er locker toppen, sagt er zu Love und seinen Brüdern Carl und Dennis. Statt mit ihnen auf Japan-Tournee zu gehen, vergräbt er sich mit einem ganzen Orchester im Studio, um an "Pet Sounds" zu arbeiten - es ist das Ende der Band und der Beginn seines besten Schaffens.

Dano meistert die schwierige Balance zwischen Wilsons kindlichem Staunen über die musikalischen Einflüsterungen und den Qualen seiner Ängste und psychischen Heimsuchungen mit Bravour, ohne jemals die Figur mit ihrem rundlichen Kindergesicht und vorgestrecktem Schmerbauch zu denunzieren. Regisseur Bill Pohlad wiederum gelingt es, den Prozess des Komponierens vom ersten Ton bis zur fertigen Orchesterversion mit Klängen (Score: Atticus Ross), Bild-Montagen und Impressionen in kongenialer Weise auch emotional nachvollziehbar zu machen.

Große Teile des Films spielen im Originalstudio der Beach Boys, einem engen Raum, den Wilson immer mehr mit Musikern zustellt: Schlagzeugern, Bläsern, Gitarristen, sie alle sollen umsetzen, was er in seinem Kopf hört - und zwar möglichst originalgetreu. "Taka-ta, taka-ta, taka-ta, taka-ta!" sollen die Cellisten spielen, als würden sie das hackende Geräusch eines Helikopter-Rotors imitieren. Stundenlang müssen sie es immer wieder üben, bis es perfekt ist. Nachzuhören ist dieser besondere, komplett analog eingespielte Sound in "Good Vibrations".

Der Song wird ein Hit, aber die Zeit ist nicht reif für die vielschichtigen, komplexen Klangvisionen Wilsons, die Welt von 1965 weiß nicht, wie sie mit seinem Genie, seinem erratischen Verhalten umgehen soll. Er ist ein früher Psychedeliker, der eigentlich keine Drogen braucht, um high zu sein, als er dann doch LSD nimmt, verwischen die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit zunehmend. Nur wenig später wird Brian Wilson so sehr unter seinen Depressionen leiden, dass er drei Jahre lang sein Bett nicht verlässt.

Melinda, die Retterin

Bill Pohlad erzählt all das, aber er erzählt es nicht linear, als stringente Geschichte von Jugend, Verwirrung, Absturz und Katharsis, sondern als Collage, die sich nach ihrem eigenen Rhythmus zusammensetzt. Von Beginn an werden die Instagram-Filter-bunten Bilder aus den Sechzigern mit graublauen Sequenzen aus den Achtzigern gegengeschnitten - jener bleiernen Zeit, als Wilson unter der Kontrolle des machtbesessenen Psychologen Eugene Landy (teuflisch: Paul Giamatti) stand und mit Medikamenten vollgepumpt wurde. Nicht Dano spielt ihn in dieser autistischen Phase, sondern John Cusack ("High Fidelity"), manchmal leider mit einem Touch zu viel "Rain Man".

Viel Musik-Fachsimpelei, zwei Schauspieler für ein und denselben Charakter, eine nicht chronologische Erzählweise - an vielem hätte der als Produzent ("12 Years A Slave", "Brokeback Mountain"), aber nicht als Regisseur versierte Pohlad scheitern können, doch nicht zuletzt durch das dramaturgische Geschick des Drehbucha utors Oren Moverman ("I'm Not There") ergibt sich am Ende von "Love &Mercy" ein vielleicht nicht definitives, aber zumindest stimmiges Bild des Enigmas Brian Wilson, der, gemeinsam mit seiner Ehefrau Melinda Ledbetter, Pohlad beim Dreh unterstützte.

Melinda spielt in den Cusack-Teilen des Films die Hauptrolle, Elizabeth Banks gibt die bildhübsche, aber alleinstehende Cadillac-Verkäuferin, die sich in den merkwürdigen Kauz verliebt, mit hinreißend zwischen Skepsis und Sweetness austariertem Spiel und viel Sinn für die Frisurmode der Achtziger. Dadurch aber, dass ihre Figur die einzige im ganzen Film ist, die Wilson so liebt und schätzt, wie er ist, wird sie zur Stellvertreterin des Zuschauers und deutet die Ereignisse, die letztlich zur Befreiung aus Landys Fängen führen, durch ihre Augen.

Diese hagiografische Darstellung Melindas als liebend-verständnisvolle Retterin, die dem armen, verwirrten Brian zu Hilfe eilt, ist das Einzige, was in diesem ansonsten meisterlichen Musiker-Porträt einen faden Beigeschmack hinterlässt. Man ahnt, dass dieses vorläufige Happy End einer bewegten Lebensgeschichte noch weitaus mehr Facetten hat.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Love & Mercy"

Love & Mercy

USA 2014

Regie: Bill Pohlad

Drehbuch: Oren Moverman, Michael A. Lerner

Darsteller: Paul Dano, John Cusack, Elizabeth Banks, Paul Giamatti, Jake Abel, Max Schneider

Produktion: John Wells Productions

Verleih: Studio Canal

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 6 Jahren

Start: 11. Juni 2015

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
j.w.pepper 10.06.2015
1. Wovon sprechen Sie hier?
In der IMDb finde ich keinen anderen Film namens "Love & Mercy". Mal abgesehen davon, dass der Titel für einen christlich-religiösen Film ziemlich einfallslos wäre.
chuckal 10.06.2015
2. Kapier ich nicht
Diese Brian Wilson Verehrung für ein angebliches Meisterwerk wie PET SOUNDS verstehe ich schon seit 30 Jahren nicht. Dafür bin ich schlicht zu banausig. Ich höre da kein Meisterwerk, sondern diesen unangenehmen Beach-Surfin-Sound, den erst die RAMONES auf einen Punkt gebracht haben. Man belehre mich bitte. Was kann ich tun oder hören, dass ich auch endlich in die SPEX-Welt gehöre und Brian Wilson ein Genie finde?
sekundo 10.06.2015
3. wer die
Zitat von chuckalDiese Brian Wilson Verehrung für ein angebliches Meisterwerk wie PET SOUNDS verstehe ich schon seit 30 Jahren nicht. Dafür bin ich schlicht zu banausig. Ich höre da kein Meisterwerk, sondern diesen unangenehmen Beach-Surfin-Sound, den erst die RAMONES auf einen Punkt gebracht haben. Man belehre mich bitte. Was kann ich tun oder hören, dass ich auch endlich in die SPEX-Welt gehöre und Brian Wilson ein Genie finde?
ramones mit den beach-boys vergleicht, dem ist beim besten willen nicht mehr zu helfen!
W. Robert 10.06.2015
4. Ba ba ba...
"Das Leben des Brian" ist eben ein Monthy Python-Film, den man gut oder auch weniger gut finden kann. Nö, hier geht es um Brian Wilson und die Beach Boys. Zum Arikel: Damals gab es nur Analog-Technik, vier Spuren waren schon Hi-Tech, und wie die Beatles damit Sgt. Pepper gebastelt haben ist einfach unglaublich. „Pet Spunds“ war wohl die Antwort auf „Rubber Soul“, aber eigentlich haben sich alle Bands dieser Epoche permanent gegenseitig beeinflusst. So meldete Chuck Berry erfolgreich die Urheberrechte an Surfin U.S.A. an. Der ganze „Beat“ war letztlich geklaut, wenn man es böse ausdrücken willl. Faszinierend an den Beach Boys ist eben das Gesangsarrangement. Für die Aufnahme stand den Beach Boys schon eine Achtspurmaschine zur Verfügung, damit wurden komplexere Abmischungen erst ermöglicht. „Pet Sounds“ war kein all zu großer kommerzieller Erfolg, der Kultstatus kam erst später. http://www.clashmusic.com/feature/classic-album-the-beach-boys-pet-sounds Genau betrachtet galten die Beach Boys bald als „bubble gum music“, während die Beatles als große Künstler gefeiert wurden. Und auf LSD waren sie alle, Dylan, Beatles, Stones, Beach Boys, das war eben Mode. Das hat ja auch zu einiger Verwirrung geführt, mit der „kompakten“ Popmusik war es jedenfalls vorbei und die Ära der wabernden Sphären begann. Irgendwie tingeln die Beach Boys immer noch herum, die Relevanz hält sich aber in engen Grenzen. Die alten Hits sind natürlich Evergreens.
AliceAyres 10.06.2015
5.
Zitat von sekundoramones mit den beach-boys vergleicht, dem ist beim besten willen nicht mehr zu helfen!
Die Ramones haben die Beach Boys über die Maßen verehrt. Noch nie „Rockaway Beach“ oder die zahlreichen Cover gehört?
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