3D-Film "Love" Sex. Und noch mal Sex. Und noch mal.

Mit dem 3D-Sex-Drama "Love" fährt Skandalregisseur Gaspar Noé eine Nummernrevue der expliziten Art auf. Danach sollen Frauen weinen und Männer erregt sein - oder umgekehrt.

Alamode

Sex ist Kommunikation mithilfe des Körpers. In der Anfangsszene von Gaspar Noés neuem Film "Love" schaut man einem Pärchen minutenlang dabei zu, wie es selbstvergessen kommuniziert: Ein junger Mann masturbiert seine Freundin, während sie ihn masturbiert.

Beide greifen in den anderen Körper, der auch für den Zuschauer zum Greifen nah ist - Noé hat in 3D gedreht. Sonst passiert nichts, denn damit ist alles gesagt. Nur auf der Tonspur läuft klassische Musik, die den Ernst der Situation - nichts tötet Lust mehr als Kichern an der falschen Stelle - gebührend untermalt. Und fast ein wenig zu feierlich das Banale und Weise ankündigt, das Noé sagen will: welche Bedeutung die Liebe hat.

"Es sollte noch mehr Worte geben für Liebe", sagt Regisseur Noé, klein, kahl, kühner Daltons-Schnauzer im Gesicht und kaltes Bier in der Hand, in einem Berliner Hotel. Die Art von Liebe, die er Murphy (Karl Glusman, "Stonewall") und dessen Exfreundin Electra (Aomi Muyock) in seinem Film mitgibt, ist sehr physisch. "Sie macht körperlich abhängig, genau wie eine Droge", so Noé.

Noés zeigefreudige Freunde

Seine Hauptfigur Murphy ist ein junger, egomaner Amerikaner in Paris, der anlässlich eines Anrufs aus seiner Vergangenheit an seine Exfreundin, jene Electra denken muss, und sich beim Erinnern - erst verkatert, später auf Drogen - weit weg von seiner aktuellen Beziehung mit Kind wünscht. "Die Figur ist ein Mix aus meinen Freunden und mir", sagt Noé, und behauptet, dass seine (zeigefreudigen) Freunde alle scharf auf die Hauptrolle im Film waren, "damit sie ihren Schwanz zeigen können".

Murphys Erinnerungen werden schnell zu einem genau durchstrukturierten Trip - in regelmäßigen Abständen lässt Murphy den Sex mit Electra Revue passieren, und Noé visualisiert dies: Nummern allein zu zweit, Nummern im Swingerclub, die Nummern, die Meinungsverschiedenheiten folgten, die Nummern mit der attraktiven Nachbarin Omi (Klara Kristin), die Murphy später zu einem casual Stelldichein bittet, ohne Electra davon zu unterrichten.

Omi (der weibliche Vorname wird eigentlich "Omie" geschrieben) wird schwanger, das beendet die Beziehung zwischen Murphy und Electra. Über allem liegt Murphys Voice-Over, in dem der Filmstudent als meist verkaterter Loser abwechselnd seine Pärchengefängnissituation oder seine Sehnsucht nach Electra bedauert. Zwischendrin werden (Streit-)Gespräche auf der Grundlage eines siebenseitigen Drehbuchs improvisiert, wie der Regisseur erklärt.

Porno oder provokant ist es nicht, was Noé da im Kino zeigt - weder qua offizieller Definition, noch vom Gefühl her. "Love" ist nur ein Film mehr, der nicht nach dem Kuss schneiden will, oder den Sex, der für die Geschichte passieren muss, gschamig unter BHs und Bettdecken, in der Dunkelheit oder außerhalb von Kameraausschnitten verbirgt.

Versöhnlich und niedlich

Vor "Love" gab es explizite Szenen - neben vielen kleinen Indieproduktionen und Werken an der Schnittstelle zwischen Porno und Erzählfilm - beispielsweise schon bei "Blau ist eine warme Farbe" über eine große, körperliche, lesbische Liebe. Steve McQueen portraitierte in "Shame" einen Mann, der einen Großteil seines Lebens mit Sex verbringt, und versteckte seinen Hauptdarsteller Michael Fassbender dabei nicht. Lars von Trier bildete in "Nymphomaniac" die Bemühungen einer Frau (Charlotte Gainsbourg) um Befriedigung ab - so technisch genau wie sinnlich und intellektuell.

Für das Publikum sollen die Sexszenen in "Love" einfach nur real sein, erklärt Noé. So freizügig seine Schauspieler mit ihren Körpern umgehen, so wenig unterscheidet sich sein Film in den Motiven von der Norm: schönes Heteropärchen, dessen Sex durch Rein-Raus-Ejakulation bebildert wird. Allein strukturell funktioniert "Love" durchaus: "Meine Freunde brachten mich darauf, dass der Film wie ein Musical konzipiert ist - wo dort die Songs kommen, sind bei mir die Sexszenen", erklärt Noé.

Zwischen einige Szenen hat er betont langsame Schwarzblenden gesetzt, die wirken, als ob die Kamera blinzle. Manchmal tauchen diese Blenden auch inmitten einer Szene auf. "So kann man bei 3D eleganter schneiden, und ich wollte an eine Diashow erinnern" sagt Noé, der visuell schon in seinem psychedelischen Drogendrama "Enter the Void" von 2009 mit Effekten spielte, und keine Angst vor halluzinatorischen Bildern hatte.

Ejakulation ins Gesicht der Zuschauer

Vor Provokation, vor expliziter und ausufernd inszenierter Gewalt ebenso wenig: In Noés 1998 entstandenem, brutalen und brachial-beeindruckenden Film "Menschenfeind" wurde unter anderem einer Schwangeren in den Bauch geschlagen. Im kontrovers diskutierten "Irreversibel" von 2002 schaut man minutenlang einer Vergewaltigung mit anschließendem Verprügeln zu, bis das Opfer halbtot im Koma liegt.

Dagegen wirkt "Love" versöhnlich und niedlich. Statt durch Gewalt sprechen durch Liebe erregte Körper, und sie sind deutlich: "Ich dachte, es sei lustig, den Cumshot tatsächlich als 3D-Shot zu inszenieren", erklärt Noé und lässt Murphys Schwanz in Großaufnahme mitten in die Kamera, also mitten in die Gesichter der Zuschauer, ejakulieren.

Das kollektive Kino-Facial ist dennoch nicht der - aus heteronormativen Pornos bekannte und darum nur mäßig provokante - sichtbare Höhepunkt. Sondern einfach nur eins von vielen Bildern aus dem sich langsam verändernden Sex-Diaporama mit drei hübschen jungen Menschen, die im Laufe des Films immer langweiliger für den Zuschauer werden: Sex-Kitten Electra räkelt sich entweder, oder schreit herum wie das Klischee einer launischen Französin, Omi gibt wahlweise Stöhnen oder Vorwürfe von sich, und Murphy findet nicht heraus aus seinem Selbstmitleid, und fleht im Kopf sogar sein kleines Kind an, ihm zu helfen.

Sex als Dekor

Mit seinen erotischen Episoden bemüht sich Noé immerhin, echt aussehenden Sex zu feiern und blendet nicht schamhaft ab oder zeigt Ersatzbilder von Laken und Hintern, wenn es zur Sache geht. Nichtsdestotrotz wirken diese Bilder klischeehaft und durch Musik, Licht und Körperauswahl genormt. Zur Erregung sind die Sexszenen höchstens retrospektiv zu gebrauchen (es sei denn, man hat Spaß an der Kino-Gruppensituation), und auf die Dauer werden sie immer unsinniger.

Hatten sie anfangs in all ihrer schönen, feuchten Ausführlichkeit noch eine erzählerische Funktion, so schnurren sie nach einer Weile auf etwas rein Dekoratives, leicht sexuell Mitsummendes zurück - wie nach dem Orgasmus während des Pornoguckens, wenn man den Rest des Clips ausschalten möchte.

Die Nacktszenen seien "näher an den Charakteren dran, die Dialoge eher anekdotisch", findet Noé dagegen. Frauen fühlten sich, erklärt er weiter, nach seiner Erfahrung von dem Film eher angemacht, Männer dagegen kämen weinend aus dem Kino - "dabei haben wir das andersherum erwartet!"

Doch wirklich nahe kommt man niemandem der drei Partytiere. Man macht sich höchstens so seine Gedanken, wie eitel ein Regisseur sein muss, der seine Protagonisten beim Namenfinden für das ungeborene Kind ausgerechnet seinen eigenen Vornamen "Gaspar" aussuchen lässt.

Mit "Love" hat Noé sich von seinem schwierigen, aber teilweise nachvollziehbaren Weg der Provokationen entfernt - denn mit dem Film macht er weder einen echten Diskurs auf, noch sind solche Bilder im Kino tatsächlich neu. Vielleicht können die offenherzigen Tableaus dennoch dazu beitragen, dass der Umgang mit kinematographischer Sexualität endlich die prüden "50 Shades"-Pfade, die Nudity-Klauseln und Hand-krallt-sich-ins-Kissen-Orgasmus-Symbole hinter sich lässt.

Im Video: Der Trailer von "Love"

Love

Frankreich, Belgien 2015

Drehbuch und Regie: Gaspar Noé

Darsteller: Karl Glusman, Aomi Muyock, Klara Kristin, Juan Saavedra, Vincent Maraval

Produktion: Les Cinémas de la Zone, Rectangle Productions, Wild Bunch, RT Features

Verleih: Alamode Film

Länge: 140 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Start: 26. November 2015

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Ungarn 26.11.2015
1. Sex, Sex mit Elektra ...
Irre ich mich ? Oder geht es um DIE Elektra von Richard Strauss, die ich mir gestern abend wolllüstig in livestreaming direkt aus der Wiener Staatsoper angeschaut habe ? " Sex " hat dabei fast 2 Stunden unausgesetzt gedauert ? Ohne Überinterpretation ... Ohne dass es einem Weh tut ....Viel Spaß ....
P.Delalande 26.11.2015
2.
Wieder einmal vermisse ich so etwas wie ein Lektorat bei SpOn, das die Lesbarkeit dieses Artikels soweit verbessern könnte, dass man nicht andauernd Sätze zweimal lesen muss um deren Aussage zu erfassen.
Ikarus Schmidt 26.11.2015
3.
Ich musste keinen Satz zweimal lesen und finde den Artikel auch sprachlich gut. Die Beschreibung "Nur retrospektiv erregend" ist beispielsweise eine sehr gelungene Formulierung.
uzsjgb 26.11.2015
4.
Zitat von P.DelalandeWieder einmal vermisse ich so etwas wie ein Lektorat bei SpOn, das die Lesbarkeit dieses Artikels soweit verbessern könnte, dass man nicht andauernd Sätze zweimal lesen muss um deren Aussage zu erfassen.
Warum einen guten Schreibstil vereinfachen?
P.Delalande 26.11.2015
5.
Zitat von Ikarus SchmidtIch musste keinen Satz zweimal lesen und finde den Artikel auch sprachlich gut. Die Beschreibung "Nur retrospektiv erregend" ist beispielsweise eine sehr gelungene Formulierung.
Sie mögen solche Sätze ja für große Literatur halten, ich halte diese schlicht für eine Zumutung an den Leser: "Seine Hauptfigur Murphy ist ein junger, egomaner Amerikaner in Paris, der anlässlich eines Anrufs aus seiner Vergangenheit an seine Exfreundin, jene Electra denken muss, und sich beim Erinnern - erst verkatert, später auf Drogen - weit weg von seiner aktuellen Beziehung mit Kind wünscht."
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