Erfolgsproduzent Greg Berlanti Der Revolutionär

Greg Berlanti produzierte Erfolgsserien wie "Dawson's Creek" und "Riverdale" - nun hat er einen Ausnahmefilm gedreht: "Love, Simon" ist Hollywoods erster Teeniefilm um eine schwule Liebe.

20th Century Fox

Gäbe es im Serienfernsehen eine WM, wäre Greg Berlanti Titelverteidiger. Gleich acht Serien gleichzeitig hat der Produzent in diesem Frühjahr auf unterschiedlichen Kanälen und Plattformen auf Sendung gehabt, darunter "Arrow", "Supergirl" und "Blindspot".

Allerdings ist Berlanti nicht nur Serienmogul, sondern auch leidenschaftlicher Filmemacher. 18 Jahre nach seinem Regiedebüt "Der Club der gebrochenen Herzen" kommt nun mit "Love, Simon" sein dritter Film ins Kino - Hollywoods erster Teeniefilm um eine schwule Liebe. "Ich hätte nichts dagegen gehabt, über die Jahre häufiger fürs Kino zu arbeiten", sagt er. "Aber es war das Fernsehen, das mir die Gelegenheit gab, die Geschichten zu erzählen, die mich am meisten interessierten."

Was Diversität angehe, habe das Kino lange hinterher gehinkt, so Berlanti. "Außerdem gab es vor 15 Jahren noch einen gewissen Snobismus gegenüber Serien. Wer dort erfolgreich war, hatte es beim Film schwer."

Greg Berlanti
Imago/ Independent Photo Agency

Greg Berlanti

Seinen Siegeszug durchs US-Fernsehen begann der 46-Jährige bereits in den Neunzigerjahren: Damals stieß er zum Autorenteam der Teenieserie "Dawson's Creek" dazu, später stieg er zum Showrunner auf. Anschließend schuf er Serien wie "Brothers and Sisters" oder "Dirty Sexy Money". 2012 entdeckte er die Welt der Superhelden für sich, doch auch den Highschool-Seifenopern bleibt er weiter treu, seit zwei Staffeln produziert er die Teenie-Noir-Serie "Riverdale". Demnächst folgt auf Netflix eine Neuauflage von "Sabrina - Total verhext!".

Allein ins Kino? Nie!

"Love, Simon" jetzt, die Verfilmung des Romans "Nur drei Worte" von Becky Albertalli, ist - wie alle Arbeiten Berlantis - eine klar am Massengeschmack ausgerichtete Angelegenheit. Die Geschichte von Simon (gespielt von Nick Robinson), einem Schüler in einem amerikanischen Vorort, erzählt Berlanti als klassische Highschool-Komödie: amüsant, sympathisch, ohne allzu große Überraschungen, dafür inklusive zahlreicher rührseliger Momente. Mit dem entscheidenden Unterschied allerdings, dass Simon schwul ist.

Zunächst versucht Simon noch, das geheim zu halten. Allein in einem anonymen Chat kann er sich einem Mitschüler öffnen - und verliebt sich prompt per E-Mail. Doch ein anderer bekommt Wind von den Mails, er droht Simon mit dem Zwangsouting, wenn er ihn nicht mit seiner besten Freundin verkuppelt. Und während Simon das zu bewerkstelligen versucht, bleibt das Rätsel, wer sein heimlicher Online-Schwarm ist, weiter ungelöst.

"Love, Simon" ist für Berlanti, der mit dem ehemaligen amerikanischen Fußballnationalspieler Robbie Rogers verheiratet und Vater eines Sohnes ist, seine bislang persönlichste Arbeit. "Es wäre für mich enorm wichtig gewesen, wenn es einen solchen Film in den Achtzigern gegeben hätte. Allerdings hätte ich mich im Leben nicht getraut, ins Kino zu gehen. Ich hätte viel zu viel Angst gehabt, dass mich jemand sieht", sagt er, der selbst er erst während des Collegestudiums einen Weg fand, offen mit seiner Homosexualität umzugehen.

"Beim Lesen des Drehbuchs war ich ein wenig irritiert, warum ausgerechnet eine harmlose Teenieromanze in mir so heftige Gefühle auslöst. Aber dann wurde mir klar, dass es hier um Repräsentation ging. Ich hatte mich selbst tatsächlich noch nie in einem solchen Film wiedergefunden."

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"Love, Simon": Fast wie alle anderen

Dass es eine kraftvolle Erfahrung sein kann, sich selbst auf der Leinwand oder dem Bildschirm repräsentiert zu sehen, ist für Berlanti keine neue Erkenntnis. Schon bei "Dawson's Creek" war er es, der die Figur des schwulen Teenagers Jack etablierte - und mit ihr Fernsehgeschichte schrieb. "Wir führten Jack in der zweiten Staffel ein, und als der Sender nach deren Ende wollte, dass ich die Leitung der Serie übernehme, hatte ich eine Bedingung: Ich wollte endlich den ersten echten Kuss zwischen zwei Männern im US-TV zeigen", erinnert er sich. "Das gab jede Menge Zoff. Aber als ich meine Kündigung einreichte, merkten sie, wie ernst es mir ist, und ich konnte meinen Wunsch durchsetzen."

"Zu schwul oder nicht schwul genug"

Noch immer, so sagt er, verspüre er eine Verantwortung, in seinen Produktionen für eine gewisse LGBTQ-Repräsentation zu sorgen, wovon zahllose schwule, lesbische, trans- und bisexuelle Figuren zeugen, die sich in seinen Serien von "The Flash" und "Black Lightning" bis "Detective Laura Diamond" oder "Blindspot" finden lassen, ohne dass dort viel Aufhebens darum gemacht wird. Daran, dass er es trotzdem nicht allen recht machen kann, hat er sich dabei längst gewöhnt: "Egal, was ich im Laufe meiner Karriere gemacht habe: Es war immer irgendwem zu schwul oder nicht schwul genug."

Dass nun "Love, Simon" gelegentlich vorgeworfen wird, zu zahm zu sein, ficht Berlanti entsprechend nicht an: "Wir haben in den USA Premieren im ganzen Land veranstaltet, und es hat mich sehr bewegt zu sehen, wie dankbar viele Kids waren, dass sie so einen Film bei sich im Kino in dem Einkaufszentrum sehen können, in dem sie jedes Wochenende herumhängen. Für sie - und für mich - ist es eine ziemlich fantastische Sache mitzuerleben, wie der ganze Kinosaal, von jung bis alt, homo bis hetero, unser Happy End bejubelt."

Die Relevanz eines solchen Films schätzt Berlanti immer noch hoch ein: "Auch heute gehört für viele Jugendliche noch eine gute Portion Mut dazu, sich vor ihren Klassenkameraden als nicht heterosexuell zu outen", ist er sich sicher. "Mein Ziel mit 'Love, Simon' war es, LGBTQ-Kids ein Gefühl von Zugehörigkeit und Sichtbarkeit zu vermitteln. Und gleichzeitig wollte ich allen anderen zeigen, dass unsere Geschichten sich von ihren eigentlich kaum unterscheiden. Verknallt sein, an gebrochenem Herzen leiden, herausfinden, wer man ist und wie man das der Welt mitteilt - all das sind Erfahrungen, die fast alle Jugendliche unabhängig von ihrer Sexualität machen."


"Love, Simon" startet am 28. Juni in den deutschen Kinos


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