Ausnahmefilm "Love Steaks" Direkt und fiebrig

Wilde Liebesgeschichte, aber auch genaues Porträt deutscher Arbeitswelt: "Love Steaks" ist die Art Film, die dem deutschen Kino lange gefehlt hat - eine aufregende Tragikomödie jenseits von platten Komödien und strengem Kunstfilm.


Set-Despoten wie Stanley Kubrick oder Alfred Hitchcock liebten es, ihre Darsteller mit endlosen Wiederholungen in die völlige Erschöpfung zu treiben. Die Beschreibung der Dreharbeiten mit dem Nachwuchsfilmemacher Jakob Lass klingen dagegen ziemlich entspannt. Bei seinem zweiten Langfilm "Love Steaks" drehte der 33-jährige nicht länger als acht Stunden am Tag, jedes Teammitglied durfte Vorschläge einbringen, und alle machten gemeinsam Sport. Ziel war ein kreativer Flow, und der hat sich ganz offensichtlich eingestellt: "Love Steaks" ist eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Filmlandschaft, ein aufregender und witziger Film, einer, der ebenso kunstvoll wie realitätsgesättigt ist - und der auch noch ganz ohne Fördergelder entstanden ist.

Jakob Lass erzählt die Geschichte von Lara (Lana Cooper) und Clemens (Franz Rogowski). Der tritt in einem Kurhotel an der Ostsee eine Stelle als Masseur an, sie macht dort eine Ausbildung in der Küche. Die beiden verlieben sich. Oder so ähnlich. Beginnen zumindest ein Verhältnis. Die laute Lara gibt den Ton an. Der sanfte, schüchterne Clemens wischt ihr die Kotze aus dem Gesicht, wenn sie sich mal wieder in die Besinnungslosigkeit gesoffen hat.

"Love Steaks" ist eine Liebesgeschichte, aber eingebunden in eine größere Erzählung über die deutsche Arbeitswelt. Über den Alltag in einem großen Hotel mit unüberwindbaren Hierarchien und einer zwischenmenschlichen Kälte, die jeden Angestellten zum Rad im Getriebe degradiert.

Um dieses Universum exakt zu treffen, nistete sich Jakob Lass mit Darstellern und Crew in einem Hotel in Ahrenshoop ein. Er drehte im laufenden Hotelbetrieb und passte den Drehplan an dessen Abläufe an. Der Alltag bestimmte den Dreh, nicht umgekehrt. Die beiden Hauptdarsteller absolvierten in ihren jeweiligen Abteilungen Praktika und massierten und schnippelten dort auch, wenn die Kameras nicht liefen. Außer den beiden Profis treten nur Laiendarsteller auf, nämlich die Hotelangestellten, die während ihrer tatsächlichen Arbeitszeiten sich selbst spielen.

"Fuchs" und "Jugendfreund"

Ein dokumentarischer Ansatz, der sich in der Filmsprache widerspiegelt: Lass arbeitet mit Handkamera, setzt kein künstliches Licht, verzichtet auf Film-Make-up für seine Darsteller. "Love Steaks" öffnet die Fenster weit und lässt die Wirklichkeit herein. Nicht den oft so frustrierenden deutschen Film-Pseudorealismus zwischen Werbefernsehen und TV-Serie, sondern ein geradezu überwältigendes Hier und Jetzt. Das entsteht auch durch die spürbar improvisierten Spielszenen und Dialoge. Lass und sein Team arbeiteten mit einem grob skizzierten Szenenablaufplan, den die Darsteller während des Drehs füllten.

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Tragikomödie "Love Steaks": Arbeite lieber ungewöhnlich

Im Ergebnis zeichnet "Love Steaks" eine fiebrige Unmittelbarkeit aus, die selten ist im deutschen Kino."Fogma" nennen Lass und seine Leute ihre Philosophie in ironischer Anlehnung an die dänischen "Dogma"-Filme. Im Gegensatz zu den "Dogma"-Stars Lars von Trier und Thomas Vinterberg wollen die Deutschen aber nur einzige Regel setzen: Dass sich jeder "Fogma"-Film selbstbewusst seine eigenen Regeln aussucht. "Wie können wir unser kollektives Potential befeuern? Wie das Unberechenbare planen? Wie eine Struktur schaffen, die uns Halt gibt und doch befreit?", nennen Lass und Freunde als die Fragen, die sie bei "Love Steaks" geleitet haben.

Der Mut zum eigenen Konzept zeugt davon, dass es sich um mehr handelt als eine Schluffi-Veranstaltung der Generation Y. Herausgekommen sind vielmehr Probebohrungen in die deutsche Gegenwart. Etwa die Szene mit einem Vorgesetzten, der nur "der Fuchs" genannt wird. Mit "Jugendfreund" redet er Clemens an und lässt ihn und Lara, die er bei einem Schäferstündchen erwischt hat, wissen: "In der Probezeit, da macht man keinen Ausfallschritt. Dass man mal ja nicht auffällig wird, weder positiv noch negativ!" So authentisch wurde schon lange niemand mehr zusammengeschissen im deutschen Film. Gegen diese üble Mittelmäßigkeit flüchtet sich Lara in den Suff. Und Clemens in eine esoterische Ersatzwelt aus Aromatherapie, hawaiianischer Massage und imaginären Energiebällen.

"Love Steaks" erzählt also durchaus von großen Themen wie Anpassungsdruck und Rebellion, von Geschlechterklischees und Selbstbestimmung. Aber er hält sich dabei fern von der tantenhaften Thesenseligkeit so vieler TV- und Kinofilme. Hier entwickelt sich alles organisch aus einer unbändigen Erzähllust. Die funktioniert auch und vor allem über rührend unbeholfenen Slapstick und einen Dialogwitz, der immer wieder urplötzlich in beklemmende Dramatik kippen kann.

"Ich wollte, dass der Film den Zuschauer mit dem starken Gefühl von Aufbruchstimmung entlässt", sagt Jakob Lass. Tatsächlich setzt "Love Steaks" ein Signal. Er hält dem in der deutschen Filmszene verbreiteten Lamentieren über Lethargie und die tödliche Umarmung des Filmfördersystems eine hellwache Lebendigkeit entgegen.

Und Jakob Lass ist nicht allein. Eine junge Generation deutscher Filmemacher erfindet gerade ein Genre, das so lange gefehlt hat hierzulande: Deutsches Independent-Kino, das sich eine Nische sucht zwischen der formalen Strenge der Berliner Schule und den Schenkelklopfern Til Schweiger und Matthias Schweighöfer. Jakob Lass, Katrin Gebbe ("Tore tanzt") oder Axel Ranisch ("Dicke Mädchen") boxen ihre Projekte auch ohne Fördergelder durch. Sie räumen diverse Preise ab oder werden, wie "Tore tanzt", nach Cannes eingeladen. Vielleicht ist "Love Steaks" der Funke, der jetzt auch aufs Publikum überspringt.

Love Steaks

D 2013

Regie: Jakob Lass

Drehbuch: Jakob Lass, Nico Woche, Timon Schäppi, Ines Schiller

Produzent: Ines Schiller, Golo Schultz

Darsteller: Lana Cooper, Franz Rogowski, Maik Riedel, Kerstin Abendroth, Eric Popp, Daniela Adenauer, Georg Ludwig-Grosse, Simone Düring

Produktion: Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) "Konrad Wolf" Potsdam- Babelsberg in Zusammenarbeit mit MAMOKO Entertainment

Verleih: Daredo

Länge: 90 Minuten

Start: 27. März 2014

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
LukasE 27.03.2014
1. optional
Habe den Film im Sneak gesehen und naja... Der Film hat einiges von Stromberg. Nur das die peinlichen Momente nicht lustig sondern einfach nur peinlich sind.
coulivili 27.03.2014
2. Das eine tun, ohne das andere zu lassen
Jakob Lass und sein Independent-Film haben längst einen Namen, und zwar einen guten. Was mir an der Kritik jedoch nicht gefällt, sind die Seitenhiebe auf die übrigen deutschen Filme. Man kann sehr wohl Til Schweiger und Matthias Schweighöfer sehen und mögen und trotzdem Jakob Lass gut finden. Oder einen beeindruckend guten Erstling wie Oh Boy. Warum immer nur eine Schublade? Das Leben hat viele Facetten.
cybernic 27.03.2014
3. Wäre ja interessant gewesen
zu lesen, wie der Film denn nun finanziert wurde ohne Fördergelder. Oder ist es eine reine Abschlussarbeit, die mit Hochschulmitteln arbeitet?
nana22 27.03.2014
4. Handkamera
der Film braucht jede Werbung die er kriegen kann. Verwackelte Bilder, kleines Budget Laiendarsteller, also wenn sich die Schauspieler nicht als kommende(R) Lauterbach, Götz George, Hannelore Elsner, Barbara Rudnik entpuppen ,- gute Nacht.
nana22 27.03.2014
5. Einschränkung
Fairerweise muss ich sagen das ich bei Handkamera an verwackelte Bilder denke , ob sie es sind , weis ich nicht. Bin halt Fan von Michael Ballhaus Aufnahmen und BIG Budget. So ein Film hat es da automatisch schwer.
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