Russisches Sittengemälde "Loveless" Stalin im Rock

In seinem Oscar-nominierten Drama "Loveless" zeigt Andrej Swjaginzew ein selbstbezogenes Paar, das kaum merkt, dass der kleine Sohn verschwunden ist. Eine schmerzhafte Parabel auf Russland.

Wild Bunch

Im Herbst 2012 verschwindet der 12-jährige Aljoscha (Matvey Novikov). Aber man kann nicht behaupten, dass Andrej Swjaginzews neuer Film "Loveless" auch davon handeln würde. Bald die Hälfte des Films muss vergehen, bis Aljoschas Eltern Zhenya (Maryana Spivak) und Boris (Alexey Rozin) überhaupt bemerken, dass ihr Sohn verschwunden ist.

Fünfzig Minuten, in denen man aber allerhand erfahren hat, von Zhenya, von Boris und von Zuständen, die zumindest erahnen lassen, dass ein Abtauchen auch vom Jungen selbst beabsichtigt worden sein könnte. Doch man wird es nicht erfahren, Swjaginzew bietet keine Auflösung für seine Anordnung an, die etwas von einem Russland erzählt, das die Prophezeiung des Nostradamus fürchtet ("Glaubst du an den Weltuntergang?" "Auf jeden Fall.") und dem es gleichzeitig sehr gut zu gehen scheint. Jedenfalls ist es in jener Familie so, in die Swjaginzew einen näheren Blick wirft, auch wenn er dabei riskieren muss - und somit auch seine Zeugenschaft im Kinosaal - vor lauter Kälte zu erfrieren.

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Filmdrama "Loveless": Stalin im Rock

Unweit Moskaus wird hier gelebt, in einer Neubausiedlung, die offenbar wenig gemein hat mit den schnellstens hochgezogenen Blöcken einige Dekaden zuvor. Die Ausstattung ist gut, auch die Luft ist es und in der Nähe gibt es neuerdings sogar eine Kirche, was auch gut ist. Aljoschas Kinderzimmer ist reich bestückt und der nächtliche Ausblick, der vielleicht sogar bis nach Moskau reicht, ist prächtig.

Das alles steht zum Verkauf, denn die Eheleute Boris und Zhenya werden sich trennen, auch neue Partner haben beide längst gefunden. Boris wird zukünftig mit Masha (Marina Vasilyeva) zusammenleben, hochschwanger und ein sanftes, wenn auch etwas anhängliches Gemüt ("Liebst du mich auch wirklich?"). Ihre Mutter gibt es gratis dazu. Sie kommentiert Mashas Telefonate mit Boris, sticht mit ihr Teigtaschen aus und sucht Strampler fürs Neugeborene aus.

Ungleich verteilte Liebe

Da hat sich Zhenya schon für ein gehobeneres Modell entschieden: Anton (Andris Keiss), 46 ("Sieht aber gut aus!" "Ja, weil er regelmäßig Tai-Chi macht."), raucht nicht und trinkt nur wenig. "Da bin ich richtig neidisch!", bemerkt die Frau, die Zhenya gerade die Haare frisiert. Die strahlt über das ganze Gesicht und macht ein Selfie. Anton behaust eine Designerwohnung und führt Zhenya zum Essen aus, bemerkt, dass ihre Haare einige Zentimeter kürzer sind, starrt sie aus Augen an, hinter denen die Liebe wohnt.

Nein, man kann nicht behaupten, Swjaginzews "Loveless", jüngst für den Auslands-Oscar nominiert, würde völlig ohne Liebe auskommen. Sie ist nur sehr ungleich verteilt. Für einen wie Aljoscha, über den seine Mutter sagt, er hätte sie schon bei seiner Geburt "fast zerrissen" und sei ein "nicht wiedergutzumachender Fehler", fällt außer ein paar Schlägen auf den Hinterkopf und viel Schmach kaum etwas ab. Und dafür soll er auch noch "Danke" sagen.


"Loveless"
Originaltitel: "Nelyubov"

Russland, Frankreich, Belgien, Deutschland 2017

Regie: Andrej Swjaginzew
Drehbuch: Andrej Swjaginzew, Oleg Negin
Darsteller: Maryana Spivak, Alexey Rozin, Matvey Novikov, Marina Vasilyeva, Andris Keiss
Produktion: Why Not Productions, Arte France Cinéma, Non-Stop Production, Les Films du Fleuve
Verleih: Wild Bunch Germany
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 127 Minuten
Start: 15. März 2018


Andrej Swjaginzew ist ein Regisseur mit Blick aufs Große, auf Systeme. Und damit nicht ganz ungefährlich. Für "Leviathan", der 2014 in Cannes für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde, hat es von Seiten der russischen Regierung Ärger gegeben. Ihr war die Darstellung vom Untergang des kleinen Mannes angesichts korrupter und undurchsichtiger politischer Mechanismen wohl zu nah an der Wirklichkeit. In "Loveless" verlässt Swjaginzew die Sphären der Politik (obschon Zhenya einmal in einem "Russia"-Trainingsanzug gehüllt auf dem Laufband die Puste ausgeht...) und wendet sich hin zur Kleinstzelle, zur Familienzelle.

Ein System der Härte

Was in "Loveless" beobachtet wird, ist ein System der Härte, der Verrohung, der psychischen Gewalt, die unhinterfragt zum Einsatz kommt und sich von einer Generation an die nächste vererbt. Eine wesentliche Rolle dabei spielen die Mütter, diese russischen Mütter, die man im Film entweder euphemistisch als "Oma mit Charakter" bezeichnet (Leiter des Suchtrupps) oder als "Stalin im Rock" (Boris).

Zentral etwa ist die Szene, in der Boris und Zhenya sich auf den Weg zu Zhenyas Mutter begeben (vielleicht ist Aljoscha ja hier), die an einer "leicht zu übersehenden Ausfahrt Richtung Kiew" lebt, allein in einer mit hohen Zäunen umkränzten Datscha, hinter die sich aber trotzdem ganz leicht kommen lässt. Die Begegnung zwischen Mutter und Tochter kann nur als psychotisch beschrieben werden, aus der Frau sprudelt es giftig und ätzend. Eine undurchdringbare Mischung aus Vorwurf, Kränkung und Hass, die auf jedes Wort mit neuen Angriffen reagiert. Durch und durch verbarrikadierte Einsamkeit, zu welcher Swjaginzew Zutritt verschafft, indem er einfach noch einige Momente länger mit der Frau in ihrer Datscha weilt, nachdem die Suchenden bereits wieder abgetreten sind.

"Loveless" lässt einen, ähnlich wie "Leviathan", verstört und ultimativ desillusioniert zurück. Dem neuen Kind, dem von Boris und Masha, wird andeutungsweise ebenfalls grob begegnet, und der Fernseher liefert Bilder von den Straßen Donezks. Mit schlechten Menschen hat man es in "Loveless" dennoch nie zu tun. Und das ist möglicherweise das Betrüblichste.

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