Bürgerrechtsdrama "Loving" Eine Liebe stärker als der Rassismus

Am 12. Juni wird in den USA der "Loving Day" gefeiert: Weil vor 50 Jahren ein Gesetz kippte, das Ehen zwischen Partnern verschiedener Hautfarben verbot. Nun kommt der Spielfilm zum Fall ins Kino.

Ben Rothstein

Ein Maurer, der unermüdlich Stein auf Stein setzt: Dieses wiederkehrende Motiv in "Loving" ist so einfach wie eindringlich. Der Maurer ist Richard Loving: Ein beharrlicher Arbeiter, der im ländlichen Virginia der ausgehenden Fünfzigerjahre täglich für andere Menschen ein Zuhause aufbaut.

Doch als sich Richard und seine Lebensgefährtin Mildred ein eigenes Heim schaffen wollen, wird ihnen das verwehrt. Der alleinige Grund dafür ist die unterschiedliche Hautfarbe der beiden: Richard Loving stammt aus einer weißen Familie, Mildred Jeter hat afroamerikanische und indigene Elternteile. In der Gemeinde, der sie sich Zeit ihres Lebens zugehörig fühlten, gilt eine rassistische Gesetzgebung, die ihre Beziehung illegal macht. Dass Richard und Mildred trotzdem zusammenbleiben, und so durch ihr bloßes Dasein den Status quo erschüttern, macht ihre wahre Geschichte zum Fanal für eine Liebe, die dem Unrecht widersteht.

Fotostrecke

9  Bilder
"Loving": Durch die Instanzen zur Anerkennung

Das ist die Ausgangssituation von "Loving", mit dem Autor und Regisseur Jeff Nichols ein im Kino bislang kaum beleuchtetes Kapitel der US-Bürgerrechtsbewegung in den Fokus rückt. Das reale Drama des Paars aus Central Point, Virginia spielte sich abseits der großen, wirkungsmächtig auf die Straßen getragenen Emanzipationskämpfe ab, an die zuletzt Ava DuVernays "Selma" erinnerte.

Eingeschüchtert bekennen sie ihre Schuld

Doch obschon Richard und Mildred sich selbst nicht als Aktivisten verstanden, hat ihr entbehrungsreiches Ringen um das Recht auf eine selbstbestimmte Zweisamkeit ihr Land dauerhaft verändert. Rückblickend ein monumentales Vermächtnis, das Nichols aber ohne entsprechendes Pathos würdigt. Bewusst bescheiden im Einsatz dramaturgischer Mittel, bleibt er ganz bei den beiden Protagonisten und ihren unmittelbaren Erfahrungen.

Die beginnen im Film im Sommer 1958, als Richard (Joel Edgerton) und Mildred (für diese Rolle oscarnominiert: Ruth Negga) bereits ein erstes gemeinsames Kind erwarten. Da der "Racial Integrity Act" in Virgina keine Eheschließung zwischen Menschen verschiedener Hautfarben zulässt, fahren die beiden nach Washington, D.C., um dort zu heiraten.

Zurück in Central Point zieht Richard bei Mildred und ihrer Familie ein, doch das Glück des frischvermählten Paars währt nur kurz: Mitten in der Nacht werden die Lovings in ihrem eigenen Schlafzimmer festgenommen. Es kommt zum Prozess vor dem örtlichen Gericht, wo sich die eingeschüchterten Eheleute auf Empfehlung ihres Anwalts schuldig bekennen. Die Freiheitsstrafe wird daraufhin ausgesetzt, aber nur unter der Bedingung, dass sich Richard und Mildred in den kommenden 25 Jahren nicht gemeinsam in der Region aufhalten.


"Loving"
USA, GB 2017
Drehbuch und Regie: Jeff Nichols
Darsteller: Joel Edgerton, Ruth Negga, Marton Csokas, Nick Kroll, Terri Abney, Alano Miller, Jon Bass, Michael Shannon
Produktion: Big Beach Films
Verleih: Universal Pictures Germany
Länge: 124 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 15. Juni 2017


Da eine Trennung für sie außer Frage steht, müssen die Lovings ihr bisheriges Leben zurücklassen. In Washington versuchen sie einen Neuanfang, doch die Verwandten und die vertraute Umgebung fehlen schmerzlich. Jahre vergehen, bis Mildred in einem Brief an Justizminister Robert Kennedy um Beistand bittet. Mit Bernard Cohen (Nick Kroll) und Phil Hirschkop (Jon Bass) nehmen sich schließlich zwei junge Anwälte im Auftrag der American Civil Liberties Union des Falls Loving an.

Ihr Gang durch die Instanzen wird Geschichte schreiben, bis zur Entscheidung des Obersten Gerichtes am 12. Juni 1967, dass niemand das Paar trennen darf. Doch nicht das Verfahren an sich steht im Mittelpunkt der Inszenierung, sondern die ruhige Entschlossenheit, mit der das Ehepaar Loving die Jahre der Ungewissheit erträgt. Das verbindet "Loving" mit Nichols' vorherigen Filmen, wie etwa dem apokalyptischen Familiendrama "Take Shelter" oder dem Science-Fiction-Werk "Midnight Special", deren zentrale Figuren sich ebenfalls durch aufopferungsvolle Unbeirrbarkeit auszeichnen.

Die Provinz ist Idyll und Hölle zugleich

Allerdings hatte diese Eigenschaft in den genannten Filmen manische oder gar mystische Züge; Richard und Mildred hingegen sind gänzlich von dieser Welt und in ihrer Beziehung geerdet. Das sublime, zurückhaltende Spiel von Joel Edgerton und Ruth Negga verleiht den Liebenden Glaubwürdigkeit und Gravität.

Ebenso sicher wie die Klippen des Kitsches umschifft Nichols naheliegende Klischees in seiner Darstellung der Südstaaten-Provinz. Eine Affinität zu den ländlichen Regionen der USA zieht sich ohnehin durch seine Arbeiten, und hier zeichnet er das differenzierte Bild eines Gemeinwesens, das für die Lovings Idyll und Hölle zugleich ist. Letztere offenbart sich nicht durch brennende Kreuze oder Lynchmobs, sondern durch einen über Generationen hinweg naturalisierten Rassismus, der die eigene Perfidie als Sorge um das Allgemeinwohl missversteht.

Darum ist es auch die schönste Leistung des Films, wenn er an der Seite der Lovings die Idee der Heimat vom Blut-und-Boden-Wahn und giftigen Biologismen befreit. Die Erkenntnisse, die sich dabei einstellen: Das Private, hier ist es fürwahr politisch. Und ein Zuhause ist mehr als aufeinandergeschichtete Steine.

Im Video: Der Trailer zu "Loving"

Focus Features
Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
newline 12.06.2017
1. Die Schauspielerin Tyne Daly,
bekannt u.a. als Darstellerin der Mary Beth Lacey in der Serie "Cagney & Lacey", ist auch so eine mutige Frau. Sie heiratete 1966 ihren Kollegen kubanischer Herkunft Georg Stanford Brown.
commentatorius 12.06.2017
2. ...kleine Korrektur aus dem Sprachlabor
Der Autor benutzt leider eine Redewendung falsch: "Da eine Trennung für sie außer Frage steht" macht hier keinen Sinn. Das würde ja bedeuten, dass Sie sich in jedem Fall trennen würden... Es müßte also eher heißen: "Da eine Trennung nicht in Frage kommt" o.ä.
_alexander_ 12.06.2017
3. Das muss...
man sich erstmal vorstellen, was es so alles vor 50 Jahren in den USA noch gab. Inzwischen ist es etwas besser geworden, dennoch ist der Rassismus in den USA omnipräsent.
barbierossa 12.06.2017
4. Film ist von 2016
Mag sein, dass der Film erst jetzt bei uns in den deutschen Kinos anläuft. Aber er ist schon von 2016, die Angaben im Artikel sind entsprechend an der Stelle falsch. Sehr guter Film übrigens, der wirklich sehr unprätentiös und ohne extra Dramatisierung daherkommt. Tatsächlich gibt es eine Stelle, an der jemand, der die üblichen "Am Ende siegt die Gerechtigkeit"-Filme kennt, eventuell auf eine falsche Fährte geführt werden könnte. Aber da sich der Film anscheinend sehr eng an die wahren Begebenheiten hält, verzichtet er auch auf den einen oder anderen Kniff, mit dem sonst im Genre gern künstlich Spannung geschaffen wird...
stefan.martens.75 12.06.2017
5. Schmunzel
Zitat von _alexander_man sich erstmal vorstellen, was es so alles vor 50 Jahren in den USA noch gab. Inzwischen ist es etwas besser geworden, dennoch ist der Rassismus in den USA omnipräsent.
Also was merkwürdige Gesetze und abartige Gesetzeslagen anbelangt ist auch Deutschland reich an unglaublich späten Einsichten! Das ist immerhin 50 Jahre her! Es betraf auch nur einige Bundesstaaten. In Deutschland war bis 1997 die Vergewaltigung in der Ehe keine Straftat! Erst Ende der 1950er Jahre wurden homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen nicht mehr geahndet. Seit 1974 waren nur noch sexuelle Handlungen mit männlichen Jugendlichen unter 18 Jahren strafbar, wogegen das Schutzalter bei lesbischen und heterosexuellen Handlungen bei 14 Jahren lag. Erst seit 1994 sind die Geschlechter hier gleichgestellt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.