"Valerian"-Regisseur Luc Besson "Das größte Risiko? Meinen guten Ruf zu verlieren"

Mit der Comicverfilmung "Valerian" hat sich Luc Besson einen Herzenswunsch erfüllt. Hier erklärt er, warum er Superheldenfilme nicht mag und was er sich mit diesem Projekt beweisen will.

Comic- und Kinoheld "Valerian" (Dane DeHaan)
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Comic- und Kinoheld "Valerian" (Dane DeHaan)

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Zur Person
  • AFP
    Luc Besson, 1959 in Paris geboren, ist einer der wichtigsten Filmregisseure und Kino-Produzenten Europas. In den Achtzigern wurde er mit "Subway", "Im Rausch der Tiefe" und "Nikita" zu den Vorreitern des "cinéma du look", einer neuen, auf visuelle Überwältigung setzende Film-Ästhetik. Zu seinen späteren Erfolgen zählen "Léon - Der Profi" (1994) und das Science-Fiction-Spektakel "Das fünfte Element" (1997). Mit seiner Firma EuropaCorp produziert Besson erfolgreiche Action-Reihen wie "Taxi", "Taken" und "Transporter". Die "Valerian"-Comics von Jean-Claude Mézières und Pierre Christin begleiten ihn seit seiner Kindheit.

SPIEGEL ONLINE: Monsieur Besson, Sie haben einmal gesagt, Laureline, die Partnerin ihres Filmhelden Valerian, sei die erste Liebe ihres Lebens gewesen. Bei so viel Verehrung: Warum ist sie in Ihrem Film nun kein Rotschopf wie in der Comicvorlage? (Unsere Filmkritik zu "Valerian" lesen Sie hier.)

Besson: Ha, lustig, die Frage habe ich im Internet auch schon oft gelesen, meistens kommentiert mit: "It sucks". Ich saß da ein bisschen in der Falle: Wenn ich sie rothaarig gelassen hätte, würden jetzt alle sagen: Oh, die sieht ja aus wie Leeloo… ...

SPIEGEL ONLINE: … ... die Hauptfigur aus Ihrem Film "Das fünfte Element".

Besson: Genau. Außerdem musste ich entscheiden, was das Beste für Cara Delevingne, meine Hauptdarstellerin, war. Wir haben es mit roten Haaren versucht, es stand ihr überhaupt nicht. Aber ganz ehrlich: Was Laureline ausmacht, wer sie ist, das reduziert sich nicht auf ihre Haarfarbe.

SPIEGEL ONLINE: Die "Valerian"-Comics gehörten zu ihrer Lieblingslektüre, als sie ein kleiner Junge waren. Hat Laureline die Art und Weise beeinflusst, wie Sie Frauen im Kino inszenieren?

Besson: Absolut. Ich war zehn Jahre alt und habe mich sofort in sie verliebt. Es war das erste Mal, dass ich ein Mädchen sah, das stark war, das eigene Entscheidungen traf, das durch Raum und Zeit reiste und Aliens verprügelte: Wow! Mein Bild von Frauen beschränkte sich bis dahin darauf, dass sie kochten und sich um Kinder kümmerten. Damals waren Frauen noch nicht lange wahlberechtigt. Die Gesellschaft war fest unter männlicher Kontrolle.

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"Valerian": Luc Bessons Herzensprojekt

SPIEGEL ONLINE: Ist "Valerian" also ein subversiver Comic, der zwar den Namen eines männlichen Helden auf dem Titel trägt, in Wahrheit aber von einer starken Frauenfigur handelt, genau wie jetzt auch Ihr Film?

Besson: Ja, ich liebe es, wie sie sich die ganze Zeit bei ihm beschwert: Er ist Major, sie nur Sergeant, wahrscheinlich wird er sehr viel besser bezahlt, aber sie ist es, die die schwierigsten Situationen meistert und die Mission zum Erfolg führt - und ihn das auch ständig spüren lässt. Das macht es so real, denn genau so ist es doch heute auch noch.

SPIEGEL ONLINE: Allmählich haben es weibliche Heldinnen im Kino etwas leichter. Haben Sie den aktuellen "Wonder Woman"-Film gesehen? Ein großer Erfolg.

Besson: Ja, habe ich gesehen. Ich mochte Gal Gadot, die Hauptdarstellerin, sie ist sehr gut. Aber der Film an sich?… Ich weiß nicht. Nach einer Weile sehen diese großen Superheldenfilme für mich alle gleich aus. Es ist oft dasselbe Muster: Da gibt es ein böses Alien, das auf die Erde kommt, um sie zu zerstören. Und der Superheld, der Strumpfhosen trägt, rettet die Welt. Vor zehn Jahren war das toll und neu. Aber sie haben vergessen, das Wasser in diesem Aquarium auszuwechseln: Es wird trübe und schal.

SPIEGEL ONLINE: Da kommen Sie mit ihrem Herzensprojekt "Valerian" ja gerade rechtzeitig. Wollten Sie dem US-Blockbusterkino bewusst eine europäisch geprägte Alternative entgegensetzen?

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"Valerian"-Premiere in Los Angeles: Tüll zum Träumen

Besson: Nein. Ich wollte da niemandem irgendetwas beweisen. Außer mir selbst: dass ich es, wahrscheinlich als einer der wenigen überhaupt, schaffen konnte, diesen riesigen, supergroßen und teuren Film auf die Beine zu stellen. Das richtige Timing war entscheidend. Vor zwei, drei Jahren war ich an einem Punkt, an dem ich genügend technisches Know-how gesammelt hatte und noch frisch und leistungsfähig genug war, um zu sagen: Okay, let's do it! Es konnte nur dieser Zeitpunkt sein: Zuvor wusste ich nicht genug, und es gab es die technischen Voraussetzungen noch nicht - und in ein paar Jahren wäre ich zu alt, um so etwas zu schaffen.

SPIEGEL ONLINE: "Valerian" ist mit 180 Millionen Dollar der teuerste europäische Film, der je gedreht wurde. Wie groß ist das finanzielle Risiko für Ihre Produktionsfirma EuropaCorp, wenn er an der Kinokasse nicht funktioniert?

Besson: Der Film ist zu 90 Prozent finanziert. Das größte Risiko besteht darin, meinen guten Ruf zu verlieren, indem ich Leute enttäusche. Ich habe so viele Menschen auf der ganzen Welt darum gebeten, mir zu vertrauen.… Wenn der Film jetzt misslungen wäre oder dem Publikum nicht gefällt, dann werden sie beim nächsten Mal abwinken und milde lächeln, wenn ich wieder ankomme und sage: Ich habe da diese Idee für einen großartigen Film!

SPIEGEL ONLINE: Vor genau 20 Jahren haben Sie mit "Das fünfte Element", an dem "Valerian"-Schöpfer Jean-Claude Mézières beteiligt war, schon einmal versucht, das Science-Fiction-Kino von Europa aus neu zu definieren. Das stieß beim US-Publikum zunächst auf Ignoranz.

Besson: Für die Amerikaner kam "Das fünfte Element" zu früh, er war zu fremd und eigenartig: Eine blaue Opernsängerin im Weltall? Ein Schwarzer als US-Präsident? Verrückt! Heute, auch wegen des Internets und der globalen kulturellen Vernetzung, die stattgefunden hat, empfindet man mich in den USA, vielleicht auch im Rest der Welt, immer noch als "weird". Aber wir haben uns allmählich angenähert.

SPIEGEL ONLINE: Brauchen Sie den US-Markt noch im selben Maße wie früher, um "Valerian" zu einem Erfolg werden zu lassen? Sie haben mit Fundamental Films auch eine große chinesische Firma beteiligt: Reichen Europa und Asien vielleicht sogar aus?

Filmtrailer ansehen: "Valerian - Die Stadt der tausend Planeten"

Besson: Ich denke nicht in solchen Territorien, weil das heutzutage überhaupt keinen Sinn mehr hat. Stellen Sie sich einen 15-jährigen amerikanischen Jungen und eine 60 Jahre alte Amerikanerin vor: Zwischen denen beiden gibt es mehr Unterschiede als zwischen dem US-Teenager und einem 15-Jährigen in China. Es gibt einen Teil des Publikums, der Twitter nutzt - und es gibt einen, oftmals älteren Teil, der es nicht tut. Es geht doch längst nicht mehr darum, ob jemand Amerikaner, Franzose oder Deutscher ist, sondern darum: Ist er auf Twitter oder nicht?

SPIEGEL ONLINE: Und was bedeutet das für "Valerian"?

Besson: Es bedeutet, dass, wenn er einem jungen Publikum in Deutschland gefällt, wird es aller Wahrscheinlichkeit nach auch in den USA so sein und in China. Ich habe den Film für alle gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Film ist voller visueller Ausschweifungen und liebevoll inszenierter Fantasiefiguren, was hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?

Besson: Das Cockpit des Raumschiffs von Valerian und Laureline. Ich liebe die Atmosphäre darin und die vielen Details. Es war uns wichtig, allem einen menschlichen Anstrich zu geben: In Superheldenfilmen legen die Charaktere ja nie ihre Sicherheitsgurte an. Sie essen oder schlafen nie oder müssen auf die Toilette. Ich wünschte, Iron Man würde nur ein einziges Mal sagen: Gleich wieder da, muss nur kurz pinkeln!

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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
its4free 20.07.2017
1. War ok
Hab den Film gerade gesehen. Kein ganz grosses Kino, aber man kann ihn gut ansehen. Gute Unterhaltung. Die Hauptdarsteller waren ok, aber zu jung für die Rolle.
Newspeak 20.07.2017
2. ...
Luc Besson wirft den Comicverfilmungen Einfallslosigkeit vor, wiederholt sich aber selbst auch nur. Und was die reine Optik betrifft, was bleibt davon, wenn es an allem anderen fehlt bzw. die Mischung nicht stimmt?
kommentator911 20.07.2017
3. Die drei erstgenannten Filme
plus Léon waren richtig geile Filme, die für immer Klassiker bleiben werden. Danach wurde es zunehmend schlechter. Valerian ist wohl eher ein Teenie-Film, außerdem bekomme ich von sowas Augenkrebs.
JC-OF 20.07.2017
4. Nerdgasm
In Ironman 2 als Tonx Stark den mentalen Breakdown zu seinem Geburtstag hat erklärt er, wie man in so einem Anzug pinkelt... und tut es einfach... tztztz Herr Besson, schlechtes Beispiel gewählt. Ich persönlich bin kein Fan von Cara Delevignes Schauspielstil...
Msc 20.07.2017
5.
Die Computereffekte waren teilweise so schlecht, die hätte jeder Heimanwender mit einem Greenscreen so hinbekommen. Ich weiß nicht wo die 180 Millionen hingegangen sind, aber sicher nicht in die Computeranimation.
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