Letzter Film mit Harry Dean Stanton Sag zum Abschied leise: "Du bist nichts!"

Der geniale Nebendarsteller Harry Dean Stanton hat kurz vor seinem Tod eine letzte Hauptrolle geschenkt bekommen: In "Lucky" spielt er eine knurrige Version seiner selbst, die sich vom Leben verabschiedet.

Alamode Film

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Alles in diesem Leben ist routinierter Eigensinn. Morgens raus aus dem Bett, Yoga, dann einen Kaffee im Diner, Kippen kaufen, Kreuzworträtsel, Fernsehen, abends in die Bar für eine Bloody Mary und wieder nach Hause.

Der 90-jährige Lucky lebt allein in einem Haus in der Wüste, am Rande einer kleinen Stadt. Seine Tage gleichen einander ausnahmslos. Und das, suggeriert die ruhige Kameraführung, geht schon sehr lange so. Ob der alte Mann sein Leben so haben will, oder ob er nicht anders kann, das wird nicht geklärt. Als Chiffre für eine Eigenbrötlerexistenz funktioniert diese Beharrlichkeit so oder so. Man weiß von ihr ab dem Moment, in dem das zerfurchte Gesicht Harry Dean Stantons zum ersten Mal von der Leinwand runterschaut.

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"Lucky": Auf eine Bloody Mary mit David Lynch

Der im September 2017 verstorbene Stanton spielt in "Lucky" seine letzte Rolle, und John Carroll Lynch, selbst Schauspieler, macht dem Kollegen mit seinem Regiedebüt ein großes Geschenk. Der ewige Nebendarsteller Harry Dean Stanton, dem es in seinen mehr als zweihundert Spielfilmen und Serienepisoden immer wieder gelang, vom Rand des Geschehens aus eine ungeheure Präsenz zu entfalten, spielt in diesem komischen und seltsam berührenden Film seine erste Hauptrolle seit über 30 Jahren. Seit Wim Wenders' "Paris, Texas" von 1984, um genau zu sein; einem der vielen Filme, an denen Harry Dean Stanton das Beste war.

Das Wichtigste ist hier nicht der Plot: Eines Morgens fällt Lucky während seiner Yogaübung um und realisiert offenbar zum ersten Mal, dass er bald sterben wird. Dann wieder aufstehen, Diner, Kippen und so weiter. Das ist es eigentlich schon. "Lucky" aber hat eine Metaebene überdeutlich eingezogen: Was wir vom Leben seiner Figur und ihrem Blick auf die Welt erfahren, berührt immer wieder die Biografie des Schauspielers und seiner Filme, die dezent zitiert werden.

Beide waren im Zweiten Weltkrieg, beide als Schiffskoch, beide vertreten einen nachdrücklichen Atheismus. "Du wirst älter. Es endet damit, dass du alles am Leben akzeptierst", erklärte Harry Dean Stanton dem "Observer" 2013. "Leiden, das Grauen, Liebe, Verlust, Hass - alles. Es ist alles eh nur Film."

Du bist nichts!

Diesen unironischen Zen-Existenzialismus hat Stanton in Interviews immer wieder kultiviert, gleichsam als Markenkern. Er begegnet einem in "Lucky" an allen Ecken. Einer seiner überlieferten Lieblingssprüche - "Du bist nichts!" - taucht als morgendliche Begrüßung im örtlichen Diner auf. Um die Wahrnehmung dieser Leere kreisen fast alle Gespräche über den Tod und das Leben, die hier geführt werden.

Dementsprechend entfalten die Bilder ihre ganze Wirkung erst, wenn man ein zumindest ungefähres Wissen darüber mit ins Kino bringt, wen man hier vor Augen hat. Dann nämlich erst entsteht eine schillernde Wirklichkeitsnähe: Man sieht einem Schauspieler, der bald sterben wird und um seinen kommenden Tod weiß, dabei zu, wie er jemanden spielt, der bald sterben wird und um seinen kommenden Tod weiß.


"Lucky"
USA 2017

Regie: John Carroll Lynch
Drehbuch: Logan Sparks, Drago Sumonja
Darsteller: Harry Dean Stanton, David Lynch, Ron Livingston, Ed Begley Jr.
Produktion: Magnolia Pictures
Verleih: Alamode Film
FSK: ab 0 Jahren
Länge: 88 Minuten
Start: 8. März 2018


Allerdings scheint "Lucky" seiner Konstruktion selbst nicht ganz zu trauen. Mitunter plakativ weist der Film darauf hin, wie er erzählt. Gleich zu Beginn trägt Lucky das Wort "Realismus" in sein tägliches Kreuzworträtsel ein. Und als erstes Bild sehen wir eine Schildkröte, die sich langsam durchs die Wüste bewegt. Ein metaphorischer Wink auf den Charakter des Helden, langsam, ausdauernd und unverwüstlich.

Die Schildkröte gehört einem von Luckys Barfreunden, Howard, gespielt vom Regisseur David Lynch. Stanton war einer von Lynchs Lieblingsschauspielern, zum ersten Mal 1988 in "The Cowboy and the Frenchman", zuletzt in der dritten Staffel von "Twin Peaks". In den Dialogen zwischen den beiden entfaltet sich eine abgeklärte Komik, und man kann David Lynch und Stanton den Spaß und die Vertrautheit in ihren gemeinsamen Szenen ansehen. Wobei der Film sich vor jedem etwaigen Anflug von Rührseligkeit schnell in einen knochentrockenen Duktus rettet. "Freundschaft ist lebenswichtig für die Seele", prostet der Mann der Barbesitzerin Lucky zu. "Sie existiert nicht", kontert der routiniert. "Was, Freundschaft?" - "Nein, die Seele."

Ich sehe eine Dunkelheit

"Lucky" mag ein stiller Film sein, subtil ist er nicht. Exakt in der Mitte ertönt die Johnny-Cash-Version von "I See a Darkness", am Ende singt Harry Dean Stanton das Trennungslied "Volver Volver", geht wieder trinken, sagt ein paar besonders grundlegende Sätze - und schenkt uns ein wunderschönes Lächeln zum Ende hin.

Man kann "Lucky", der vom Sterben erzählt, ohne wirklich wehzutun, gefällig finden oder allzu schmerzbefreit. Vielleicht erzählt dieser Film aber auch gar nicht zuallererst vom Sterben, sondern vom Abschiednehmen. Das Glück, das in ihm enthalten ist, wäre dann nicht das seiner Figur, deren in satte Farben getauchtes Leben man mit ein bisschen Distanz zu den Bildern durchaus traurig finden kann.

Das Glück geht von der Metaebene aus. Es ist das Glück des bewussten Abschlusses, hier am Beispiel des Schauspielers, der sich in seinem letzten Film selbstbestimmt und öffentlich von der Welt verabschiedet. Und das in einer so formvollendeten Weise, dass der tröstliche Eindruck eines gelungenen Lebens jenseits der Leinwand entsteht.

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insgesamt 3 Beiträge
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japhyryderson, 07.03.2018
1. Harry Dean Stanton
Ganz klar: Einer der besten Schauspieler. Aber mit Abstand!! Ein Amerikaner von der Sorte, wie ich sie mag. Auch ein hervorragender Sänger, wie auf dem "Paris,Texas" - Soundtrack und Platten von Ry Cooder zu hören ist.
noalk 08.03.2018
2. ein Schauspieler mit Genius
Für mich seine beste Hauptrolle: Der Barbesitzer in Ry Cooders Musikvideo zu Johnny Cashs "Get Rhythm". Unvergesslich!
DiscoDavidson 08.03.2018
3. Mach es gut, alter Haudegen!
Repoman = Unvergessen! Oddo, geht auch rückwärts!
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