Action-Film "Lucy" Scarlett allmächtig

In dem Action-Reißer "Lucy" verwandelt sich eine Studentin in Gestalt von Scarlett Johansson nach einem Drogentrip in eine unbezwingbare Überfrau. Wer braucht da noch eine schlüssige Story?

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Nach Johnny Depps Computergeist in "Transcendence" ist sie schon die zweite Gottesfigur, die uns das Science-Fiction-Kino innerhalb weniger Monate präsentiert. Dabei ist Scarlett Johansson als "Lucy" doch eigentlich eine ganz normale Studentin, die sich, zugegeben, in Taipeh mit einem nicht so ganz normalen Burschen angefreundet hat.

Als der sie um einen kleinen Botengang bittet, sagt sie als hilfsbereite junge Frau natürlich nicht Nein und ahnt nichts Böses. Vor allem nicht, dass sie plötzlich mitten in einem Schmuggeldeal um den brisanten neuen Stoff CPH4 steckt - der nach einer kurzen, aber heftigen Begegnung mit einem Schergen der Drogenmafia in ihrer Blutbahn landet.

Darauf folgen nicht einfach ein kurzer Rausch und ein schwerer Kater - sondern Lucy beginnt sich zu entwickeln: Aus der fahrigen, verpeilten Jederfrau wird ein gefühlskaltes Überwesen, das sich mühen muss, einen Restkontakt zu menschlicher Moral zu halten. Schlecht für ihre Peiniger von der Schmugglerbande, erst mal faszinierend für die Zuschauer, die mit ansehen können, wie Lucy Wände und Decken erklimmt, mit einer Berührung ihren Mitmenschen in die Seele blicken kann und Widersacher mit einem Fingerzeig durch den Raum fliegen lässt.

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Action-Film "Lucy": Scarlett, das Superweib
Den pseudowissenschaftlichen Hintergrund zu dieser sprunghaften Evolution liefert der populäre Irrtum, dass der Mensch nur zehn Prozent seiner Hirnkapazität nutze. Bei Lucy wird sich diese im Laufe des Films vervielfachen. Und weil sie sich darüber zunächst auch selbst wundert, nimmt sie während ihres Rachefeldzugs Kontakt zu einem Neurologen auf, damit der, vielleicht, ihre Lage erklären könnte. Natürlich verhält es sich aber genau umgekehrt: Die allsehende, allwissende Lucy hat ihn auserkoren, um ihre Erleuchtung über das, was die Welt im Innersten zusammenhält, in dieselbe zu tragen.

Diffuse Omnipotenz-Fantasien

Leider dauert es viel zu lange, bis der Film diesem selbstauferlegten Größenwahnsinn gerecht wird. Regisseur Luc Besson, der in den letzten Jahren eher als Autor und Produzent aufgefallen ist, übersetzt die farbensatte Opulenz seiner früheren Arbeiten dieses Mal in pure Beschleunigung. Assoziative Bilderfetzen fliegen auf der Leinwand durcheinander, frei nach Eisensteins Prinzip der Attraktionsmontage und Kubricks Welterklärungsformel in "2001", vor allem aber, weil es todschick aussieht.

Doch solange Besson sich an die Reste einer Handlung festklammert, erscheint die ganze Konstruktion bald so öde wie angreifbar: Was interessieren einen die Action-Szenen, wenn die gottgleiche Lucy sowieso nie in Gefahr geraten kann? Und warum schert sich Besson so wenig um das, was sich neben der kognitiven Entwicklung in der Gefühlswelt der jungen Frau tun müsste? Der Regisseur, der einst Anne Parillaud ("Nikita") und Milla Jovovich ("Das fünfte Element") als Action-Stars erfand, missbraucht seine aktuelle Hauptfigur nur als Projektionsfläche diffuser Omnipotenz-Fantasien.

Wahre Allmacht und Unendlichkeit, und da wird es dann doch wieder spannend, lassen sich aber irgendwann nicht mehr in klassisch strukturierte Bilder und Körper fassen. Am Ende erweist der Raum sich als trügerisch, die Materie fließt, Zeit und Umgebung ordnen nicht mehr, sondern ordnen sich unter.

Was das alles mit den Fähigkeiten unseres Gehirns zu tun haben soll? Das weiß Luc Besson ganz sicher auch nicht. Aber das beinahe schon abstrakte Kunstwerk, zu dem er seinen Film am Ende macht, steht auch gut für sich selbst, sobald er die Bilder aus dem Gefängnis des Plots befreit hat.


Filmangaben:
"Lucy". Start 14.8. Regie: Luc Besson. Mit Scarlett Johansson, Morgan Freeman, Choi Min-sik.

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
hobbyleser 14.08.2014
1. Herrlich..
Eine Filmkritik, die einem Sci-Fi-Film eine unglaubwürdige Story vorwirft. Herrlich! Nichts für ungut, aber schonmal über einen Berufswechsel nachgedacht?
GSYBE 14.08.2014
2. Diffuse Omnipotenz-Fantasien?!?
Mein Gott, könnt Ihr eine Sci-Fi/Fantasy Film nicht einfach mal das sein lassen, was er ist und sein will?: ein unterhaltendes modernes Märchen ohne Anspruch auf irgendeinen akademischen (SPON-) Titel. Es geht um Kino und nicht um den Nobelpreis....
D.Fronath 14.08.2014
3. Unglaubwürdig vs realistisch
Zitat von hobbyleserEine Filmkritik, die einem Sci-Fi-Film eine unglaubwürdige Story vorwirft. Herrlich! Nichts für ungut, aber schonmal über einen Berufswechsel nachgedacht?
Ach bitte, es gibt schon klar Filme (und auch Bücher), die in sich so inkonsistent sind dass man das ruhig auch Fantasy und SciFi Werken vorwerfen kann. Auch und gerade wenn die erschaffene "Welt" einer einzelnen Idee geopfert wird. Ob das hier der Fall ist, weiß ich nicht. Aber Allmacht als Thema schreckt mich in der Regel ab, weil es so oft gnadenlos danaben geht.
hermannheester 14.08.2014
4. Superwoman ist nichts dagegen?
Zitat von sysopAP/ UniversalIn dem Action-Reißer "Lucy" verwandelt sich eine Studentin in Gestalt von Scarlett Johansson nach einem Drogentrip in eine unbezwingbare Überfrau. Wer braucht da noch eine schlüssige Story? http://www.spiegel.de/kultur/kino/lucy-mit-scarlett-johansson-luc-bessons-action-reisser-im-kino-a-985888.html
Drogen lassen ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten entwickeln? Dann wird es wohl höchste Zeit, die Drogengesetze zu überdenken? So könnte man denken, will man den Film bewusst missverstehen. Andererseits ist das hier ein modernes Mädchen, das für seinen Drogenkonsum - gewollt oder ungewollt - auf ungeahnte Art und Weise auch noch "belohnt" wird. Schade um jeden Meter Film.
henson999 14.08.2014
5. Seufz
Zitat von hobbyleserEine Filmkritik, die einem Sci-Fi-Film eine unglaubwürdige Story vorwirft. Herrlich! Nichts für ungut, aber schonmal über einen Berufswechsel nachgedacht?
Immer nur meckern. Natürlich sollte auch ein SciFi Film eine glaubwürdige Story haben. Es wird eine Welt mit bestimmten Regeln aufgebaut und der Film folgt in dieser Welt diesen Regeln. Wenn das nicht richtig gemacht wird, dann ist der Film unglaubwürdig. Manche Filme dürfen das (z.B. Star Wars) bei anderen darf man das nicht (z.B. Inception). Dieser Film gehört in seiner Machart sicherlich zur zweiten Kategorie.
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