Kinoporträt "Ludwig II.": Es war einmal ein komischer König...

Von Tim Slagman

Liebte er nur Männer? Wie starb er genau? Das Psychogramm "Ludwig II." fährt gewaltige Bilder auf, bietet aber wenig Neues - der Märchenkönig der Bayern bleibt ein großes Rätsel. Dafür glänzt Edgar Selge in dem Kinofilm als Richard Wagner. Er wirkt wie ein Genie. Und wie ein Penner.

Kinoporträt "Ludwig II.": Halb Künstler, halb König Fotos
Warner

Irgendeinen Grund muss es haben, wenn König Ludwig II. von Bayern noch mal auf die Leinwand kommt. Haben die Filmemacher im Leben und - das kann man bei dem kunstversessenen Regenten ja so sagen - im Werk des Königs einen geistreichen Bezug zur Gegenwart gefunden? Oder warten sie mit einer revolutionären Enthüllung über den Märchenkönig, über den Kini, auf? Eine, die den Schleier lüftet, der sich um Ludwigs Persönlichkeit, seine sexuelle Orientierung und vor allem seinen Tod im Starnberger See gelegt hat?

Weder noch.

Den Variationen von Helmut Käutner, von Hans-Jürgen Syberberg - und der bekanntesten von Luchino Visconti mit Helmut Berger und Romy Schneider in den Hauptrollen - folgt nun eine von Marie Noëlle und Peter Sehr. Das Filmemacherehepaar verweist zwar auf neueste Erkenntnisse, die etwa aus bislang unbekannten Briefwechseln stammen. Doch in jeder Einstellung huldigt ihr "Ludwig II." vor allem dem Geist des Kinos.

Eine sensible, gequälte Seele, umgeben vom Prunk des Hofstaats und der eigenen Liebe zum überhöhten Leben der Kunst und Künstlichkeit, Liebe, Krieg, Politik, das ganz große Drama - was für ein Filmstoff! Dass das deutsche Fördersystem für Drehbücher mit historischen Stoffen besonders begeistert in die Taschen greift, sei als angenehme Nebensächlichkeit nicht verschwiegen.

Ästhetisierung von Politik und Leben

Nun hätte man das kurze Leben des Monarchen als Feier von Bombast und Pomp in Szene setzen können. Das wäre banal, aber immerhin eine konsequente ästhetische Strategie. Doch Noëlle und Sehr scheitern daran, dass ihnen gerade das eine nicht gelingt, das wirklich jeder Film über diese Figur zwingend zustande bringen muss: Sie finden kein Verhältnis zum Größenwahn Ludwigs, und ihnen fällt wenig Neues ein zur Ästhetisierung der Politik und des Lebens, die er betrieb.

Die großen Zusammenhänge ignorieren die Regisseure dabei weitgehend. Je nach Laune der Szene gilt ihr Fokus dem Mann im goldenen Käfig - oder dem Visionär, der seiner Zeit voraus war. Dabei gibt es durchaus Großartiges zu sehen: Vor seiner ersten Ansprache als frisch proklamierter König im März 1864 stürzen seine Ängste auf den 18 Jahre alten Ludwig ein. Er zittert, zagt, hält sich an allem fest, an Wänden, seinem Spiegelbild, seinem Gewand, in dem er schließlich versinkt, während die Kamera ihn umspringt wie ein Raubtier die gehetzte, erschöpfte Beute.

Der junge Ludwig wird von Sabin Tambrea gespielt, der vor allem von der Bühne des Berliner Ensembles bekannt ist. Das Zarte, Schlaksige des Schöngeistes bringt Tambrea wundervoll auf den Punkt, jeder Geste gibt er einen Hauch der Unsicherheit mit, und die Mühe, die es den jungen Monarchen kostet, seine vor allem bei den Ministern unpopulären Entscheidungen mit fester Stimme durchzusetzen, hört man in jeder Silbe. Tambrea spielt einen zerbrechlichen Knaben.

Farbensatte Opulenz

Den zerbrochenen Mann spielt dann Sebastian Schipper - den alten Ludwig, der sich auf Berghütten oder seine auf Pump finanzierten Märchenschlösser zurückzieht und sein Gesicht gerne hinter einer goldenen Maske verbirgt. Die Umbesetzung ist eine interessante Provokation der Sehgewohnheiten, zumal die anderen Darsteller lediglich in der Maske künstlich altern. Doch die Maßnahme ergäbe nur dann Sinn, wenn sie in ein übergeordnetes Konzept passte - wenn Noëlle und Sehr etwa sicher wären, dass sie entweder die Figur Ludwigs oder die Illusionsmaschine des Kinos dekonstruieren wollten. Warum aber haben sie dann so erhebliche Mühen mit der bayerischen Bürokratie auf sich genommen, um an Originalschauplätzen drehen zu können, in der Münchner Residenz, auf Neuschwanstein und Herrenchiemsee?

Szenenbildner Christoph Kanter und der Kameramann Christian Berger haben viele Filme mit Michael Haneke gedreht und etwa in "Das weiße Band", einem anderen Historiengemälde, eine seltene künstlerische Präzision und analytische Klarheit erreicht. In jeder Sekunde machen sie dort deutlich, was aus heutiger Sicht von der gesellschaftlichen Atmosphäre der dargestellten Ära, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, zu halten sei.

Vereinzelt findet man diese Einstellungen auch hier: Ludwig allein in seiner Loge. Ludwig allein auf einem Prachtboot, das für ihn gerudert wird. Ludwig allein im Prunksaal. Dann wieder explodieren die Bilder in farbensatter Opulenz, die Kamera schwelgt in elegischen Fahrten über zuckrige Alpengipfel oder inszeniert eine Todesvision als rauschhaft-beglückendes Vergehen im Mutterelement des Wassers.

Das mag für sich alles passen - aber zusammen passt es nicht. Auch nicht zu Edgar Selges Richard Wagner, einer herrlich humorvollen Charakterisierung des Komponisten, dessen Werk heute vor allem für das Gewaltige, Tosende, Bombastische steht. Diesen Wagner, den Revolutionär, der in Ludwig einen Mäzen und Ersatzsohn findet und dem man bald unterstellt, er sei der wahre Regierungschef Bayerns, gibt Selge ganz und gar unaristokratisch. Ob er einem als schlampiges Genie oder einfach als Penner erscheint, bleibt dem Zuschauer überlassen. Aber Selge gelingt es, mit herausgestellter Bodenständigkeit und Jovialität die meisten seiner Szenen ironisch zu erden.

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insgesamt 13 Beiträge
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1. "Eine sensible, gequälte Seele"
Layer_8 24.12.2012
Zitat von sysopWarnerLiebte er nur Männer? Wie starb er genau? Das Psychogramm "Ludwig II." fährt gewaltige Bilder auf, bietet aber wenig Neues - der Märchenkönig der Bayern bleibt ein großes Rätsel. Dafür glänzt Edgar Selge in dem Kinofilm als Richard Wagner. Er wirkt wie ein Genie. Und wie ein Penner. http://www.spiegel.de/kultur/kino/ludwig-ii-durchwachsenes-kinoportraet-des-maerchenkoenigs-a-873293.html
Dieser Penner hat seinen Staat vor lauter Schlösser pleite gehen lassen und musste daher seine Seele und seinen Staat quasi an Bismarck verkaufen. Damit hat er ganz Süddeutschland an die Preußen verkauft. 1871. Wir Badener kannten ja schon die Preußen von 1849. Die Bayern huldigten aber weiterhin diesem A*******h. So sehe ich das. Frohe Weihnachten!
2. Männer
kdshp 24.12.2012
Zitat von sysopWarnerLiebte er nur Männer? Wie starb er genau? Das Psychogramm "Ludwig II." fährt gewaltige Bilder auf, bietet aber wenig Neues - der Märchenkönig der Bayern bleibt ein großes Rätsel. Dafür glänzt Edgar Selge in dem Kinofilm als Richard Wagner. Er wirkt wie ein Genie. Und wie ein Penner. http://www.spiegel.de/kultur/kino/ludwig-ii-durchwachsenes-kinoportraet-des-maerchenkoenigs-a-873293.html
NEIN er war kein guter könig denn unter ihm und seinem irrsinn mußte das volk großen hunger leiden!
3. optional
marcusaemiliuslepidus 24.12.2012
Vieleicht sollte man auch mal in dessen Biographie darauf eingehen wie sehr er sein Land verschuldet hat. Immerhin so hoch das Preußen plump ausgedrückt die Bayern einfach zum Deutschen Reich dazugekauft haben.
4. Ja, aber
rabanito 24.12.2012
Gewaltig, bombastisch, tosend? Aber auch gefühlsvoll und fein. Ich empfehle dem Autor der Note zum Beispiel den Karfreitagszauber, nur zum Kennenlernen. Man soll nicht Kinokenntnis mit Sensibilität verwechsel, Schuster, bleib bei deinen Leisten :-) Unter anderem müssen wir alle Ludwig für Wagner danken. Wunderbare Musik. Den meisten Königen, Statuen hin oder her, schulden wir nichts.
5. Wenn der Reihenendhausbewohner versucht, sich dem Genie zu nähern...
2049er 24.12.2012
wird er albern. Ein Mensch, der nur am Leben und dort nur an seinen Abartigkeiten gescheitert ist.....wie soll man ihn darstellen ? Der König hat mehr gesehen, als er vertragen konnte. Ohne danach die schlichte Contenance zu behalten ( selbst ein schlichter Pfarrer Gauck oder ein bürgerlich-primitiver Schäuble schaffen das ) Das verzeit man niemandem.
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Ludwig II.

D 2012

Buch und Regie: Marie Noelle, Peter Sehr

Darsteller: Sabin Tambrea, Sebastian Schipper, Hannah Herzsprung, Uwe Ochsenknecht, Edgar Selge, Katharina Thalbach, Samuel Finzi

Produktion: Bavaria Film

Verleih: Warner Bros.

Länge: 130 Minuten

Start: 26. Dezember 2012