Deutsch-türkische Tragikomödie Sechs Richtige mit Süperzahl

Kulturen im Clinch: "Luks Glück" erzählt von einer deutsch-türkischen Familie, die ein Lotto-Gewinn auf eine harte Probe stellt. Beinahe wäre die Glücks-Reflexion der Regisseurin zum Verhängnis geworden - beim Dreh ging so ziemlich alles schief.

RealFiction Filmverleih

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Mit Glück ist es wie mit hochprozentigem Alkohol. In zu großen Portionen haut es dich um. Und wenn du es nicht gewohnt bist, dann brauchst du nur daran zu nippen, um sofort aus den Latschen zu kippen. So wie Luk (René Vaziri), der im Auto davon erfährt, dass er im Lotto gewonnen hat, um dann trunken vor Glück in ein Rapsfeld zu springen. Das Delirium in strahlendem Gelb - es verschafft der deutsch-türkischen Tragikomödie "Luks Glück" einen der schönsten und entfesselsten Kino-Momente des Jahres.

Mit dem Rausch ist es natürlich schnell wieder vorbei. Bald sitzt Luk, dieser Hanswurst im Glück, der sich zuvor sogar zu ungeschickt zum Onanieren erwiesen hat, nämlich zwischen Eltern und Geschwistern auf einem Couch-Ensemble, um über den Lotto-Gewinn zu beraten. Die Familie hat mitgetippt, und jeder hat eine andere Vorstellung, was mit dem Geld passieren soll. Der Vater träumt von einem Luxushotel daheim in Kappadokien, Mama will ihren Teil lieber auf einem eigenen Konto lagern, Luk indes hat noch keine Plan. Missgunst und Zorn liegen in der Luft. Glücksspiel ist oft nur ein Vorspiel fürs Pech.

Regisseurin Ayse Polat jedenfalls ist mit Verwendung des Wortes Glück inzwischen recht vorsichtig. In dem Titel eines Filmes würde sie es nach eigener Aussage nicht wieder verwenden - der Dreh von "Luks Glücks" brachte für sie vor allem eine Pechsituation nach der anderen. Erst ging die Co-Produktionsfirma pleite, dann der Verleih, schließlich das Unternehmen, das für die Postproduktion verantwortlich war. Mehr als sechs Jahre verschlang der Herstellungsprozess insgesamt.

Dabei gehörte Polat Ende der neunziger Jahre mit Hamburger Kollegen wie Yüksel Yavuz ("Aprilkinder") und Fatih Akin ("Kurz und Schmerzlos") zur ersten großen Welle junger türkischer Filmemacher. Mit "Die Auslandstournee" hatte sie im Jahr 2000 ein anrührendes Roadmovie über einen schwulen türkischen Sänger herausgebracht, 2004 folgte das formstrenge und elegante Jugenddrama "En garde". Ihrer Zeit war Ayse Polat immer ein kleines Stückchen voraus.

Mit sechs Richtigen durchs falsche Leben

Der arg verspätete Kinostart von "Luks Glück" lässt sie nun vollkommen zu Unrecht wie eine Nachzüglerin erscheinen. Längst sind hierzulande ein paar wirkungsvolle interkulturelle Komödien ins Kino gekommen, etwa Akins "Soul Kitchen" oder Ali Samadi Ahadis "Salami Aleikum". Und natürlich "Almanya", der Überraschungshit der Schwestern Samdereli, mit dem Polats Lotto-Lustspiel mit Süperzahl am engsten verwandt ist.

Hier wie dort geht es um einen deutsch-türkischen Clan, der sich geschlossen in die alte Heimat aufmacht. Die Familie im Ausnahmezustand, die Generationen im Krieg, die Kulturen im Clinch - das alles wird auch in "Luks Glück" verhandelt. Kein Klischee, das hier nicht aufgefahren wird - aber auch keines, das hier nicht lustvoll zertrümmert wird. Das ethnisch-soziale Durcheinander setzt Polat als sanftes Chaos in Szene. Gelegentlich, zugegeben, auch als allzu sanftes Chaos.

Wucht entwickelt ihr Film vor allem dann, wenn er mit Musik arbeitet - und das tut er reichlich. Hier lässt sich mit dem Thema Interkulturalität am stärksten spielen. Denn Luk entschließt sich, sein Geld in die Gesangskünste der jungen Krankenschwester Gül (Aylin Tezel) zu investieren. Auf YouTube plant Luk Werbevideos, unterlegt werden Güls Gesänge mit elektronischen Beats und Ska-Rhythmen, aber der Kern ist traditionell.

Bei den alten schmachtenden Hennanacht-Liedern, die Regisseurin Polat in der Türkei von der dort berühmten Sängerin Sevval Sam einsingen ließ, finden sich die Generationen in dem Familienporträt zusammen. Die Sehnsucht eint die Deutschtürken der ersten, zweiten und dritten Generation, auch wenn sie von unterschiedlichen Dingen träumen. Das Hotel in Kappadokien mit dem verdächtig luftigen Namen Kelebek (Schmetterling) erweist sich als genauso schwer umzusetzende Schwärmerei wie die Karriere Luks als Musikproduzent.

Ayse Polat ist ein hübscher Film um Betrug und Selbstbetrug geglückt. Zuweilen merkt man ihm die Mühen der Herstellung an, aber immer, wenn er droht zu bedächtig zu werden, wird eine schöne Pointe zur Illusionskraft gebracht, die auch im größten Verlierer wohnt. Am Anfang etwa sehen wir Luk beim Date mit einer Internet-Bekanntschaft. Fragt sie: "Du hast geschrieben, Du machst was Medien." Sagt er: "Ja, ich jobbe am Kiosk."



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
forkeltiface 28.06.2012
1.
Zitat von sysopRealFiction FilmverleihKulturen im Clinch: "Luks Glück" erzählt von einer deutsch-türkischen Familie, die ein Lotto-Gewinn auf eine harte Probe stellt. Beinahe wäre die Glücks-Reflexion der Regisseurin zum Verhängnis geworden - beim Dreh ging so ziemlich alles schief. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,836798,00.html
Bei den vielen Filmen, die es über lustig-bunte Deutsch-Türkische Familien gibt, müsste es doch irgendwie repräsentativ für die Gegenwart sein ... Allerdings kenne ich keine solche Familie - von den wenigen Versuchen sind auf Grund von Unterschieden die meisten gescheitert ... Trotzdem tut man immer so, als ob alles ganz easy wäre ... Verlogen.
skyrunner04 28.06.2012
2.
Hmm, jener Film lief bereits vor über einem Jahr im Inflight-Programm von Etihad (oder Emirates, ich bin mir nicht mehr ganz sicher). Um einen 8-Stunden-Flug einigermaßen erträglich zu machen halbwegs passabel, kann ich von einem Kinogang nur abraten. Zu gestellt und klischeehaft plätscherte die Handlung vor sich hin. Es hat schon seinen Grund, dass sich über mehrere Jahre hinweg niemand finden ließ, der ein Kino-Release auf die Beine stellte.
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