"Luna Papa" Märchen aus dem wilden Osten

Filme über Liebe und Tod, Familiensinn, Verrat und derlei gibt es wie Sand am Meer. Aber kaum einen, der seine Geschichte so lebhaft und bizarr-schön erzählt wie "Luna Papa". Mitten drin im tragikomischen Roadmovie aus Zentralasien: Moritz Bleibtreu.

Von Christian Bartels


Nasreddin (M. Bleibtreu), Mamlakat (C. Hamatova) und Alimzan (Merab Ninidze) auf der Suche nach dem "Mondschein-Papa"
Arthaus

Nasreddin (M. Bleibtreu), Mamlakat (C. Hamatova) und Alimzan (Merab Ninidze) auf der Suche nach dem "Mondschein-Papa"

Zu den Kinobildern, die sich gern dauerhaft im Gedächtnis der Zuschauer festsetzen, gehören ländliche und städtische Landschaften, in denen sich Menschen in unterschiedlichsten Fortbewegungsmittel herumsausen: Amerikanische Großstädte mit ihren Autoverfolgungsjagden à la "Bullitt" etwa, Fritz Langs "Metropolis" mit zwischen Wolkenkratzern schwirrenden Flugzeugen oder Luc Bessons Zukunfts-New-York in "Das fünfte Element".

Eine solch faszinierende Landschaft fürs Langzeitgedächtnis könnte auch die werden, die Regisseur Bakhtiar Khudojnazarow in "Luna Papa" ausmalt: Weite Steppen, durch die klapprige Kaninchentransport-Pick-ups, alte Kampfpanzer und illegale Blutspende-Busse rasen und auf denen Schafe weiden. Rostige Flugzeuge fliegen tollkühn tief darüber hinweg (damit die Passagiere ein Schaf klauen können nämlich), und Dorftrottel laufen umher, als seien sie selbst ein Flugzeug. Es handelt sich um Zentralasien, genauer gesagt: das Dreieck zwischen der usbekischen Stadt Samarkand, Tadschikistan, woher der Regisseur stammt, und Kirgisien, das hier zu Lande so unbekannt ist, dass man es laut Duden auch Kirgisistan nennen darf.

Was die Menschen dort mit der westlichen Welt verbindet, sind unter anderem die Helden ihrer Fiktionen. Shakespeare etwa, dessen Werke die umherziehenden Theatertruppen aufführen, von denen die 17-jährige Mamlakat (Chulpan Hamatova, Russin) schwärmt. Oder Tom Cruise, als dessen Freund sich der Fremde ausgibt, der Mamlakat in einer schönen Mondnacht schwängert. Bald stellt das Mädchen fest, was geschehen ist. Eine Abtreibung misslingt, ihre Schwangerschaft lässt sich nicht mehr verbergen. Sobald sich sein Zorn gelegt hat, bricht ihr verwitweter Vater (Merab Ninidze, Georgier) mit der Tochter und seinem verwirrten Sohn Nasreddin (Moritz Bleibtreu, Deutscher) auf, die Familienehre wiederherzustellen. Was nicht leicht ist, da Mamlakat den Erzeuger ihres Kindes nie von Angesicht gesehen hat...

"Luna Papa": Faszinierende Landschaften, skurrile Gefährte
Arthaus

"Luna Papa": Faszinierende Landschaften, skurrile Gefährte

Dies ist der rote Faden, an dem entlang "Luna Papa" seine skurrile Bilderwelt aufzieht und eine staunenswerte Balance zwischen innerer und äußerer Form herstellt. Wie aufgedreht wirken nicht nur die Gefährte in der Steppe, sondern auch die Schauspieler in ihren Rollen. Chulpan Hamatova in der Hauptrolle setzt da an, wo sie in "Tuvalu" aufhörte: Sie spielt mit schönen großen Augen und Gesten stummfilmhaft ungebärdig. Genau wie ihr Vater, den sie lieber erst fesselt, bevor sie ihm ihr Herz ausschüttet.

Auch Moritz Bleibtreu, dem die abenteuerlich internationale Kofinanzierung dieses Films (unter Federführung der Kölner Pandora Film sind acht Länder beteiligt) eine große Nebenrolle eingebracht hat, fügt sich hervorragend ein in die obskure Seelenlandschaft des Films: Ziemlich stumm und kantig, dennoch anrührend spielt er die Tragikomödie eines geistig behinderten Heimkehrers aus dem Afghanistan-Krieg. In diesem Sommer beweist sich Bleibtreu, der seit "Lola rennt" auch über eine kleine internationale Fangemeinde verfügt, als Schauspieler von exorbitanter Wandlungsfähigkeit.

So schön viele Momente sind - allein mit so genannter leichter Hand setzt Khudojnazarow seine Heimat dankenswerterweise nicht in Szene. Vielmehr schlägt das Schicksal auch hart, sehr hart zu, in Gestalt fliegender Kühe etwa. Auch verhöhnen die Menschen in ihrem Dorf die schwangere Mamlakat als Hure. Idealisiert wird hier nichts. Angesichts der Fülle an bizarren Ideen aller Art, die mitunter auch eine Überfülle ist (so wenn sich ab und zu auch noch Mamlakats Sohn aus dem Off zu Wort meldet), die Komödie und Tragödie, Satire und Märchen ausbalanciert und sich allen Genre-Schubladen entzieht, liegt der Vergleich mit Emir Kusturicas Balkan-Filmen sehr nahe. Zur Abgrenzung lässt sich sagen: Khudojnazarows Osten ist noch östlicher und auch noch ein wenig wilder als Kusturicas europäischer Osten.

"Luna Papa". D/Ö/CH/F/Russland/Japan/Tadschikistan/Usbekistan 1999. Regie: Bakhtiar Khudojnazarow; Buch: Iraklij Kwirikadze; Darsteller: Chulpan Hamatova, Merab Ninidze, Moritz Bleibtreu, Nikolaij Fomenko; Verleih: Arthaus; Länge: 107 Minuten; Start: 27. Juli 2000.



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