Stalker-Thriller "Ma folie" Was du nicht besitzen kannst, musst du zerstören

Der Feind in meinem Bett: Der Kinothriller "Ma folie" erzählt, wie Liebe in Zerstörungswut umschlägt. Ein Film, der in der aktuellen Debatte um den Stalker-Gesetzentwurf besonders tief geht.

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Liebe, Schmerz und Abscheu in Zeiten der elektronischen Datenübermittlung: Den ersten Mails, die er ihr schickt, sind kleine, poetische Filme angehängt, sogenannte lettres filmées. In denen feiert er das Leben und die Liebe. Nächtliche Impressionen aus Paris, zarte Akkorde auf der Akustischen, übermütige Weltumarmungsgesten.

Die letzten Mails, die er ihr schickt, bestehen aus audiovisuellen Hasstiraden. Bilder aus Gewaltpornos, verzerrte E-Gitarren, Ich-weiß-wo-du-wohnst-Attacken. Am Ende einer besonders perfiden Film-Mail - schöne Grüße von Luis Buñuel! - wird ein Auge mit der Rasierklinge zerschnitten. Beziehungsterror als Zwei-Minuten-Bildgewitter.

Woher dieser Hass? Das erste Mal begegnen sich die Psychologin Hanna (Alice Dwyer, "Was Du nicht siehst") und der Künstler Yann (Sabin Tambrea) in Paris in einer Bar; ein kurzer Augenkontakt reicht, Liebe auf den ersten Blick. Oder so was Ähnliches. Bei ihr in Wien wohnen die beiden dann auf wenigen Quadratmetern, die meiste Zeit liegen sie sowieso eng umschlungen im Bett und leben den Traum der völligen Vereinigung, jede Minute ohne den anderen erscheint eine zu viel.

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Psychothriller "Ma folie": Ekel-Mail an Dich

Doch auf einmal stellt sich bei ihm krankhafte Eifersucht ein, der Körper der Frau wird mit Gewalt eingefordert. Als Hanna ihn abweist, wird Yann zum Stalker. Die kranke Logik: Was du nicht besitzen kannst, musst du zerstören.

"Ma folie" ist ein Gewaltakt von Film. Leise am Anfang, brutal in der Mitte, verstörend im Nachgang. Vor dem Hintergrund der Diskussionen um den neuen Stalker-Gesetzentwurf erhält er noch mal besondere Bedeutung, weil er zeigt, wie tief eine solche Erfahrung in die Persönlichkeit des Opfers einschneidet.

Äußerer Druck, innere Konflikte

Über zehn Jahre saß Regisseurin und Autorin Andrina Mracnikar an ihrem Debüt, 2015 wurde sie dafür mit dem First Steps Award ausgezeichnet, jetzt kommt der Film endlich ins Kino. Mracnikar schafft es, den Stalker-Schocker in eine Art Kommunikationsthriller zu wenden. Einzelne Szenen sind für ein Erstlingswerk in ihrer Konkretion erstaunlich - und doch wird der Stoff über 100 Minuten gekonnt in der Schwebe und die Spannung am Laufen gehalten. Am Ende gibt es keine Antworten, nur Fragen. Universale Fragen.

Was wissen wir über unser Gegenüber? Was weiß unser Gegenüber über uns? Was projiziert es in uns? Und welche Rückwirkungen haben dieses Wissen und diese Projizierungen auf uns? Sind wir vielleicht wirklich nur das, was die anderen über uns denken?

Regisseurin Andrina Mracnikar
W-Film

Regisseurin Andrina Mracnikar

Regisseurin Mracnikar hat an der Filmakademie Wien studiert, unter anderem bei Michael Haneke. Wie ihr Dozent nutzt auch sie das Genrekino, um über Wahrnehmung und Orientierung, über Persönlichkeitskonstruktionen und -dekonstruktionen zu sinnieren. Mracnikars "Ma folie" hat viele Parallelen zu Hanekes "Caché" aus dem Jahr 2006, in dem äußerer Druck innere Konflikte forciert.

Auch für Psychologin Hanna in "Ma folie" lösen sich in der Extremsituation Stück für Stück alte Sicherheiten auf, unter der Oberfläche schwelende Probleme treten offen zu Tage. Und falsche Freundschaften werden zu echten Feindschaften.

Wie übersetzt man Schmerz?

Oder leidet Hannah doch unter Paranoia, wie ihr einige Menschen aus ihrem Umfeld suggerieren? Bei der Arbeit sieht sie sich auf einmal Angriffen der Kollegen ausgesetzt, während einer Supervision mit anderen Therapeuten eskaliert die Situation. Hannas professionelle Selbstkontrolle ist dahin; ihr Selbstbild sowieso.

Fatal, denn Hanna arbeitet mit traumatisierten Kindern, jeder unüberlegte Schritt kann mühsam aufgebautes Vertrauen kosten. In einer der stärksten Szenen muss ein tschetschenisches Mädchen, das deutsch spricht, für ihre Mutter bei der Therapeutin übersetzen. Die Mutter erzählt, was dem Kind passiert ist. Das Kind erklärt der Therapeutin, was die Mutter über das Kind erzählt hat. Die Patientin als Dolmetscherin ihrer eigenen Seele. Aber wie übersetzt man Schmerz?

Hanna ist die Letzte, die das weiß. Die bedrohte Heldin ist bald lost in Translation; zwischen aggressiver Fremdbestimmung und rigoroser Selbstbefragung entgleitet ihr die Gewissheit über die eigene Person. Ein Thriller über Verführung und Vernichtung, der nicht aufhört, wenn er zu Ende ist.


Der Autor war Mitglied der First-Steps-Jury 2015

Im Video: Der Trailer zu "Ma folie"

"Ma folie"

    AT/F 2015

    Buch und Regie: Andrina Mracnikar

    Darsteller: Alice Dwyer, Sabin Tambrea, Gerti Drassl, Oliver Rosskopf

    Produktion: Extra-Film

    Verleih: W-Film

    Länge: 99 Minuten

    Start: 21. Juli 2016

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