Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Macbeth" im Kino: Will das Schicksal ihn als König

Von

Das größte Schurkenpaar der Theatergeschichte, dargestellt von zwei der zurzeit besten Schauspieler: In der Verfilmung von "Macbeth" treten Michael Fassbender und Marion Cotillard zum mörderischen Kampf um die schottische Krone an.

Da hinten, in der zweiten Reihe irgendwo hinter Gerard Butler und Dominic West, ist er: Michael Fassbender. Das Gesicht wird die meiste Zeit von einer Maske verdeckt, der nackte Oberkörper ist digital aufgepumpt und die Muskeln noch stärker definiert.

Keine zehn Jahre ist es her, da tritt einer der besten Schauspieler seiner Generation noch als Nebenfigur im protofaschistischen Heldenepos "300" auf. Brüllen, drohen, mit dem Schwert zustechen muss er dabei, am besten so, dass das Muskelspiel seines Oberkörpers gut zu erkennen ist und seine Männlichkeit einschüchternd wirkt.

Kurze Zeit später ändern sich die Rollen für Fassbender dramatisch. Er erlebt seinen Durchbuch als IRA-Kämpfer Bobby Sands in "Hunger", brilliert als verführerischer Stiefvater in "Fish Tank", ist ein wunderbarer Rochester in "Jane Eyre", gilt 2011 bei seiner Auszeichnung in Venedig für "Shame" längst als einer der vielseitigsten und charismatischsten Darsteller des europäischen Kinos.

Fotostrecke

9  Bilder
"Macbeth": Seid blutig, kühn und fest
Mit zwei Glanzrollen scheint dieses Jahr nochmals eine Steigerung zu bringen: Am 12. November startet das Biopic "Steve Jobs", für das Fassbender bereits als Oscar-Kandidat gehandelt wird. Und ab dieser Woche ist er in "Macbeth" zu sehen, der Verfilmung von Shakespeares berühmter Tragödie, die im Mai in Cannes umjubelt wurde. An der Seite von Marion Cotillard spielt Fassbender den Heeresführer Macbeth, der lieber mordet, als zu warten, bis die Thronfolge Schottlands auf ihn fällt. Dabei hat sich Macbeth als mutiger Krieger bewiesen, dem die Ehrfurcht seiner Untergebenen und der Respekt des amtierenden Königs gewiss sind. In der Deutung der Drehbuchautoren Jacob Koskoff, Michael Lesslie und Todd Louiso sind Macbeth und seine Ehefrau jedoch vom Verlust ihrer zwei kleinen Kinder traumatisiert. Solange sie für keine Dynastie von Macbeths garantieren können, muss ihr Erbe eben in der unverzüglichen, brutalen Herrschaft über Schottland geschaffen werden.

Ein Drama in Skelettgröße

Schnell ist der Plan gefasst, den König, der für eine Nacht Gast der Macbeths ist, des Nachts zu töten. Die tödlichen Dolchstöße führt Macbeth selbst aus, für die Intrige, die den Königswächtern den Mord anlastet, sorgt Lady Macbeth. Doch mit den Königskronen auf ihren Häuptern kommt eine neue Last hinzu: Schuldgefühle und Zweifel, ob man nicht viel größeres Unglück über sich gebracht habe, treiben König und Königin fortan erbarmungslos um.

Nicht an Originalschauplätzen, aber zumindest in England und Schottland hat der Australier Justin Kurzel ("Snowtown") "Macbeth" gedreht. Während der Originaltext von den Autoren auf skeletthafte Kürze gebracht wurde, nimmt sich Kurzel inszenatorisch weit weniger Freiheiten: Die Kulisse besteht aus den kargen Hügeln der Highlands und rustikalen Zeltstädten, die Rüstungen der Soldaten sind einfach, ihre Kriegsbemalung archaisch.

Es ist nicht die einzige Ebene, auf der Kurzel das Drama und sein Setting wörtlich nimmt. Wenn Blut vergossen wird, erstreckt es sich in dunkelroten Lachen. Wenn Macbeth die Geister der Toten erscheinen, sind sie auch für das Auge des Zuschauers erkennbar. Der Schnitt in den anfänglichen Kampfszenen ist virtuos, die leuchtende Farbgebung in etlichen Bildern expressiv. Doch beides kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kurzel keine Abstraktion gelingt und seine Bilder kaum mehr als illustrieren.

Hätte Kurzel eine neue Dynamik zwischen Königin und König gefunden, hätte er einen neuen Rhythmus in Shakespeares Worten erkannt, würde das nicht so sehr ins Gewicht fallen. Doch die Psychologie seines Films fällt reizlos traditionell aus, der erzählerische Fokus liegt auf dem geplagten König, anstatt der Monstrosität der Königin, die in vielen zeitgenössischen Theaterinszenierungen herausgearbeitet wird, nachzuspüren. Zusammen mit dem extrem verknappten Text ergibt sich so eine Holzschnitthaftigkeit, die besonders im Moment des Todes von Lady Macbeth zutage tritt. In einer schwächeren Rolle hat man Marion Cotillard lang nicht mehr gesehen.

Und auch Michael Fassbender weiß sich mit dem dünnen Stoff nicht zu behelfen. In der steten Konfrontation mit anderen Männern, die ihm die Macht streitig machen, kann er wenig mehr, als sich zum brüllenden, Schwert führenden Kämpfer aufzuschwingen. Wenn Kurzel die Szenen dann auch noch mit grellem Rot unterlegt oder sie bläulich einfärbt, sodass die Figuren wie Zeichnungen wirken - dann ist das plötzlich ganz nah dran an der comichaften Archaik von "300" und Michael Fassbender wieder der Kämpfer, dem nur Männlichkeit darzustellen übrig bleibt. Was für ein seltsamer Kurzschluss in dieser bemerkenswerten Karriere.

Im Video: Der Trailer zu "Macbeth"

Macbeth

Großbritannien, Frankreich, USA 2015

Regie: Justin Kurzel

Drehbuch: Todd Louiso, Jacob Koskoff, Michael Lesslie

Darsteller: Michael Fassbender, Marion Cotillard, David Thewlis, Paddy Considine, Jack Reynor, Sean Harris

Produktion: See-Saw Films

Verleih: StudioCanal Deutschland

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 29. Oktober 2015

Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops
Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: