Macht und Missbrauch an Filmsets Wie wir neues Vertrauen schaffen können

An Filmsets regiert die Angst, vor und hinter der Kamera. Hier schreibt der Autor und Regisseur Jan Krüger von seinen ganz persönlichen Erfahrungen - und macht einen Vorschlag, wie sich Unsicherheiten abbauen lassen.

Szene aus "Casting" von Nicolas Wackerbarth
Berlinale

Szene aus "Casting" von Nicolas Wackerbarth


Mit der Entscheidung, Filme zu machen, habe ich in eine Branche hineingeheiratet, deren Strukturen mir nach fünfzehn Jahren zu Teilen noch immer fremd sind. Der zuletzt öffentlich gemachte Sexismus und Machtmissbrauch macht mich ebenso wütend wie er mich ehrlicherweise kaum überrascht.

Als (männlicher/schwuler) Regisseur finde ich mich selbst oft genug zwischen den Stühlen wieder, in vielschichtigen ökonomischen und menschlichen Abhängigkeiten. Es wird Solidarität brauchen und einen langen Atem, um die äußeren Bedingungen und hart verteidigten Besitzstände der Filmbranche wenigstens ein Stück weit zu verändern.

Zum Autor
  • privat
    Jan Krüger ist Autor und Filmregisseur. In seinem gerade erschienenen Buch "Proben für Film" (Alexander Verlag) beschreibt er Bedingungen für eine kreative Zusammenarbeit von Schauspiel und Regie auf Augenhöhe. Dafür hat er auch Gespräche mit anderen RegisseurInnen und SchauspielerInnen geführt, u.a. mit Steffi Kühnert, Christian Petzold und Maren Ade.

Als praktischer Filmemacher habe ich allerdings noch eine weitere Perspektive. Auch meine eigentliche Arbeit am Filmset ist von Abhängigkeiten geprägt, von Gefühlen von Macht und Ohnmacht, die damit einhergehen. Nicht wenige davon sind im künstlerischen Kern der Arbeit selbst angelegt - sie lassen sich nicht einfach beseitigen.

Aber ich kann versuchen, sie besser zu verstehen und zu kommunizieren. Dazu gehört, über eigene Erfahrungen, womöglich auch Niederlagen und Ängste zu sprechen. Beides ist wichtig: der Kampf gegen die Verwerfungen einer Branche, wie auch eine Ehrlichkeit gegenüber den Bedingungen der eigenen Arbeit. Das eine kann nur gelingen, wenn man das andere nicht ausblendet.

Prekäre Regie

Für einen guten Film braucht es kühne künstlerische Entscheidungen und die Mittel, diese durchzusetzen. Mit der Macht, die eine Regisseurin oder ein Regisseur in den Händen hält, ist das allerdings so eine Sache. Sie zeichnet sich vor allem durch zwei Dinge aus: Erstens, dass sie in aller Regel von Dritten (Produzenten, Redaktion) verliehen wird. Es ist eine Macht aus zweiter Hand, die an mehr oder weniger deutliche Bedingungen geknüpft ist: das Bedienen eines fertigen 'Formats', das Erfüllen von (fiktiven) Publikumserwartungen, das Einhalten eines oft äußerst knappen Budgets.

Die zweite Besonderheit beim Film ist, dass die Regie-Macht in aller Regel nur 'auf Produktionsdauer' verliehen wird, das heißt für wenige Wochen, selten Monate. Beides zusammen - Macht aus zweiter Hand und auf kurze Zeit - macht die Position der Regie ungewöhnlich prekär.

Zur Debatte
    #MeToo und dramatische Einbrüche bei den Zuschauerzahlen haben die deutsche Filmbranche verunsichert. Was muss sich ändern? Wie kann das Publikum besser erreicht werden? Wie können die Arbeitsbedingungen verbessert werden, damit Kreativität mehr Raum hat und Missbrauch verhindert wird? In loser Folge veröffentlichen wir an dieser Stelle Gastbeiträge aus der Branche mit konkreten Reformvorschlägen. Bisher erschienen: "Macht und Missbrauch an Filmsets: Wie wir neues Vertrauen schaffen können" von Jan Krüger

Tatsächlich habe ich mich in meinem Leben selten machtloser gefühlt als etwa beim Dreh meines ersten Kinofilms. Jeder der Beteiligten schien mehr Zeit an den Filmsets dieser Welt verbracht zu haben als ich selbst. Alle wussten, wie der Hase läuft, aber ich sollte vorweg marschieren. Nach zwei Wochen Drehzeit teilte mir einer der Darsteller mit, das dauere ihm jetzt alles zu lange und meine Ansagen seien ihm zu unklar. Er würde ab jetzt nur noch durch die Regieassistentin mit mir kommunizieren.

So abstrus die Situation, so hilflos war ich. Meine einzige "Macht", zumindest in diesem Moment, bestand darin, die Arbeit zu unterbrechen, bis die Sache geklärt wäre. Dann hätte sich jedoch alles verschoben, ich hätte diese Szene und wohl auch den Rest des Drehtags aufs Spiel gesetzt. Statt die Auseinandersetzung zu suchen, habe ich mich weggeduckt, und den Tag wie auch die folgenden so gut es ging zum Abschluss gebracht. Der Film ist am Ende sehr schön geworden. Die Arbeit aber war in großen Teilen eine Zumutung - für mich und für die anderen.

Heute, fünfzehn Jahre später, verstehe ich besser, was eigentlich hinter dem Konflikt stand. Ich habe ihn als Machtprobe aufgefasst. Doch Macht ist in der Beziehung zwischen Schauspiel und Regie keine hilfreiche Kategorie - im Kampf darum können beide Seiten nur verlieren. Das hat vor allem mit der einzigartigen Arbeitsteilung zu tun, die im Kern eine künstlerische Abhängigkeit ist: Die Regie kann Inspiration anbieten, aber wenn die Kamera läuft, sind die Schauspieler miteinander allein. Sie müssen während des Spiels aufeinander reagieren, ihren Instinkten folgen - und mir nach der Szene in meiner Bewertung vertrauen.

Damit das funktioniert kann, muss man einander lange kennen. Oder: sich gründlich vorbereiten. Ziel dieser Vorbereitung ist für mich, Vertrauen zu schaffen, so etwas wie eine "professionelle Intimität". Ich verständige mich mit den Schauspielern über Grenzen und ihre in der Kunst manchmal notwendige Überschreitung. Das braucht Zeit und buchstäblich Spiel-Raum.

Hört man sich in der Branche um, ist längere Probenzeit für einen Film allerdings die Ausnahme. Tatsächlich frage ich mich immer noch, warum. Ein Grund ist vielleicht die fragwürdige Praxis, dass Proben beim Film (in Deutschland) in aller Regel komplett unbezahlt sind. Das verschiebt sie in der Terminhierarchie für viele weit nach unten. Das ist natürlich Quatsch und ließe sich leicht ändern. Es wäre sogar im Interesse der Produktion - schließlich kostet eine ganze Probenwoche, selbst ordentlich bezahlt, immer noch den Bruchteil eines einzelnen Drehtags.

Öffentliches Scheitern

Doris Dörrie schreibt in ihrem "FAZ"-Gastbeitrag vom Februar 2018: "Noch immer glauben viel zu viele Regisseure, das Inszenieren eines Films sei ein despotischer Akt. In Wahrheit haben sie alle nur Angst." Dörrie spitzt zu, aber ich teile ihre, durchaus ambivalente, Erfahrung. Angst spielt eine der durchgehenden Hauptrollen bei der Filmherstellung - vielleicht neben Irrsinn, Mut und Verzweiflung.

Tatsächlich gibt es immer wieder neue und sehr reale Gründe für diese Angst. Mein letzter Kinofilm "Die Geschwister" erzählt die Geschichte einer Freundschaft in Berlin-Neukölln - ein Heimspiel, dachte ich. Falsch gedacht. Ich hatte das betrunkene Partyvolk unterschätzt, das nachts um zwei noch ein Filmset aufmischen kann. Und die genervten Anwohner, die schließlich die Polizei riefen. Ich konnte sie sogar verstehen.

Oder unser Hauptmotiv: eine Dachgeschosswohnung an der Hauptverkehrsstraße. Beim Dreh im August, als die Tonkollegen die Fenster schlossen, stieg die Temperatur innerhalb von Minuten auf über 40°C. Auch hier kommt es zwangsläufig irgendwann zu technischen und menschlichen Ausfällen.

Die allermeisten Filme entstehen aus solch einer sozialen und räumlichen Realität heraus, für die es kein Handlungsrezept gibt. Das Gefühl, alles könnte in jedem Moment auseinander fliegen, begleitet jeden Schritt. Und jedes Scheitern am Filmset ist nicht nur eine private Niederlage, sondern ein höchst öffentlicher Akt. Das ganze Team wird Zeuge oder findet die Folgen auf der nächsten "Dispo" (Tagesplanung) wieder. Das ist die Angst der Regie.

Für die Schauspieler ist es noch existentieller: Niemand, der es nicht schon erlebt hat, weiß, was es bedeutet, eine Darstellung von sich selbst überlebensgroß und für alle Zeiten auf der Leinwand verewigt zu sehen. Dabei spielt es keine große Rolle, ob ein Gefühl des Scheiterns von außen formuliert wird oder ob es ein subjektives, gar irrationales Gefühl ist. Es setzt sich fest und wird Teil der Angst, dass es wieder passieren kann.

Vertrauen

Was tun? Wie mit einer Angst, die so eng mit dieser besonderen Arbeit verbunden ist, umgehen? Eine Lösung kann auch hier sein, die wesentlichen künstlerischen Partner rechtzeitig zusammenzubringen. Auf einer Vorbereitungszeit zu bestehen, die es erlaubt, sich den wesentlichen Konfliktpunkten der bevorstehenden Arbeit anzunähern, ohne den Druck des täglichen Gelingens.

Vor allem aber ist Ehrlichkeit im Umgang gefordert. Das ist weniger trivial, als es klingt. Wirklich zu kommunizieren heißt auch immer, ein Fenster zu seinem Inneren aufzusperren - ohne dass dies sentimental oder gar übergriffig wird. Die Filmschulen wären der richtige Ort, eine professionelle emotionale Kommunikation zu trainieren. Ich habe den Eindruck, viele Schulen schrecken davor zurück, auch weil das Ergebnis nicht unmittelbar vorführbar ist. Und doch habe ich die selbstbewusste Augenhöhe mit den Schauspielern am Filmset für mich als effektivsten Weg erlebt, auch alle anderen mit ihren Unsicherheiten und Schwierigkeiten mitzunehmen.

Am Ende kommt es darauf an, einen guten Film zu machen. Unter welchen Bedingungen, mit welcher Vorgeschichte interessiert das Publikum im Zweifel weniger. Muss es vielleicht auch nicht. Interessieren sollte es allerdings alle, die langfristig in der Branche arbeiten wollen. Sie müssen im eigenen Interesse für angemessene Arbeitsbedingungen kämpfen.



insgesamt 7 Beiträge
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quark2@mailinator.com 01.08.2018
1.
Meine Zusammenfassung: Geldmangel führt zu Zeitmangel, Zeitmangel zu mangelnder Vorbereitung und die Gesamtsumme ist menschlicher und zeitlicher Streß, der der Sache nicht hilfreich ist. Da die eigene Karriere an wenigen Filmen hängt, ist jeder Meter irre wichtig, aber man hängt von anderen Menschen ab, die man ggf. nicht kennt. Das Ganze macht irre Angst und ggf. abhängig. Also mal wieder eine Branche, die zu sehr unter ökonomischem Druck steht, so wie viele andere auch. Irgendjemand sollte mal offen sagen, daß die Leistungsgesellschaft nicht human ist und zu viele Leben zerstört. Leider kann man das nur global lösen ...
Bürger Icks 01.08.2018
2. Wenn das Filmbusiness wirklich eine solche Hölle ist
Und dort alle diskriminiert, unterdrückt, ausgenutzt und ausgebeutet werden, eine Ellbogenmentalität vorherrscht, schlimmer vielleicht noch als in jedem anderen Beruf auch, kein normales Arbeiten unter normalen Bedingungen möglich zu sein scheint, da fragt man sich doch wieso alle in diesem Business bleiben die schon drin sind. Und warum trotzdem noch so viele dorthin wollen...
Newspeak 01.08.2018
3. ...
Mir scheint, die Probleme entstehen, weil zuwenig Klarheit und Konsequenz herrscht. Und ja auch Mut zur Kollision. Was will man denn? Dass sich alle liebhaben? Dabei kommt nichts heraus. Entweder man schafft es, ein solches Projekt wirklich auf eine ganz andere Weise zu organisieren, kollektiv, dann braucht es aber keine Regisseure mehr. Oder man akzeptiert, dass in jedem Projekt, das eine gewisse Groesse uebersteigt, personell, finanziell, zeitlich, eine Hierarchie beinahe zwangslaeufig entstehen muss, damit die Organisation eine Richtung bekommt, damit Verantwortlichkeiten klar sind, damit jeder Teilnehmer sich auf die Struktur verlassen kann. Effiziente Arbeitsteilung mit klar umrissenen Aufgaben und Machtzuweisungen. Wenn man das akzeptiert, dann muss es einen Regisseur geben, und dann muss der auch sagen koennen, wie der Hase zu laufen hat. Und das ist dann, ja, zuweilen diktatorisch. Die Gesellschaft heute erscheint mir gefangen in Traumgebilden. Man will das eine, und man will gleichzeitig das Gegenteil, und den inhaerenten Widerspruch ignoriert man, indem man alles moeglichst wortreich und politisch korrekt verschwurbelt. Hier will man Fuehrung, aber ohne all die negativen Seite, die Fuehrung mit sich bringt. Geht aber nicht. Und der Beitrag ist die wortreiche Beschreibung der fehlenden Einsicht in den unaufgeloesten Widerspruch.
Olaf 01.08.2018
4.
Eigentlich ist der Regisseur so etwas wie ein Projektleiter. Er hat von den Geldgebern ein gewisses Budget bekommen, um ein Projekt zu realisieren. Das ist immer ein Eiertanz zwischen Anforderungen, Wünschen der Auftraggeber, Personalproblemen und der Realität. Insofern sehe ich da keinen Sonderfall beim Film. Zumal das alles noch nichts mit Missbrauch zu tun hat. An diesem Thema wird eher elegant vorbei geschrieben, habe ich den Eindruck.
philosophus 01.08.2018
5. Beruf wechseln !...
SPON: "An Filmsets regiert die Angst, vor und hinter der Kamera." ===>> Wer dieses Gefühl hat, vor oder hinter der Kamera Angst zu verspühren, sollte seinen Beruf wechseln. Während meiner 32-jährigen Regiearbeit, habe ich oft Stress empfunden, ja, antreibenden Stress aber Angst... nein, nie. Filmemachen ist eine Schaffensprozedur bei welcher das Ich mit dem Du verschmelzt. Alle sind sobald sie das Filmset betreten, Diener. Das Drehbuch steht über alles... und da passiert das "Magische" ... ein unbeschreibliches Hochgefühl ist da: man erlebt sich nicht mehr als Individuum, man spürt nur noch dass alle eine wunderbare homogene Einheit darstellen, wo (mindestens hinter der Kamera), nur noch fast die Blicke dominieren. Dieses erhabene Gefühl herzustellen, ist Aufgabe des Regisseurs. Jede Angst, Unsicherheit, Unwohlgefühl, genauso wie die gelungene Mitarbeit der Regie mit allen mitschaffenden am Set, kann man später auf der Leinwand, klar erkennen... Was den öffentlich gemachten Sexismus am Filmset betrifft, ist nicht mehr aber auch nicht weniger, wie sonst im Leben auch ... aber ungleich interessanter es hochzuschrauben und darüber zu berichten !...
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