"Mädchen am Sonntag" Die phantastischen Vier

Auch wenn im hiesigen TV-, Theater- und Filmbetrieb die immer gleichen Stars auftauchen: Schauspielkunst hat viele Gesichter. Vier der interessantesten stellt Nachwuchsregisseur Rolf Peter Kahl in seinem feinsinnigen Interviewfilm "Mädchen am Sonntag" vor.

Von Peter Luley


Ohne Rücksicht auf Verluste jagt der Rennwagen durch die Straßen. Überfährt Kreuzungen, schneidet Kurven. Als er schließlich am Zielort ankommt, erwartet den Fahrer am roten Teppich vor dem Eingang des Kinos eine attraktive junge Frau: "Da bist du ja endlich. Es hat schon angefangen."

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"Mädchen am Sonntag": Unkonventionelles Kreativ-Quartett

Mit dieser rasanten Sequenz eröffnet der gelernte Schauspieler, aber vor allem als Independent-Regisseur und Produzent tätige Rolf Peter ("RP") Kahl seinen 80-minütigen Film "Mädchen am Sonntag", eine liebevolle Porträtcollage der Film- und Bühnen-Darstellerinnen Laura Tonke, Katharina Schüttler, Inga Birkenfeld und Nicolette Krebitz. Die Ouvertüre ist inspiriert von Claude Lelouchs legendärem Zehnminüter "C'était un rendez-vous", der eine 1976 im Morgengrauen unternommene und mit aufs Auto geschnallter Kamera gefilmte Höllenfahrt durch Paris zeigt.

Der Titel "Mädchen am Sonntag" wiederum erinnert zum einen an die 1930 in Berlin gedrehte halbdokumentarische Chronik "Menschen am Sonntag", verströmt zum anderen französischen Charme und Sex-Appeal. Und die Grundeinstellung des 35-jährigen überzeugten Low-Budget-Mannes Kahl ("99euro-films") ist mit der Truffautschen Kinomaxime "Lass schöne Frauen schöne Dinge tun" sicherlich nicht falsch beschrieben.

Sympathischerweise aber benötigt der in vier Teile gegliederte Interviewfilm bei allem Einfallsreichtum kein cineastisches Weihrauchschwenken, um versteh- und goutierbar zu sein. Die Anspielungen sind mit leichter Hand gestreut, und wer nicht alle als solche erkennt, kann dennoch die Poesie der Bilder genießen. Einzige Voraussetzung dafür ist, das eine oder andere der porträtierten "Mädchen" schon in einer Rolle erlebt zu haben. Denn in der schlüssigen Auswahl der Schauspielerinnen liegt bereits die erste Qualität des Films.

Mit Ausnahme der Berufseinsteigerin Inga Birkenfeld gehören sie alle zur filmkünstlerischen Avantgarde Deutschlands, zur kleinen Schar der Hoffnungsträgerinnen mit Haltung. Laura Tonke, 31, einst als 17-Jährige vom Schulhof weg für Michael Kliers "Ostkreuz" engagiert und seither als Autodidaktin durchgängig im Geschäft, ist die vielleicht konsequenteste Arthouse-Aktrice des Landes: Zu ihrer Filmografie zählen unter anderem die Autorenfilme "Farland", "Pigs Will Fly" und "Baader" sowie Arbeiten mit Dominik Graf und Rudolf Thome.

Katharina Schüttler, 26, wird vor allem mit ihrer atemberaubenden Performance als Titelheldin des 2002 gedrehten Dramas "Sophiiiie!" assoziiert, hat aber davor ("Die innere Sicherheit", "Das weiße Rauschen") und danach ("Sehnsucht") weitere eindrucksvolle Beispiele ihres Talents geliefert.

Und Nicolette Krebitz, 34, dürfte durch vergleichsweise cineplexxkompatible Kinofilme wie "Bandits" und gelegentliche Mitwirkung in so genannten TV-Events wie "Der Tunnel" zwar die Bekannteste im Viererbunde sein, im Grunde aber ist auch sie eine Größe der Independentszene. Davon zeugen nicht nur die zahlreichen ihr zugedachten musikalischen Widmungen (unter anderem von Fettes Brot und Tocotronic), sondern auch Filmexperimente wie "Candy", "Fandango" und "Long Hello and Short Goodbye". Auf den Großdreh zu "Der Tunnel" ließ sie ihre erste Regiearbeit folgen, das bezaubernde Stimmungsgemälde "Jeans".

Dass der gebürtige Cottbusser Kahl gerade diese Anti-Stars befragt, die sich bewusst vom Ferres/Ferch-Mainstream absetzen, verleiht seinem Projekt grundsätzlichen Reiz. Dass er die Interviews auch noch originell umzusetzen wusste und die Schauspielerinnen in die Gestaltung miteinbezog, macht den Film zu einer kleinen Perle. So verzichtete der Regisseur auf die Einblendung seiner Fragen genauso wie auf die in solchen Porträts üblichen Filmausschnitte. Vielmehr hat er seine Protagonistinnen in wechselnden Jahreszeiten und Umgebungen gefilmt und lässt sie einfach nur erzählen.

Die Künstlerinnen danken es ihm mit entwaffnender Offenheit und Spaß an der Selbstinszenierung: Wer hätte etwa gedacht, dass ausgerechnet die zierlich-scheue Laura Tonke, Heldin der Auftaktepisode, sich im Schaumbad aalen und beim Weintraubenessen im Hotelbett filmen lassen würde? Oder dass sie mit 18 vom Superstar-Status träumte und mit 21 von der Entwicklung einer eigenen Parfüm-Marke? Natürlich sollte man nicht alles hier Gesagte für bare Münze nehmen, aber wenn die romantisch im Schnee aufgenommene Katharina Schüttler davon erzählt, wie sie "Sophiiiie!"-Szenen aus ihrem Promo-Band tilgen musste, weil die unkonventionelle Ästhetik Regisseure und Sender-Redakteure verstört hätten, dann sagt dies bereits einiges über die Mechanismen der Branche aus.

Bei allem Realismus hinsichtlich der Gesetze des Film- und TV-Geschäfts, bei allen berufstypischen Selbstzweifeln und Ängsten - etwa nicht mehr besetzt zu werden -, wird Kahls Frageszenario niemals frustrierend oder larmoyant. Es ist manchmal hart, sich treu zu bleiben, aber wir wollen trotzdem nichts anderes tun - so etwa ließe sich das Credo von Krebitz und Co. zusammenfassen. Dieser Botschaft den entsprechenden Rahmen gegeben und den Protagonistinnen doch ihr Geheimnis bewahrt zu haben ist das Verdienst des Regisseurs. Seinen kleinen (Programm-)Kinostart hat das schon auf einigen Festivals präsentierte und beim Hessischen Filmpreis 2005 mit dem Nachwuchspreis prämierte Werk wahrlich verdient.



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