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Mafia-Drama "Tödliche Versprechen": Blutiges Dampfbad

Von Bert Rebhandl

Wenn ein kühler Killer ins Schwitzen kommt: David Cronenbergs Thriller "Tödliche Versprechen" ist ein präzises, atmosphärisch dichtes Porträt der russischen Unterwelt in London - und ein Meisterwerk der Reduktion. Nur an Gewalt spart der kanadische Kultregisseur nicht.

Was in anderen Ländern das Strafregister ist, ist in Russland der eigene Körper: Die harten Männer tragen ihre Knastbiografie auf die nackte Haut tätowiert. Für jedes Gefängnis, das sie überlebt haben, tragen sie ein Zeichen. Wenn die Männer sich unbekleidet zeigen, im Dampfbad oder im Bordell, dann mustern sie einander mit dem Blick von Rivalen – wer hat mehr ausgehalten, wer hat die dunklere Vergangenheit?

Viggo Mortensen als russischer Killer Nikolai in "Tödliche Versprechen": Reduktion bis zur Schmerzgrenze
Tobis

Viggo Mortensen als russischer Killer Nikolai in "Tödliche Versprechen": Reduktion bis zur Schmerzgrenze

Die Tätowierungen sind so etwas wie die Vorgeschichte von David Cronenbergs neuem Film "Tödliche Versprechen". Ort der Handlung ist London – die englische Metropole ist zu einem Anziehungspunkt für Menschen mit Geld geworden, auch solchen, die über die Herkunft ihres Reichtums möglichst wenig Angaben machen wollen. Cronenberg schildert das russische London nun zugleich von innen und von außen - als eine Geheimgesellschaft, geschützt durch einschüchternde Türsteher, verbarrikadiert hinter der Sprachgrenze. Zwei blutige Vorfälle stehen am Beginn: Einem Mann wird beim Friseur die Kehle durchschnitten, ein junges Mädchen stirbt in einem Operationszimmer, das Baby bleibt bei der Krankenschwester Anna (Naomi Watts) zurück. Außerdem ist da noch ein Tagebuch, in dem schreckliche Dinge aufgezeichnet stehen.

Die unerschrockene Anna nimmt es auf sich, den Vater des Babys zu suchen. Sie gerät dabei an den Restaurantbesitzer Semyon (Armin Mueller-Stahl), dessen Einfluss in den russischen Kreisen offenbar sehr weit reicht. Sein Sohn Kirill (Vincent Cassel) ist für seine Nachfolge als Pate ein wenig zu unbeherrscht, er trinkt gern und lässt seine Launen an Mädchen aus. Interessanter ist da schon der undurchschaubare Handlanger und Fahrer Nikolai (Viggo Mortensen), der aus seiner kalten Professionalität eine Tugend macht. Er wird immer mehr zum Vertrauten Semyons; wie es aussieht, könnte er eine glänzende Karriere in der Unterwelt machen.

Zwischen Anna, die selbst aus einer russischen Familie stammt, und Nikolai entwickelt sich fast sofort eine besondere Beziehung. Er scheint jedoch die Loyalität zu seinem Dienstherrn selbst dann noch über alles zu stellen, als Anna schon ziemlich klare Hinweise darauf hat, dass Semyon keineswegs die freundliche Vaterfigur ist, als die er sich mit Vorliebe präsentiert.

"Tödliche Versprechen" steht als Thriller deutlich in der Nachfolge von David Cronenbergs letztem Film "A History of Violence" – die Spur führt von konkreten Vorfällen zu einem größeren Zusammenhang, an einer Stelle gibt es eine verblüffende Enthüllung, die alles in einem neuen Licht erscheinen lässt. In seinen früheren Horror- und Psychothrillern ("Die Unzertrennlichen", "Crash") hat der kanadische Regisseur das physische Element gern an die Schmerzgrenze getrieben, morbide Mutationen waren sein Spezialgebiet.

Mit seinen neueren Filme gibt er sich nach außen hin nun konventioneller, er reichert das Drehbuch von Steve Knight mit Motiven aus der Schauerromantik an und zeigt London vor allem als einen unheimlichen Ort weit abseits der funktionalen Architektur der Geschäftsviertel. Seine alten Vorlieben hat Cronenberg dennoch nicht aufgegeben: Der Körper ist immer die Konkretion, an der alles erfahrbar werden muss. In "Tödliche Versprechen" erscheint die russische Exilgesellschaft mit ihren brutalen Ritualen letztlich selbst wie ein kranker Organismus.

Viggo Mortensen, der das Image des leuchtenden Helden aus der "Herr der Ringe"-Trilogie offensichtlich ablegen will, spielt Nikolai wie die perfekte Verkörperung eines "eiskalten Engels" – in einer Szene, die zu den härtesten des aktuellen Kinojahres zählt, muss er sich in einem Badehaus splitternackt und unbewaffnet gegen zwei Killer zur Wehr setzen. Die Gewalt, zu der Nikolai in der Lage ist, deutet er ansonsten nur an – mit einer winzigen Drohgebärde verschafft er sich mehr Respekt als andere Gangster mit einem Waffenarsenal.

Diese Reduktion der (auch schauspielerischen) Mittel trägt wesentlich zur Attraktivität des Films bei. Dass es sich bei "Tödliche Versprechen" aber nicht einfach um abstraktes Spannungskino handelt, sondern darüberhinaus präzise Kritik an russischen Verhältnissen übt, macht Cronenberg immer wieder zwischendurch deutlich: So ließ er es sich nicht nehmen, eine (drastische) Szene an der Stamford Bridge zu drehen, wo der Chelsea FC seine Heimspiele austrägt. Jener Club, in den der russische Oligarch Roman Abramowitsch eine Menge Geld investiert hat.

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