Mafia-Film "Gomorrha" Lokal morden, global verdienen

Gewalt ohne Glamour: Der Kriminalfilm "Gomorrha" nach dem Bestseller von Roberto Saviano zeichnet die Kraft- und Kapitalströme innerhalb der Camorra nach. Die kühle Mafia-Studie beweist: Die kriminelle Vereinigung agiert wie ein wahrer Global Player.

Von


Ein paar große Worte fallen am Ende dann doch noch: Giftmüllmanager und Camorra-Mitglied Don Franco (Toni Servillo) lässt den Blick schweifen über die trügerisch grünen Landschaften von Kampanien, wo er so ziemlich jedes freie Erdloch mit rostigen Fässern voll toxischer Lauge befüllt hat, und erklärt stolz: Männer wie er hätten die Region für den europäischen Markt fitgemacht.

Wer die Seiten wechseln will, wird abgestraft: Szene aus "Gomorrha"
PROKINO

Wer die Seiten wechseln will, wird abgestraft: Szene aus "Gomorrha"

Ansonsten versuchen die Menschen in diesem Film recht selten, der Drecksarbeit den Anstrich des Ehrenwerten zu geben. Das Mafia-Sittengemälde "Gomorrha", nach dem Bestseller von Roberto Saviano mit schnörkelloser Handkamera an authentischen Orten in Szene gesetzt, ist ein rigoroser Abstieg in die Unterwelt des organisierten Verbrechens in und um Neapel – die höheren sozialen Regionen bleiben fast komplett ausgeblendet.

Von guten Taten und Gemeinwohl redet hier kaum einer, stattdessen werden Bündel von Euro-Scheinen von Hand zu Hand gereicht. Wohin all das Geld am Ende wandert, wird in "Gomorrha" allerdings nicht gezeigt. Verwaltung, Politik und freie Wirtschaft, all die Gesellschaftszweige, die auf die eine oder andere Weise involviert sind in die Geschäfte der Camorra, kommen kaum vor.

Diese Beschränkung der Sicht ist Schwäche und Stärke des Filmes zugleich: So zaghaft angedeutet die gesellschaftspolitischen Zusammenhänge und die globalen ökonomischen Verstrickungen bleiben, so schonungslos folgt Regisseur Matteo Garrone den Kraft- und Kapitalströmen innerhalb des Camorra-Kosmos selbst. In Cannes erhielt er dafür den Großen Preis der Jury.



Zentrum der Gewaltstudie ist Scampia, ein Vorort im Norden von Neapel, dessen futuristische, bis zu 14 Stockwerke hohe Wohnanlagen keine drei Jahrzehnte nach ihrer Errichtung schon Ruinen sind. Das Versprechen auf eine bessere Zukunft, das man den Bewohnern einst gegeben hatte, wurde nicht eingelöst. Stattdessen rollen jetzt ganze Familien Heroinpäckchen für die Camorra.

Die kriminelle Vereinigung ist hier so was wie eine Behörde für Arbeit und Soziales, die mit Alimentierungen und Aggressionen die selbst geschaffene Ordnung aufrechterhält. Die Familien von einsitzenden oder umgebrachten Camorra-Mitgliedern werden mit Renten versorgt; wer jedoch die Seiten wechseln will oder glaubt sich selbständig machen zu können, muss mit blutigen Abstrafungen rechnen. Das Töten ist in Scampia vor allem ein Verwaltungsvorgang.

Die elegante und philosophisch verbrämte Mordfreude, wie man sie aus amerikanischen Genrefilmen kennt, geht zumindest den älteren Camorristi ab. Coppolas "Pate" und Scorseses "Good Fellas" finden allenfalls in den linkischen Imitationen kleiner Möchtegern-Mafiosi einen bescheidenen Widerhall.

Der Camorra-Sektionsleiter von Scampia hingegen ist ein unrasierter Kerl, der als müder und doch pedantischer Beamter seinen Job versieht. Als zwei Grünschnäbel, die sich ein bisschen zu oft De Palmas "Scarface" angesehen haben, ihrem Filmhelden nacheifern wollen und mit geklauten Waffen eigenen Geschäften nachgehen, lässt er sie nüchtern abwägend beseitigen.

Doch Mord und Gewalt schüchtern in der Welt von Scampia letztlich niemanden mehr ein. All den unnatürlichen Todesfällen zum Trotz glaubt man sich unsterblich. Initiationsrituale stärken in dieser Hinsicht fatal das Selbstbewusstsein der örtlichen Jugend.

Der 13-jährige Toto (Salvatore Abruzzese) etwa, eine der Hauptfiguren, denen Regisseur Garrone durch den unübersichtlichen Camorra-Kosmos folgt, lässt sich zur Aufnahme in den kriminellen Bund aus nächster Nähe mit der Pistole in den mit einer kugelsicheren Weste bedeckten Oberkörper schießen. Zurück bleibt ein schmerzhafter Brandfleck auf der Brust. Was einen nicht umbringt, macht einen eben nur härter - und risikobereiter.

Überhaupt sind die Kleinen das große Kapital der Camorra: Mit kindlicher Freude übernehmen sie noch die gefährlichsten Jobs. Als etwa dem Müllentsorger Franco die Lastwagenfahrer davongelaufen sind, weil einer von ihnen von giftiger Säure verätzt wurde, engagiert er kurzerhand eine Bande von Straßenjungs, die ihm gegen ein paar Euros die Brummis vom Gelände fahren.

Gibt es denn gar keine Möglichkeit diese Welt aus Manipulation und Korruption hinter sich zu lassen? Zumindest einer versucht in "Gomorrha" den Ausbruch: Der Schneider Pasquale (Salvatore Cantalupo) arbeitet schwarz für eine Firma, die mit ihren billigen Arbeitskräften die großen Modehäuser in Mailand beliefert. Pasquale ist ein Künstler seines Fachs – der 600 Euro im Monat verdient. Doch dann lässt er sich von einem Chinesen abwerben, der in Neapel eine der vielen illegalen Nähfabriken leitet.

Bald philosophiert er mit seinem neuen Arbeitgeber freudig über fernöstliche Kampfkunst- und Kochtechniken. Kurz darauf holt das tapfere Schneiderlein aber die neapolitanische Wirklichkeit ein: Die Chinesen, die das von der Camorra beherrschte Feld der Markenfälschung bedrohen, werden ausgeschaltet. Pasquale, der ja noch gebraucht wird, kommt mit einem blutigen Denkzettel davon.

Am Ende sieht man ihn, wie er in einer Kaffeebar müde und vernarbt auf einen Fernseher starrt. Es laufen Bilder, die Scarlett Johansson auf dem roten Teppich zeigen – mit einem von Pasquale genähten Kleid. Ein nüchterner Hinweis darauf, dass die Arbeit, die da in dem Dreckloch namens Neapel geleistet wird, weit über die Grenzen der Stadt hinaus vermarktbar ist.

Denn so archaisch und anarchisch das Soziotop in "Gomorrha" auch anmutet – der Film lässt keinen Zweifel daran, dass das organisierte Verbrechen mit seinen geschmeidigen Führungsstrukturen und gewieften Rekrutierungsmaßnahmen durchaus fit ist für die Anforderungen eines globalisierten Marktes.

Die Camorra, sie ist längst eine Welt-AG.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.