Hollywood-Star Channing Tatum: "Als Stripper hatte ich eine saukomische Zeit"

Bevor er Star in Hollywood wurde, war er Stripper in einem Club. Jetzt hat Channing Tatum seine Zeit als Nackttänzer in "Magic Mike" aufbereitet. Im Interview erzählt der Schauspieler, wie man eine Penispumpe im Kino richtig einsetzt - und warum vor allem Männer den Film sehen sollten.

Concorde Filmverleih

SPIEGEL ONLINE: Herr Tatum, "Magic Mike" erzählt von Ihren persönlichen Erfahrungen als Stripper. Warum haben Sie den Job eigentlich kurz vor Ihrem 20. Geburtstag überhaupt für ein paar Monate gemacht?

Tatum: Was Sex betrifft, war ich immer ziemlich entspannt. Keine Ahnung, woher das kommt. Meine Eltern sind vergleichsweise konservativ. Ich musste mich da aber auch nicht rantasten, ich war schon immer etwas wilder. Wo andere Leute auf Züchtigkeit pochen, provoziere ich gern. Ich finde es albern, wenn Leute verklemmt sind. Das Leben soll Spaß machen, man soll seine Freiheiten ausleben.

SPIEGEL ONLINE: Wann hatten Sie das Gefühl, dass Sie Ihre Geschichte öffentlich und sogar in einem Film erzählen konnten?

Tatum: Seit ich mit dem Schauspielern angefangen habe, habe ich kein Problem damit, über meine Erfahrungen als Stripper zu reden. Meine Agentin war davon nur nicht so begeistert und hat mir anfangs abgeraten. Ein sehr kluger Rat. Denn hätte ich das gleich erzählt, wäre ich darauf festgenagelt worden und hätte mir keine Anerkennung als Schauspieler erarbeiten können. Das heißt aber nicht, dass ich mich von der Lebensphase distanziere, es war eine saukomische Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Was konnten Sie Ihren Schauspielkollegen im Film an Ratschlägen geben?

Tatum: Vor allem konnte ich ihnen beim Tanzen helfen und ihnen erklären, wie es in dieser Welt zugeht - wobei wir eher die jugendfreie Variante zeigen. Ich wollte nicht das Gefühl haben, wir würden dem Publikum unsere Hintern ins Gesicht strecken. Die Reaktionen sollten eher "Himmel, das ist so verrückt!" als "Brr, ist das eklig!" sein. Allerdings wollten wir es auch in der Schwebe halten, damit sich die Leute fragen, was als nächstes passiert. Insofern war Steven Soderbergh der perfekte Regisseur, denn er hat einen ausgeprägten Sinn für Stil und hasst Klischees. Er will nichts machen, was er schon mal gesehen hat. Einmal bereiteten wir uns am Set auf eine Szene vor, als er reinkam und sagte: "Genau diese Szene hab ich gestern in einem Horrorfilm gesehen, die machen wir nicht mehr." Alle waren verblüfft und fragten ihn, was wir nun tun sollen. Er sagte nur: "Wir finden schon noch was." So ist er einfach.

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Hollywood-Star Channing Tatum: Muskelmann und Herzensbrecher
SPIEGEL ONLINE: In einer Szene führt Mike ein wichtiges Gespräch mit seinem Zögling Adam in der Umkleidekabine - während ein anderer Stripper mit einer Penispumpe zugange ist…

Tatum: Eine unfassbare Szene! Aber nur, weil Steven sie genau so gedreht hat. Hätte man nur gefilmt, wie ein Typ dasitzt und seine, nun ja, Männlichkeit aufpumpt, wäre das abstoßend und vulgär gewesen. Stattdessen sehen wir, wie Alex dem anderen beim Pumpen zusieht und kaum fassen kann, was da vor sich geht. Genial!

SPIEGEL ONLINE: Der Film war in den USA ein Kassenknüller, Sie planen eine Fortsetzung. Was mögen Sie so sehr an Mike, dass Sie ihn noch einmal spielen wollen?

Tatum: Seine Ehrlichkeit. Er muss sich wie viele Leute - ob nun Männer oder Frauen - durchschlagen. Und er steht dazu. Er strippt, weil er das Geld braucht und nicht, weil sein Herz dran hängt. Sechs Jahre nach seinem Einstieg ins Stripper-Business stellt er fest, dass er den Job immer noch macht. Schließlich kommt er an einen Punkt, an dem er sich entscheiden muss: Soll es mit seinem Leben wirklich so weiter gehen?

SPIEGEL ONLINE: Dieser Teil der Geschichte ist sehr gelungen, er erzählt beiläufig vom prekären Leben in den USA. Vermarktet wird "Magic Mike" allerdings als frivole Komödie, bei der Frauen auf ihre Kosten kommen sollen. Finden Sie das nicht schade?

Tatum: Darüber haben wir viel diskutiert. So eine Geschichte an ein männliches Publikum zu verkaufen, wäre wirklich etwas Neuartiges gewesen - und genau deshalb zu aufwendig. Da hätten wir uns auf den falschen Kampf eingelassen. Unsere Strategie war es, einen smarten Film zu machen. Aufgeschlossene Kinogänger würden das schon aus den Kritiken herauslesen und sich so entscheiden, in den Film zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie doch mal genauer, wie die Vermarktung zustande kam.

Tatum: Frauen werden wahrscheinlich wegen der vielen nackten Haut ins Kino gehen. Wer sich den Film genauer anschaut, wird aber erkennen: Eigentlich ist es eine sehr männliche Geschichte. Es geht um den Entwicklungsprozess eines Mannes, der sich mit Problemen herumschlagen muss, die viele kennen. Irgendwann vergisst man auch, dass es um Stripper geht.

SPIEGEL ONLINE: "Magic Mike" scheint zu einem Trend zu passen: In immer mehr TV-Serien wie "True Blood" oder Filmen wie "Shame" sind nackte oder spärlich bekleidete Männer zu sehen. Woher diese neue Freizügigkeit?

Tatum: Ich kann da nur für uns sprechen: Wir haben Nacktheit ernst genommen, aber auch lustig inszeniert - der Film soll Spaß machen, nicht sexy sein. Das geht ja auch nicht anders, wenn jemand als Feuerwehrmann verkleidet eine Bühne betritt. Das hat aber auch damit zu tun, dass Frauen aus anderen Gründen in Strip-Clubs gehen als Männer: Sie wollen vor allem Spaß haben und nicht angeturnt werden. Doch das ändert sich - zum Beispiel durch den Erfolg von "Shades of Grey". Frauen fällt es mittlerweile leichter, über ihre Bedürfnisse zu reden. Überhaupt wurde in den USA sehr lang nicht offen über Sex geredet. Seitdem sich das ändert, wird es auch für Schauspieler einfacher, mehr von sich zu zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie von Ihren Erfahrungen erzählen, klingt es so, als wäre das eine lustige Zeit gewesen. Im Film wird aber auch die Zerrissenheit und der Selbsthass thematisiert, den viele Stripper empfinden.

Tatum: Für mich war es einfach eine lehrreiche Zeit, auch wenn ich die dunkle Seite kennengelernt habe. Als ich aufgehört habe, hatte ich das Gefühl, Erfahrungen gesammelt zu haben, die viele Leute niemals machen können.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie mit dunkler Seite?

Tatum: Sex, drugs, and rock'n'roll. Es gibt eine Menge schlimmer Dinge, die passieren können. Du schießt dich ab, schrottest dein Auto, schwängerst eine Frau - man kann sich in dieser Welt schnell verlieren. Ich hatte das Glück eine abgefahrene Zeit zu haben, extrem viel über menschliches Verhalten zu lernen und rechtzeitig wieder auszusteigen. Jetzt muss ich nicht mehr so heftig feiern. Ich habe schon in jungen Jahren von beiden Enden her gebrannt. Ich hoffe, ich kriege deshalb auch nie eine Midlife-Crisis, in der ich bereue, nicht genug wilde Dinge getan zu haben - ich habe sie ja bereits getan.

SPIEGEL ONLINE: Haben Ihre Stripper-Kollegen von damals den Film schon gesehen?

Tatum: Ja, einige mögen ihn, andere nicht so. Sie finden ein paar Dinge nicht ganz zutreffend, aber das schmerzt mich nicht so. Ich habe mit der Zeit abgeschlossen und trauere ihr nicht hinterher. Ein paar alte Kumpels strippen immer noch und lassen es mit Mitte 30 weiterhin krachen, ohne so richtig zu wissen, wohin das alles führen soll.

SPIEGEL ONLINE: Das Thema für die geplante Fortsetzung?

Tatum: Wir zerbrechen uns gerade den Kopf darüber. Das nächste Jahr ist bei mir ohnehin mit weiteren Filmen verplant, wir haben also noch genug Zeit. Ich hätte jedenfalls große Lust, alle Erwartungen in den Wind zu schreiben und richtig aufzudrehen. Viele versuchen ja, mit Fortsetzungen an die Vorgänger-Filme anzuknüpfen und denselben Tonfall zu treffen. Ich möchte lieber allen einen großen Schreck einjagen.

Das Interview führte Hannah Pilarczyk

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1. Vermutlich...
fatherted98 16.08.2012
...ist der Film im prüden Amerika ein Hit...hier in Europa, speziell in Deutschland wird er wohl eher ein "Gähn-Erfolg"....
2. Deutschland ist halt einfach besser
MDen 16.08.2012
Zitat von fatherted98...ist der Film im prüden Amerika ein Hit...hier in Europa, speziell in Deutschland wird er wohl eher ein "Gähn-Erfolg"....
Wow, Amerika-Bashing gleich im ersten Kommentar! Eigentlich lese ich das SPON-Forum nur noch, um mich zu vergewisseren, dass die Teilnehmer in der Regel tatsächlich auf dem geistigen Niveau der Boulevard-Presse rumkommentieren. Hier aber doch mal wieder ein hoffnungsloser Versuch der Differenzierung von mir: Mit welchen Mitteln und an welchen Stellen genau eine Gesellschaft die Grenzen setzt, sagt schon etwas aus. Der Unterschied zwischen den USA und Deutschland ist da aber kaum wahrnehmbar. Und wenn Deutsche Amerikaner mal wieder der Unkenntnis wegen unlocker finden, dann sollten sie einfach mal z.B. nach Spanien schauen, dann kriegen sie vielleicht mit, dass sie selbst im Vergleich. zu katholischen Spanien aber sehr deutlich zu Prüderie neigen. Aber jetzt verfange ich mich schon wieder in der Vorstellung, es hier mit lernfähigen Lesern zu tun zu haben und nicht mit dem durchschnittlichen SPON-Foristen, der seine Vorurteile pflegt.
3. Filmchen
Talan068 16.08.2012
jetzt habe ich das Interview doch gelesen, wollte ich eigentlich nicht 8(. Immerhin bestätigt das Interview, meine Ahnung, dass es ein flaches Filmchen ist, der für seinen Tiefgang (oder heißt es in diesem Falle Hochgang) eien Penispumpe benötigt. Mich würde mal interessieren, was/wer dahinter, das einige dieser Filmchen quer durch alle Medien gehypte werden?
4.
msix 16.08.2012
Zitat von MDenWow, Amerika-Bashing gleich im ersten Kommentar! Eigentlich lese ich das SPON-Forum nur noch, um mich zu vergewisseren, dass die Teilnehmer in der Regel tatsächlich auf dem geistigen Niveau der Boulevard-Presse rumkommentieren. Hier aber doch mal wieder ein hoffnungsloser Versuch der Differenzierung von mir: Mit welchen Mitteln und an welchen Stellen genau eine Gesellschaft die Grenzen setzt, sagt schon etwas aus. Der Unterschied zwischen den USA und Deutschland ist da aber kaum wahrnehmbar. Und wenn Deutsche Amerikaner mal wieder der Unkenntnis wegen unlocker finden, dann sollten sie einfach mal z.B. nach Spanien schauen, dann kriegen sie vielleicht mit, dass sie selbst im Vergleich. zu katholischen Spanien aber sehr deutlich zu Prüderie neigen. Aber jetzt verfange ich mich schon wieder in der Vorstellung, es hier mit lernfähigen Lesern zu tun zu haben und nicht mit dem durchschnittlichen SPON-Foristen, der seine Vorurteile pflegt.
Tja gerada hier im SPON Forum wollen die üblichen Klischees eben gehegt und gepflegt werden. Dazu gehört natürlich auch der klassiker schlechthin, auf der einen Seite die super prüden und verklemmten Amis und auf der anderen Seiten die lockeren und super freizügigen Deutschen, dafür sind wir ja auch auf der ganzen Welt bekannt.
5.
derpassant 19.08.2012
"Dafür sind wir auf der ganzen Welt bekannt" - klingt nicht sehr schmeichelhaft, kein Grund, stolz zu sein. Zum Glück, es ist nicht so
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