"Malen oder Lieben" Freie Liebe auf dem Berghof

Komödien über Swinger-Pärchen können leicht in die Hose gehen, doch den Regie-Brüdern Arnaud und Jean-Marie Larrieu gelang mit "Malen und Lieben" eine poetische Beziehungshumoreske. In den Hauptrollen glänzen die französischen Stars Sabine Azéma und Daniel Auteuil.

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"Du riechst stark." Das sind so die Bemerkungen, mit der in einer eingefahrenen Ehe gemeinhin jegliche Sexualität abgewehrt wird. Auch William (Daniel Auteuil), der frühpensionierte Meteorologe, attestiert seiner Frau Madeleine (Sabine Azéma) einen etwas zu strengen Körpergeruch. Allerdings nur, um gleich darauf unverzüglich mit ihr ins Bett zu steigen. In einem Hotelzimmer, in das sich die beiden doch eigentlich zurückgezogen haben, um sich nach einer verwirrenden Nacht ein bisschen zu sammeln.

Denn am Abend zuvor hatten William und Madeleine, seit 30 Jahren verheiratet, einen erstaunlichen Einschnitt in ihr Leben erfahren und zum ersten Mal ihre Lust außerhalb der Ehegemeinschaft ausgelebt. Mit einem Pärchen aus der Nachbarschaft, das sie wegen eines Brands in ihren hübsch restaurierten Berghof einquartiert hatten. Nach dem Essen war Madeleine vom Nachbarn an die Hand genommen und nach oben ins Schlafzimmer geführt worden, während William mit der anderen Frau auf der Couch zurück geblieben war. Man hatte nicht viel geschlafen in dieser Nacht.

"Partnertausch" wäre ein viel zu technischer Begriff, um den Vorgang zu beschreiben, von dem "Malen oder Lieben" mit zärtlichem Witz erzählt. Die Brüder Arnaud und Jean-Marie Larrieu, die Regie geführt haben, geht es keineswegs um den Tabubruch. Sie schlachten ihr Thema nicht spekulativ aus. Ihre Figuren sind keine rammelnden Swinger, die im Aufbegehren gegen die Norm den Kick finden, der ihre Beziehung am Laufen hält. Die unkonventionelle Körperlichkeit ist vielmehr Ausdruck einer Freiheit, die sich einstellt, weil ihre Zuneigung unangreifbar geworden ist. Die Protagonisten gehen nicht nur unversehrt, sondern gestärkt aus der freien Liebe hervor.

Gelegentlich fühlt man sich bei "Malen oder Lieben" an die freisinnigen Filme Louis Malles erinnert, in denen die Helden durch gesellschaftlich sanktionierte sexuelle Verstrickungen in ihrer Selbstfindung vorangetrieben werden; an das sommermilde Ödipusdrama "Herzflimmern" etwa und natürlich an "Die Liebenden", das klassische Ehebruchszenario vor schwelgerischer Landschaftskulisse.

Auch bei dem etwas anderen Liebesfilm der Gebrüder Larrieu ist die Erfahrung der Entgrenzung unauflöslich mit dem Erleben der Natur verknüpft. Hier geht es um einen alten Bauernhof am Hochplateau von Vercors, den sich die beiden Eheleute herrichten, als Frühpensionär William an seinem neuen Freizeitüberschuss kaputtzugehen droht. Gleich bei der ersten gemeinsamen Besichtigung des alten Gemäuers meldet sich die Libido. Stante pede gibt man sich dem Beischlaf hin. Ein gutes Zeichen.

Der Hof erweist sich denn tatsächlich als ideales Refugium für die Stadt- und Gesellschaftsflüchtlinge: Tagsüber blinzeln die Eheleute oft in die warme Sonne, ohne so recht zu wissen, was sie mit dem Tag genau anfangen sollen; dieses Fehlen jeglicher Zweckbestimmtheit ist Voraussetzung dafür, damit das Unvorhersehbare geschehen kann. Nachmittags werfen die Berge einen langen schützenden Schatten über das Grundstück, auf dass das Unvorhersehbare tatsächlich ungestört seinen Lauf nehmen kann.

William und Madeleine tasten sich gemeinsam in einen neuen wunderbaren Lebensabschnitt vor - und das im wahrsten Sinne des Wortes: Nachts ist es so stockfinster, dass man sich auf den Feldwegen leicht verlaufen kann. Als Führer durch die Tücken der Provinz bieten sich schließlich Adam (Sergi Lopez), der blinde Bürgermeister des Ortes, und dessen Ehefrau Eva (Amira Casar) an.

Bald ist man eng mit dem netten Paar verbunden, man wohnt sogar ein paar Wochen zusammen: Adam legt schon mal zärtlich die Hand auf Madeleines Schulter; dass der Blinde sie tatsächlich mit seiner Frau verwechselt, ist auszuschließen. Eva wiederum lässt sich von der neuen Freundin als Akt malen, weil sie es vermisst, von ihrem Mann optisch wahrgenommen und begehrt zu werden. William indes bleibt ziemlich passiv. In der ersten Bäumchen-wechsel-dich-Nacht fragt er seine Gespielin linkisch, was er denn nun zu tun habe. Nichts, antwortet die sanft. Ahhh, das schöne Landleben! Die Trauben wachsen einem hier direkt in den Mund.

Dass "Malen oder Lieben" allerdings zu keinem Zeitpunkt wirklich in den handelsüblichen Klischees französischer Lebensart aufgeht, ist natürlich auch den beiden Hauptdarstellern zu verdanken, die wie ihre beiden Figuren mit den Jahren immer abenteuerlustiger geworden sind. Der verschlossene Instinktmensch Daniel Auteuil (56, "Einige Tage mit mir"), der sich mit jedem seiner Filme ein bisschen mehr öffnet, und die melancholische Komödiantin Sabine Azéma (56, "Das Leben ist ein Chanson"), die mit jedem ihrer Filme geheimnisvoller wird, bringen eine ungeheure Dynamik in die stille Swinger-Romanze.

Man ist gezwungen, den aufgeweckten Frühpensionären bei ihren überraschenden Amouren dicht auf den Fersen bleiben, trotzdem wird man sie zum Schluss psychologisch nicht vollkommen durchdrungen haben. Die Rente markiert hier nicht das Ende der Sexualität, der Ausbruch ungeahnter Begierden nicht das Ende der Liebe. William und Madeleine bleiben im positiven Sinne unfertig. Verwirrt, aber glücklich.



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