Abba-Musical "Mamma Mia 2" Motorschaden im Meer der Melancholie

Endlich wieder ein Filmspaß, der die lästige Realität vergessen macht? Von wegen. In "Mamma Mia 2", der Fortsetzung des zehn Jahre alten Kino-Hits, sieht alles steril und gespenstisch aus.

Universal Pictures

Eigentlich kommt dieser Film doch wie gerufen: Wo soll man sich sonst erholen von der anstrengenden Gegenwart - den außer Kontrolle geratenen Politikern, den Kriegen und dem Krisengeschrei, gar nicht zu reden von den eigenen kleinen Dramen - wenn nicht bei einem bonbonbunten Musical? Einem, das im ewigen Sonnenschein einer griechischen Insel spielt und mit der Musik von Abba in 90 Minuten mehr gute Laune verbreitet als Donald Trump in 72 Lebensjahren?

Die Welt scheint die Musik des Schweden-Vierers mehr zu brauchen denn je, erst kürzlich verdrängte ja die Nachricht, die Band habe zwei neue Songs aufgenommen, kurzzeitig alle negativen Schlagzeilen. Perfektes Timing für die Fortsetzung "Mamma Mia 2! Here We Go Again", fast genau zehn Jahre nach der Premiere des Originals.

Allein: Der Vergnügungsdampfer erleidet recht schnell einen Motorschaden im Meer der Melancholie.

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"Mamma Mia 2": Waterloo in Griechenland

Was eigentlich niemanden überraschen kann, der der Musik von Abba je zugehört hat, ohne dabei gleich in zwanghaftes Hüftschwingen zu verfallen: Abgesehen von den herzerweichenden Balladen waren selbst ihre fröhlichen Songs durchzogen von einer sanften Traurigkeit, und sehr wahrscheinlich ist es gerade der Splitter der Melancholie, der sie über die Jahrzehnte hinweg am Leben gehalten hat.

"Mamma Mia!" gelang es 2008, die Schwermut des Abba-Oeuvres über weite Strecken zu kaschieren und das schon auf vielen Bühnen erfolgreiche Musical in eine Art musikalische Fototapete zu verwandeln - künstlich, trashig, aber auf unbekümmerte Art mitreißend. Der Film spielte weltweit mehr als 600 Millionen Dollar ein. Natürlich weckte das bei den Produzenten Begehrlichkeiten nach einer Fortsetzung.

Ein Sturm zieht auf

Die beginnt 1979 in Oxford und walzt aus, wie die Hauptfigur Donna denn nun an ihre drei Verehrer Sam, Harry und Bill geriet, die alle drei als Vater von Tochter Sophie (Amanda Seyfried) infrage kommen. Das ist komplett redundant, aber dank des herzhaft raumgreifenden Auftritts von Lily James, dem Aschenputtel aus Disneys "Cinderella"-Film, wenigstens stellenweise mitreißend.

Der Rest der Geschichte spielt in der Gegenwart, und ja: die Befürchtungen von Fans, die Meryl Streep in den Trailern schmerzhaft vermissten, bestätigen sich. Donna ist gestorben; Sophie will ihr zu Ehren das Hotel auf der Insel Kalokairi in großem Stil wiedereröffnen. Dazu lädt sie ihre Väter ein, wieder gespielt von Pierce Brosnan, Colin Firth und Stellan Skargård. Allerlei geht bei den Vorbereitungen schief, Sophies Mann Sky weilt weit weg in New York, und ein Sturm zieht auch noch auf.


"Mamma Mia! Here We Go Again"
UK, USA 2018
Buch und Regie:
Ol Parker
Darsteller: Lily James, Amanda Seyfried, Meryl Streep, Dominic Cooper, Colin Firth, Pierce Brosnan, Stellan Skarsgård
Produktion: Legendary Entertainment, Universal
Verleih: Universal Pictures
Länge: 114 Minuten
FSK: ab 0 Jahren
Start: 19. Juli 2018


Das Bild passt - denn die fröhliche Anarchie des Originals ist plötzlich wie weggeblasen. Die Figuren und ihre Darsteller und Darstellerinnen sind zehn Jahre älter geworden. Sage noch jemand, die Wirklichkeit krieche über Umwege nicht doch noch ins Kino.

Geradezu gespenstisch wirkt das beim Auftritt von Cher, die Sophies Großmutter mit einem Gesicht spielt, das sich nach zahlreichen Schönheits-OPs in eine starre, grellweiß geschminkte Maske verwandelt hat. Gleiches gilt für das Inselhotel. Das ähnelt Räumen aus dem Ikea-Katalog, in denen Leben nur behauptet, aber niemals gelebt werden kann.

Dann auch noch die Griechenlandkrise

Diese maximal sterilen Innenaufnahmen erzählen mehr über das Innenleben der Figuren, als diese preisgeben wollen: Sie strömen eine verzweifelte Ratlosigkeit und Angst aus. Da hilft es wenig, dass "Here We Go Again" die ohnehin schon nicht besonders einfallsreichen Choreografien des Originals größtenteils einfach wiederholt.

Immerhin wollten die Macher um Regisseur Ol Parker ("Eine Hochzeit zu dritt") nicht noch einmal die Abba-Hits aus dem Original verwursten. So bekommen unbekanntere Lieder ihren großen Aufritt, von "When I Kissed The Teacher" über "I've Been Waiting For You" bis zu der hemmungslos traurigen Break-up-Ballade "My Love, My Life", die hier zum herzschwellenden Trauerlied wird. Ohne "Dancing Queen" und "The Name of the Game" geht es natürlich trotzdem nicht.

Aber kaum will sich der Film mal in Richtung Harmlosigkeit davonschleichen, schlägt schon wieder der Ernst des Lebens zu. Selbst Griechenlands schwere Finanzkrise wird in einer Szene hilflos thematisiert. Da will man mal Spaß haben, und dann das: ein echtes "Waterloo".

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Das dazu 17.07.2018
1. Immer nur negativ
Wieso wir eigentlich in der heutigen Zeit alles negativ dagestellt? Kann man solche Filmvorstellungen nicht einfacher schreiben? Den Film kurz abreißen, hatte man Spaß oder nicht und für wen ist der Film ein Muss? Nein, da wird immer versucht, aus allen Blickwinkeln ein graues Haar zu finden. Solche Filme sind keine Dokus, keine Lehrveranstaltungen oder Ratgeber, sie sollen unterhalten. Das muss bei einer Filmkritik rüberkommen und nicht, ob Cher Schönheits-OPs hinter sich hat. Die haben andere auch. Hier wird die Leichtigkeit des Films vermisst, ich vermisse die Leichtigkeit in den Filmkritiken. Das Leben ist ernst genug, nicht alles muss genutzt werden, um andere zu belehren und zu lenken.
mantrid 17.07.2018
2. Einfach unterhalten lassen
Muss denn immer einen tieferen Grund haben? Da wird krampfhaft nach Methapern und Analogien gesucht. Die Fans der Musik werden sich den Film wegen der Musik anschauen, erwarten eine einigermaßen logische Handlung und gut ist. Wer sich diesen Film anschaut, der will einfach nur unterhalten werden und erwartet nicht die Antwort auf die Fragen aller Fragen, den Sinn des Lebens und so. (Die Antwort ist bekanntlich 42 ;-) )
h.hass 17.07.2018
3.
Zitat von mantridMuss denn immer einen tieferen Grund haben? Da wird krampfhaft nach Methapern und Analogien gesucht. Die Fans der Musik werden sich den Film wegen der Musik anschauen, erwarten eine einigermaßen logische Handlung und gut ist. Wer sich diesen Film anschaut, der will einfach nur unterhalten werden und erwartet nicht die Antwort auf die Fragen aller Fragen, den Sinn des Lebens und so. (Die Antwort ist bekanntlich 42 ;-) )
Aber vielleicht darf man ja der Meinung sein, dass der Film schlechte Unterhaltung ist.
frida1209 17.07.2018
4. Im Keller zum Lachen
Na da ging aber wieder einer in den Keller zum Lachen. Du liebe Güte. Ist doch nur ein Unterhaltungsfilm, mit Betonung auf Unterhaltung. Und wenn Sie Unterhaltung nicht aushalten, bleiben Sie doch einfach weg.
CarstenL 17.07.2018
5. Die Suche nach Tiefgründigkeit
Ich will einfach unterhalten werden, die beste Musik hören, etwa 2 Stunden Spaß haben. Und das werde ich ...
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