Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Manderlay": Dänischer Poltergeist

Von

Lars von Trier Amerikahass vorzuwerfen, ist leicht. Sein filmisches Theaterstück "Manderlay" ist jedoch mehr als eine boshafte Parabel auf den unüberwundenen Rassismus in den USA. Das angestrengt didaktische Werk knöpft sich auch das Gutmenschentum der Europäer vor.

In Alfred Hitchcocks Filmklassiker "Rebecca" von 1940 entfaltet sich in dem alten Familienanwesen "Manderlay" ein tragisches Beziehungsdrama, weil das riesige alte Gemäuer in der kargen Landschaft Cornwalls immer noch vom Geist der jüngst verstorbenen Frau des Eigentümers durchweht wird. Um Geister geht es auch in Lars von Triers Film "Manderlay". Im zweiten Teil der USA-Trilogie des dänischen Regisseurs sind es Sklaverei und Rassismus, die im Land der unbegrenzten Möglichkeiten auch Jahre nach dem Ende der Sklaverei noch herumspuken.

Ob von Trier tatsächlich an "Rebecca" und Hitchcock dachte, als er seinen Film taufte, bleibt Spekulation. Als Inspiration nannte er vielmehr das Vorwort des französischen Intellektuellen Jean Paulhan zum vielfach umstrittenen Skandalbuch "Die Geschichte der O.", das Pauline Réage 1954 als "erotische Phantasie" veröffentlichte. Unter dem Titel "Das Glück in der Sklaverei" kommentiert Paulhan die an ihn gerichtete Liebeserklärung Réages mit der Geschichte eines Sklavenaufstands von 1838 auf Barbados, nach dem die in Freiheit gelangten Sklaven ihren Herren und Unterdrücker bitten, sie wieder in seine Dienste zu nehmen. Die Moral: Wer sein Leben lang in Repression verbracht hat, ist unfähig, sich an einen freien Lebensstil zu gewöhnen.

Eine Besatzungsmacht ersetzt die andere

Schon ist man mitten im provokanten Thema von "Manderlay": Die bereits aus "Dogville" bekannte Grace, die im ersten Teil der Amerika-Saga alles über Rache lernte, ist im Jahre 1933 mit ihrem Vater, dem Gangsterboss, durch die Südstaaten der USA unterwegs. Bei einem Zwischenstopp in Alabama entdecken sie die alte Baumwollplantage "Manderlay", auf der 70 Jahre nach der Befreiung der Sklaven noch immer Schwarze von weißen Gutsbesitzern gehalten werden. Graces Unrechtsbewusstsein ist geweckt; sie beschließt, die Unterdrückten zu befreien. Tatsächlich ist die Gelegenheit günstig, denn die Matriarchin von "Manderlay", von den Sklaven "Mam" genannt, liegt im Sterben.

Ihr lebenskluger Vater, diesmal nicht von James Caan, sondern von Willem Dafoe verkörpert, erinnert noch warnend die Geschichte von Graces Kanarienvogel, den sie als Kind aus seinem Gatter befreite und der daraufhin in der freien Natur jämmerlich erfror, doch die junge Idealistin ist nicht mehr zu halten. Sie leiht sich bei Daddy ein paar bewaffnete Gangster aus und übernimmt selbst die Interims-Herrschaft auf der Plantage, natürlich nur, bis sich die befreiten Sklaven an das neue Leben gewöhnt haben. So ersetzt eine Besatzungsmacht die andere. Graces missionarischer Eifer ist von Schuldgefühlen geprägt: "Wir haben sie hierher gebracht. Wir haben sie missbraucht und zu dem gemacht, was sie sind", sagt sie zum Abschied zu ihrem Vater.

Übungen in Basisdemokratie

Was sich im folgenden entspinnt, ist, man ahnt es schon, alles andere als eine Erfolgsstory: Grace stellt fest, dass sich die Sklaven, angeführt von einem sanftmütigen Alten namens Wilhelm (Danny Glover), nicht so leicht für die Segnungen der Demokratie begeistern lassen. "Hier in Manderlay essen die Sklaven um sieben. Wann essen die Menschen, wenn sie frei sind?", wird sie gefragt. Trotzdem wird fleißig geübt: In unbeholfen basisdemokratischen Abstimmungen lässt Grace festlegen, wie spät es ist und ab wann abends nicht mehr laut gelacht werden darf. Doch die Sklaven sind unfähig, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Die Ernte droht zu misslingen, weil sich niemand verantwortlich fühlt, aus Hungersnot müssen die Befreiten Dreck essen, weil niemand mehr für Vorräte sorgt.

Die Situation eskaliert, als die "Manderlay"-Gemeinde beschließt, die alte Wilma hinrichten zu lassen, weil sie einem kleinen Mädchen Essen gestohlen hat. Grace verhindert den Racheakt des Vaters, muss nun aber selbst, als ordnende Instanz, für Gerechtigkeit sorgen. Im Konflikt mit ihren Idealen lässt sie die Greisin erst friedlich einschlafen, um ihr dann in den Kopf zu schießen. Desillusioniert klammert sie sich nun verzweifelt an ihren Hoffnungsträger unter den Sklaven, den stolz und durchsetzungsstark wirkenden Timothy (Isaach De Bankolé), für den sie zudem immer stärkere sexuelle Lust verspürt.

Doch nach einer für Grace eher schmerzhaften Liebesnacht entpuppt sich auch Timothy als Niete, die den Erlös der mageren Ernte beim Pokerspiel verjubelt. Wilhelm unterdessen offenbart, dass er das auf der Plantage gefürchtete Regelbuch "Mam's Law", in dem alle Verhaltensweisen der unterschiedlichen Sklaven akribisch aufgelistet sind, um sie besser kontrollieren zu können, selbst verfasst hat. Die Unterdrückten sind sich selbst die besten Unterdrücker. "Glauben Sie wirklich, wir hätten nach 70 Jahren keinen Weg gefunden, uns zu befreien?, fragt er Grace. "Das hätten wir längst getan, wenn wir einen Sinn darin gesehen hätten. Am Ende muss die ehemals Gutwillige schließlich selbst wie eine Sklaventreiberin handeln und Timothy auspeitschen, um mit dem Leben davonzukommen.

Brechtsches Minimal-Theater

Die Form, derer sich Lars von Trier in "Manderlay" bedient, ist so karg wie in "Dogville": Die Plantage, die Häuser und Landschaften existieren nur als weiße Linien und Namen auf dem Boden, die Darsteller kommen mit wenigen Requisiten aus. Die acht Kapitel werden von einem erklärenden Off-Text begleitet, der erneut mit der lakonischen Stimme des britischen Schauspielers John Hurt vorgetragen wird. Das Medium Film wird beim Dogma-Erfinder von Trier auf brechtsches Minimal-Theater reduziert. Die Kamera dient lediglich dazu, Akzente zu setzen: Vogelperspektiven und gelegentliche Großaufnahmen von Gesichtern sind fast die einzigen Zugeständnisse an die filmische Illusion, die der Regisseur zulässt.

Didaktisch, plakativ und mit fiebriger Intensität übermittelt er seine Botschaft an den Zuschauer, ohne sich jedoch um dessen emotionale Verstrickung in den Stoff zu bemühen. Dadurch wird "Manderlay", wiewohl kürzer als "Dogville", zur anstrengenden Kino-Sitzung. Ob das sein muss, ist die Frage. Auch Kino, das zum Denken anregen will, darf unterhalten, ohne dabei Anspruch einzubüßen. Hier jedoch will der Regisseur auch Lehrmeister sein.

Mehr als nur Amerika-Kritik

Das Anliegen des reiseunlustigen Dänen Lars von Trier, der selbst nie in den USA gewesen ist, scheint klar: "Demokratie kann nur von innen kommen", sagte er in einem Interview über seinen Film. Da drängen sich Parallelen zum aktuellen Krieg im Irak auf, wo die Amerikaner derzeit mehr oder minder erfolgreich versuchen, dem Volk ihre Idee von Demokratie und Freiheit beizubringen. Und natürlich gab es im Frühjahr, als "Manderlay" bei den Filmfestspielen in Cannes uraufgeführt wurde, wütende Reaktionen von amerikanischen Journalisten, die sich die komplexe Historie ihrer Rassenkonflikte nicht in dieser artifiziellen und radikal vereinfachenden Form von einem Ausländer vorhalten lassen wollen. An Provokationen sparte von Trier auch an der Cote d'Azur nicht, als er George W. Bush in einer Pressekonferenz als "A-Hole" bezeichnete.

Doch wahrscheinlich geht es dem Dänen um mehr als nur Kritik am selbstgerechten Imperialismus der Amerikaner. Am Beispiel Graces, die diesmal glücklicherweise nicht von Nicole Kidman, sondern von der weitaus überzeugenderen Newcomerin Bryce Dallas Howard gespielt wird, zeigt sich vor allem auch das Dilemma der wohlmeinenden Gutmenschen linksliberaler Prägung in Europa, deren idealisierte Vorstellungen von Aufklärung und Selbstbestimmung unterdrückter Völker an der Realität zu scheitern drohen. Grace sät Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - und erntet Anarchie.

Man kann "Manderlay" also auch als Selbstgespräch eines dänischen Poltergeistes sehen, der die Welt zwar mit seinen Filmen heimsucht, sich aber bewusst ist, dass auch er die Welt nicht verbessern kann.


Manderlay

Dänemark, Frankreich, Schweden, Niederlande, Deutschland 2005. Regie und Buch: Lars von Trier. Darsteller: Bryce Dallas Howard, Willem Dafoe, Danny Glover, Isaach De Bankolé, Lauren Bacall, Jean-Marc Barr, Jeremy Davies. Produktion: Zentropa Entertainment, u.a.. Verleih: Neue Visionen. Länge: 139 Minuten. Start: 10. November 2005

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
"Manderlay": Kino mit der Brecht-Stange

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: