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Manoel de Oliveira wird 100: Filmen, um zu überleben

Von Tilo Wagner, Lissabon

Er ist der älteste noch arbeitende Regisseur der Welt: Manoel de Oliveira wird 100 Jahre alt und blickt auf eine bewegte Karriere voller politischer Hindernisse und verspäteter Erfolge zurück. Der neueste Film des Altmeisters wird im Februar auf der Berlinale zu sehen sein.

Als sein Vater ihn zum ersten Mal mit ins Kino nahm, sah der achtjährige Manoel de Oliveira einen Stummfilm. Auch wenn der Ton im Jahr 1917 noch nicht in die Filmtheater eingekehrt war, hat der Portugiese die Faszination für die bewegten Bilder seither nicht mehr verloren.

Manoel der Oliveira, der laut Geburteneintrag an diesem Freitag, laut portugiesischen Medien allerdings schon am Donnerstag 100 Jahre alt wird, wuchs in einer wohlhabenden Industriellenfamilie auf. Die Bilder aus seiner Jugend lesen sich selbst wie ein Film über die zwanziger Jahre: Im schicken Tweed und mit weißer Fliegerkappe hinter dem Lenkrad eines offenen Rennwagens; zwischen Badenixen an den Stränden seiner Heimatstadt Porto; oder als Schauspieler mit muskulösem Oberkörper.

Doch an einem dieser Abende, als Manoel de Oliveira aus seinem filmreifen Leben in die Welt der bewegten Bilder abtauchte, sah er den Montagefilm "Berlin: Die Sinfonie der Großstadt" von Walter Ruttmann. Oliveira beschloss, Filmemacher zu werden. Sein erstes Werk, 1931 gedreht, hieß "Douro, faina fluvial", ein Dokumentarfilm über den Fluss Douro, der wegen seiner Bedeutung für den Weinbau und den Handel das Leben in Nordportugal entscheidend geprägt hat.

Produktivität im Alter

Es wurde ein Film mit offenem Visier, der Oliveiras Landleute zwar liebevoll präsentierte, aber auch die sozialen Gegensätze eines streckenweise bitterarmen Agrarlandes offenlegte. Diese Art der Kritik schmeckte dem gerade etablierten Salazar-Regime gar nicht recht. Die Finanzierung weiterer kritischer Filme wurde Oliveira schwergemacht, zudem geriet sein erster Spielfilm "Aniki-Bóbó" 1941 zum kommerziellen Misserfolg, so dass er bis zum Ende der Diktatur Anfang der siebziger Jahre durch die "Nelkenrevolution" nur drei weitere Filme und eine Handvoll Dokumentationen abschließen konnte.

In der Zwischenzeit widmete sich Oliveira dem Winzertum und stellte in den Weinbergen seiner Familie am Douro-Fluss Portwein her. Mit zunehmendem Alter wurde der früh verhinderte Filmemacher immer produktiver. Seit 1990, also mit Beginn seines 82. Lebensjahres, drehte der Portugiese jedes Jahr einen Film. Möglich war dies nur, weil Oliveiras Filme mit verhältnismäßig geringem Etat produziert wurden.

Seine Kunst ließ das zu: Oliveiras Vorstellungen vom Film sind eng mit dem Theater verbunden. Mit langsamen Einstellungen, langen Dialogen und wenigen Schnitten vertraute Oliveira vor allem auf die Kraft der Worte und der stillen Bilder. Die literarischen Vorlagen kamen meist von befreundeten portugiesischen Schriftstellern.

Zu den wichtigsten Werken Oliveiras gehört die sogenannte "Tetralogie gescheiterter Liebe", zu denen Filme wie "O Passado e o Presente" ("Vergangenheit und Gegenwart") und "Amor de Perdição" ("Das Verhängnis der Liebe") gehören, mit denen der Regisseur in den achtziger und neunziger Jahren auf Festivals zum Kritikerliebling wurde.

Durch die zurückhaltende Regie rückten die Fähigkeiten der Schauspieler in Oliveiras Filmen in den Vordergrund, weshalb es nicht lange dauerte, bis internationale Weltstars wie Catherine Deneuve ("O Convento") und Marcello Mastroianni ("Reise an den Anfang der Welt") an seine Tür klopften.

Doch das Auftauchen der Filmstars stellte Paulo Branco, der mehr als zwanzig Oliveira-Filme produzierte und an der Seite des Altmeisters zu Portugals bedeutendsten Filmproduzenten aufstieg, vor finanziell schwer lösbare Aufgaben.

So musste Branco in den achtziger Jahren zum ersten Mal auf eine Filmmesse nach Mailand fliegen, um Geld für einen hoffnungslos überschuldeten Oliveira-Film aufzutreiben. Glücklicherweise traf er den israelischen Produzenten Menahem Golan, der ihm auf einer Papierserviette den Vertrag über die internationalen Rechte an dem Film skizzierte und so die Produktion sicherte.

Insbesondere im Kreis des Autorenkinos machte Manoel de Oliveira sich sehr beliebt. Seine Filme standen immer wieder in den Wettbewerben der großen europäischen Filmfestivals. Zu Beginn des Jahres wurde er in Cannes für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Wim Wenders, mit dem Oliveira gut befreundet ist, gab dem Portugiesen eine ganz besondere Hommage, indem er ihm einen Gastauftritt in seinem Film "Lisbon Story" schenkte.

Von der Kritik gefeiert, vom Publikum verschmäht

Dagegen war das Verhältnis von Manoel de Oliveira zu seinem Heimatland nicht immer reibungslos. Seine Filme, die meist nur in zwei oder drei Programmkinos in Lissabon laufen, werden von der portugiesischen Kritik zwar gelobt, finden jedoch beim Publikum kaum Beachtung. Viele Portugiesen können mit den intellektuellen Diskursen des Altmeisters wenig anfangen. Dabei gibt es wohl kaum einen Künstler, der sich wie Oliveira so ausführlich mit Portugal und seinen kulturellen wie religiösen Wurzeln beschäftigt hat.

Zumindest im Jahr seines 100. Geburtstages hat Manoel de Oliveira in Portugal eine bisher nicht erreichte Aufmerksamkeit erfahren. Zwei große Ausstellungen und Retrospektiven wurden in Porto und Lissabon im Beisein politischer Prominenz eröffnet, im zweiten öffentlich-rechtlichen Fernsehkanal waren mehrere Oliveira-Filme hintereinander zu sehen und in Porto wurde sogar eine Lokomotive auf den Namen seines ersten Spielfilms getauft.

Wer Ehrungen und Geburtstagsfeiern veranstalten wollte, musste aber früh dran sein. Denn der Regisseur verkündete schon im November, dass er an seinem 100. Wiegenfest genau das machen würde, was er immer an Geburtstagen zu tun pflegte: einen Film drehen. Da Oliveira sein neuestes Werk "Eigenarten eines blonden Mädchens" noch bis zur Berlinale fertigstellen will, ist der Geburtstag ganz seiner liebsten Beschäftigung gewidmet.

Das Filmen ist für den 100-jährigen aber auch zu einer Form des Überlebens geworden. In einem Brief an einen befreundeten Journalisten schrieb Manoel de Oliveira im vergangenen Jahr: "Alles löst sich in Nichts auf. Meine Erinnerung ist in die Zukunft gerichtet, auf eine unersättliche Lust, die Schwierigkeiten zu überbrücken, um meine Spielfilme zu drehen."

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