Psychothriller "Maps to the Stars" Fahr zur Hölle, Hollywood

Kranke Traumfabrik: David Cronenberg widmet sich in "Maps to the Stars" den Therapie- und Drogensüchten systemgeschädigter Schauspieler. Eine Tragödie der Verdorben- und Verlorenheit.


Triff die Weiss Family! Da gibt es Vater Stafford (John Cusack): Motivations-Guru, der mit einer eigenen TV-Show, Akupunktur und geschärftem Geschäftssinn Schauspieler mit deren Traumata behandelt. Da ist Mutter Christina (Olivia Williams): eiskalte Managerin und Treuhänderin ihres Sohnes Benji (Evan Bird).

Und da gibt es noch den Sohn: Bereits mit 13 Jahren ist er ein imposanter Drogenkarrierist und ausgesprochenes Ekel. Doch als Serien- und Kinostar befindet er sich gerade auf dem Höhepunkt seiner jungen Karriere. Die 18-jährige Tochter Agatha (Mia Wasikowska) hat ebenfalls bereits ein aufregendes Leben hinter sich: Nach einigen Jahren wird sie aus der Psychiatrie entlassen. Was sie hat? Man muss das gar nicht aussprechen, ihre Narben sind am ganzen Körper verteilt. Doch ob sie geheilt ist, steht in den Sternen.

Die durchschnittliche Hollywoodsippe aus der Nachbarschaft ist es also, die David Cronenberg in seiner bitteren und letztlich verstörenden Showbusinessabrechnung "Maps to the Stars" porträtiert.

Den ersten Teil seines Films hat der furchtlose, kanadische Nonkonformist mit dem Faible für inneren und äußeren Horror ("Videodrome", "Die Fliege", "Naked Lunch") als diabolische Satire mit brillanten Dialogen inszeniert: Benji wird eine Rolle angeboten, man zögert aber wegen seines überstandenen Suchtproblems. "Erwachsene in der Reha kann ein echter Karrierebooster sein", sagt die Agentin. "Bei Kindern ist das etwas anders".

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Neue Cronenberg-Tragödie: Kaputte Psychen, eiskalte Manager
Später besucht Benji als PR-Maßnahme ein todkrankes Mädchen im Krankenhaus. Nach etwas Geplausche fragt er, wie sie HIV-positiv geworden ist. "Bin ich nicht", gibt das Mädchen irritiert zurück, "ich habe Non-Hodgkin." Benji ist peinlich berührt, das Mädchen, das kurz darauf stirbt, wird ihn fortan heimsuchen: Benji sieht Geister, und kann das Trauma, das seine Schwester der Familie zufügte, immer weniger ignorieren.

Einen Geist sieht auch Havana (Julianne Moore). Die überkandidelte Schauspielerin, die mit ihrem Egoismus und ihrer Verzweiflung an Norma Desmond aus "Sunset Boulevard" erinnert, wird regelmäßig von ihrer toten Mutter gepiesackt. Das Timing passt, denn Havana, die das Hollywoodfunktionsalter für Frauen überschritten hat, will in einer Neuverfilmung des größten filmischen Erfolgs ihrer Mutter die Hauptrolle spielen.

Ein mit Inzest, Mord und Missbrauch jonglierenden Psychothriller

Die Erzählwege werden in Cronenbergs Film zunehmend düsterer. Immer dichter steuern die systemgeschädigten Traumfabrikarbeiter auf ihre jeweiligen Abgründe zu. Auch auf der Tonebene wird der Film gespenstischer, wenn die bösen Dialoge vor einer betäubenden Atmo-Stille an Wucht gewinnen, oder Howard Shores ("Herr der Ringe") Soundkompositionen die Zerrissenheit der Handelnden unterstreichen.

Als ob sie darin den einzigen, schwindenden Hoffnungsschimmer erkennen, zitieren fast sämtliche Protagonisten irgendwann aus Paul Eluards Gedicht "Freiheit". Aber sie sind nicht frei: Als sich die Schwärze des Humors vollends in eine Schwärze der Seele gewandelt hat, galoppieren die Wahrheiten, vor der sich etwa die Weiss-Eltern gedrückt haben, lärmend über die kaputten Psychen ihrer Kinder hinweg.

So verwandelt sich das letzte Drittel von "Maps to the Stars" in einen mit Inzest, Mord und Missbrauch jonglierenden Psychothriller, bei dem man fasziniert und angeekelt zuguckt, wie präzise sämtliche Schauspieler, allen voran Julianne Moore, der in Cannes dafür der Preis als "Beste Schauspielerin" verliehen wurde, ihren Dämonen begegnen. Als ob Cronenberg die ironischen Behauptungen vom Anfang selbst dekonstruieren möchte, gönnt er dem Publikum beim kühnen Marsch aus der Satire in die Tragödie immer weniger Entspannungspausen. Die Handlung wird bizarrer.

Einzig Robert Pattinson, der bereits in Cronenbergs Börsendystopie "Cosmopolis" fast den ganzen Film lang in seiner Stretchlimousine bleiben musste, kann als etwas unbedarfter Schauspieler/Chauffeur ein kleines bisschen Spaß haben. Aus dem Auto darf er allerdings schon wieder kaum raus.

Es gab und gibt eine Menge Filme über das System Hollywood, und die Fakten und Klischees, die Cronenberg Revue passieren lässt, sind hinlänglich bekannt. Die Therapie- und Drogensucht der egomanen Darsteller, die Verdorbenheit und Verlorenheit der Hollywoodkinder, die Künstlichkeit und Vergänglichkeit dieser kreativen, erbarmungslosen Welt - Billy Wilder ("Sunset Boulevard"), Abel Ferrara ("The Blackout"), Robert Altman ("The Player") und andere haben in starken Dramen davon erzählt.

Cronenberg hat mit "Maps to the Stars" eine neue Variante der hollywoodschen Dysfunktionalität erschaffen: deftiger, aber auch verzweifelter.

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